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Terror in Istanbul Die Türkei-Strategie des IS

Der Attentäter von Istanbul stammt offenbar aus Kirgisien. Nicht das erste Mal, dass ein IS-Terrorist aus Zentralasien zuschlägt. Womöglich werden Angreifer aus diesen Staaten gezielt ausgewählt, um die Türkei zu provozieren.

Der Attentäter vom Istanbuler Reina-Klub ist noch immer auf der Flucht. Laut dem türkischen Außenminister Mevlut Cavusoglu hat die Polizei den Terroristen identifiziert. Weitere Einzelheiten teilte er nicht mit, aber türkische Medien berichten, der Täter sei kirgisischer Staatsbürger.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann zur selben Terrorzelle gehört, die auch den Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen im Juni 2016 verübt hat. Damals hatte ein dreiköpfiges Kommando der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) mit automatischen Gewehren das Feuer eröffnet und Sprengsätze gezündet. 48 Menschen kamen bei dem Attentat ums Leben, darunter auch die drei Terroristen. Die Angreifer sollen aus Kirgisien, Usbekistan und der russischen Teilrepublik Dagestan stammen.

Fahndungsfoto der türkischen Polizei

Fahndungsfoto der türkischen Polizei

Foto: Dha/ dpa

Staatsbürger aus Russland und den früheren Sowjetrepubliken Zentralasiens können visafrei in die Türkei einreisen - das macht es potentiellen Terroristen leicht, sofern sie noch nicht ins Visier der Sicherheitsbehörden gelangt sind. Fast alle Zentralasiaten sprechen zudem eine Turksprache wie Usbekisch, Kasachisch, Uigurisch oder Kirgisisch. Diese Sprachen sind eng mit dem Türkischen verwandt, das erleichtert es ihnen, sich im Land zurechtzufinden und nicht aufzufallen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan stilisiert sich gern zum Schutzpatron aller Turkvölker - ausgerechnet Angehörige dieser Brudervölker kommen nun in die Türkei, um dort Anschläge zu verüben. Möglicherweise wählt der IS die Angreifer aus diesen Staaten ganz gezielt aus, um den türkischen Staat zu provozieren.

Video aus dem Istanbuler Nachtclub Reina nach dem Terrorangriff

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Rund 4000 IS-Kämpfer stammen aus Zentralasien

Der Attentäter aus der Neujahrsnacht soll im November mit einer Frau und zwei Kindern aus Syrien in die Türkei gelangt sein. Unklar ist bislang, ob er über einen Grenzübergang regulär einreiste oder die syrisch-türkische Grenze illegal überquerte.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Terrorist vom IS in Syrien militärisch ausgebildet wurde. Darauf deutet sein Verhalten am Tatort hin: Der Mann habe im Nachtclub Reina gezielt auf die Oberkörper der Opfer gefeuert, nur wenige Kugeln sollen ihr Ziel verfehlt haben. Mehrfach wechselte er während der Tat das Magazin seiner Waffe. Vor seiner Flucht besaß der Attentäter die Ruhe, sich in der Küche des Lokals umzuziehen, um anschließend unerkannt in einem Taxi zu flüchten. Der Fahrer soll ihn vor einem Restaurant im Stadtteil Zeytinburnu abgesetzt haben, das von Uiguren aus der chinesischen Provinz Xinjiang betrieben wird.

Islamisten aus Zentralasien spielen beim IS eine immer wichtigere Rolle, insgesamt dürften es rund 4000 Kämpfer sein. Mindestens 600 Personen allein aus Kirgisien sollen sich nach offiziellen Angaben der Behörden in Bischkek der Terrormiliz im Irak und in Syrien angeschlossen haben. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Im Juli 2015 hatte der IS ein neun Minuten langes Video veröffentlicht, in dem die Terrororganisation explizit Kirgisen dazu aufrief, nach Syrien und in den Irak zu kommen.

Zahl der Moscheen in Kirgisien drastisch gestiegen

Kirgisien ist zwar seit Jahrhunderten islamisch geprägt, religiöse Kräfte haben aber erst seit dem Zerfall der Sowjetunion regen Zulauf erhalten. 1990 gab es in Kirgisien 39 Moscheen, heute sind es rund 2600. Viele Gemeinden werden von Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten finanziert. Die Imame predigen dort einen fundamentalistischen Islam, der wenig mit den Traditionen Kirgisiens zu tun hat. Dieses Klima bietet den Nährboden für islamistisches Gedankengut.

Ähnliches gilt für die Nachbarstaaten Usbekistan und Kasachstan. Hunderte Islamisten sind von dort in den vergangenen Jahren in den Dschihad gezogen, fast alle von ihnen mit ihren Familien. Der IS hat mehrfach Videos veröffentlicht, die Kindersoldaten bei der militärischen Ausbildung zeigen - viele von ihnen stammen aus Zentralasien. Mehrfach waren Jungen aus zentralasiatischen Staaten an den Erschießungen angeblicher Spione vor laufenden Kameras beteiligt.

Wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, müssen sie fürchten, für lange Zeit ins Gefängnis zu wandern. Das könnte sie dazu verleiten, bis zum Letzten für den IS zu kämpfen und sich auch für Anschläge zur Verfügung zu stellen.

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