Istanbul Linksextremisten nehmen Staatsanwalt als Geisel

Türkische Linksextremisten haben einen Staatsanwalt in ihrer Gewalt. Sie wollen ein Geständnis von den Polizisten erpressen, die einen jungen Gezi-Demonstranten getötet haben. Die Polizei verhandelt mit den Geiselnehmern.

Polizisten vor dem Justizpalast: Geiselnahme in Istanbul
DPA

Polizisten vor dem Justizpalast: Geiselnahme in Istanbul

Von , Istanbul


Gegen Mittag stürmten die Männer den Justizpalast in Istanbul und überwältigten den Staatsanwalt Mehmet Selim Kiraz. Anschließend ließ sich einer der Geiselnehmer zusammen mit Kiraz fotografieren, wie er ihm eine Pistole an die Schläfe hält. Die Geiselnehmer hatten sich noch die Zeit genommen, vorher Flaggen der verbotenen Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) anzubringen: roter Hintergrund mit gelb-rotem Stern und eine weitere, in der auch Hammer und Sichel zu sehen sind.

Zusammen mit den Fotos verbreiteten die Angreifer ihre Forderung über die sozialen Medien, dass die Polizisten, die verantwortlich sind für den Tod von Berkin Elvan, ein Geständnis ablegen und verurteilt werden sollten. Eine Webseite, die der DHKP-C nahe steht, teilte mit, die Geiselnehmer hätten eine dreistündige Frist zur Erfüllung ihrer Forderungen gesetzt.

Mittlerweile teilte der Polizeichef von Istanbul mit, dass es sich um zwei Angreifer handle und die Polizei in Verhandlungen mit ihnen sei.

Der 15-jährige Elvan war im März 2014 nach neun Monaten im Koma gestorben . Er war während der Gezi-Proteste 2013 in Istanbul von einem Tränengasgeschoss getroffen worden, als er nach Angaben seiner Eltern auf dem Weg zum Bäcker war. Der verantwortliche Polizist ist bis heute nicht bekannt, niemand wurde wegen der Tat zur Rechenschaft gezogen.

Den Geiselnehmern zufolge müssten die Verantwortlichen für Elvans Tod ihr Geständnis vor laufender Kamera ablegen und sich einem "Volksgericht" stellen. Zudem sollten sämtliche Anklagen gegen Menschen, die sich an Solidaritätsdemonstrationen für Elvan beteiligt hätten, fallen gelassen werden.

Die türkische Regierung, darunter Recep Tayyip Erdogan persönlich als damaliger Regierungschef, hatte Elvan dagegen als "Terroristen" und "Provokateur" bezeichnet, der Steine gegen Polizisten geschleudert haben soll.

Der sechste Stock des Istanbuler Justizpalastes war am Nachmittag abgeriegelt, Sicherheitskräfte sperrten das Gebäude weiträumig ab. Türkischen Medienberichten zufolge werde derzeit mit den Terroristen verhandelt. Nach Angaben der Polizei ist auch ein Sondereinsatzkommando im Einsatz, um die Geiselnahme zu beenden. Wie viele Geiselnehmer sich im Gebäude befinden, ist derzeit unklar.

Die DHKP-C ist eine marxistisch-leninistische Untergrundorganisation. Sie wird auch für einen Anschlag auf die US-Botschaft in Ankara im Jahr 2013 verantwortlich gemacht, bei dem der Selbstmordattentäter und ein türkischer Wachmann ums Leben kamen.

Der Autor auf Facebook



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.