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01. Juni 2013, 13:36 Uhr

Proteste in Istanbul

Zehntausende Türken strömen auf den Taksim-Platz

In Istanbul strömen Zehntausende Demonstranten auf den Taksim-Platz, die Polizei zieht sich zurück. Während Präsident Gül zu Besonnenheit aufruft, will Premier Erdogan durchgreifen lassen. An dem umstrittenen Bauvorhaben im Gezi-Park hält er fest.

Istanbul - Die türkische Polizei hat nach heftigen Zusammenstößen mit Zehntausenden Demonstranten am Samstag mit dem Rückzug vom zentralen Taksim-Platz in Istanbul begonnen. Auf Live-Bildern des türkischen Nachrichtensenders NTV war zu sehen, wie Zehntausende jubelnde Demonstranten auf den Platz strömten.

Die Proteste waren am Freitag eskaliert, als die Polizei ein Camp von Demonstranten gegen ein Bauvorhaben in Istanbul brutal räumte. Der Gezi-Park soll einem Einkaufszentrum weichen. Inzwischen richten sich die Proteste gegen die als immer autoritärer empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP. Schon am Freitag und in der Nacht zum Samstag setzte die Polizei Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer gegen Teilnehmer des Protests eingesetzt.

Der türkische Präsident Abdullah Gül rief zu Ruhe und Besonnenheit auf. Die Proteste hätten ein "besorgniserregendes Niveau" erreicht, erklärte Gül am Samstag in Ankara. Er forderte alle Beteiligten auf, "gesunden Menschenverstand" walten zu lassen. Von der Polizei verlangte er, "angemessen" auf die Proteste zu reagieren.

Erdogan will Polizei durchgreifen lassen

Zuvor hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan angekündigt, bei den Straßenschlachten in der türkischen Metropole weiter gegen die Demonstranten durchzugreifen. Die Polizei werde am Samstag und Sonntag am Ort des Geschehens im Stadtzentrum präsent bleiben, sagte Erdogan in einer Rede, die im Fernsehen übertragen wurde. Der Taksim-Platz dürfe "kein Ort sein, an dem Extremisten machen können, was sie wollen".

Seine Regierung werde die nötigen Vorkehrungen treffen, um "die Sicherheit von Menschen und ihres Eigentums" zu gewährleisten, sagte Erdogan. Zugleich bekräftigte er, an dem Bauvorhaben im Gezi-Park am Taksim-Platz festzuhalten, gegen das sich die Proteste richten. Rund um den zentralen Platz setzte die Polizei am Vormittag erneut Wasserwerfer und Tränengas gegen die Protestierer ein. Das berichteten Augenzeugen.

Wasserwerfer und Tränengas

Zusammenstöße mit der Polizei wurden auch aus dem Stadtviertel Besiktas gemeldet. Die Protestwelle erfasste zudem weitere Städte in der Türkei. Bei den Straßenschlachten wurden laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mehr als hundert Menschen verletzt. Die Demonstranten und Beobachter gehen davon aus, dass es angesichts der Härte des Einsatzes und einer großen Zahl von Rettungswagen Hunderte Verletzte gegeben hat. Die Behörden haben dies bislang nicht bestätigt. Nach offiziellen Angaben wurden zwölf Menschen im Krankenhaus behandelt, darunter eine Frau mit einem Schädelbruch. Die Polizei berichtete von 63 Festnahmen.

Die aktuellen Proteste in Istanbul gehören zu den stärksten seit dem Amtsantritt von Erdogan vor mehr als zehn Jahren. Erdogan räumte ein, der Polizeieinsatz sei unangemessen hart gewesen. Er habe eine Untersuchung angeordnet. Er forderte aber Demonstranten auf, die Proteste zu beenden. Die gewählte Regierung werde sich nicht einer Minderheit beugen. Mehrere Oppositionsparteien haben ein Ende des Polizeieinsatzes gefordert.

wit/ore/AFP/Reuters/dpa

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