Bürgermeisterwahl in Istanbul Erdogan gratuliert Oppositionskandidat Imamoglu zum Sieg

"Der nationale Wille hat sich gezeigt": Anders als bei der ersten Abstimmung scheint Präsident Erdogan das Wahlergebnis in Istanbul zu akzeptieren.

Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Verlassen der Wahlkabine in Istanbul
Murad Sezer/REUTERS

Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Verlassen der Wahlkabine in Istanbul


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat dem Oppositionspolitiker Ekrem Imamoglu zu seinem Sieg bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul gratuliert. "Der nationale Wille hat sich heute einmal mehr gezeigt. Ich gratuliere Ekrem Imamoglu, der inoffiziellen Ergebnissen zufolge die Wahl gewonnen hat", schrieb Erdogan auf Twitter.

Imamoglu hat die Bürgermeisterwahl in Istanbul nach vorläufigen Ergebnissen deutlich vor seinem Gegner, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Binali Yildirim, gewonnen.

Imamoglu hatte schon die erste Bürgermeisterwahl am 31. März knapp gewonnen. Die Wahlkommission (YSK) annullierte das Ergebnis jedoch Anfang Mai wegen angeblicher Regelwidrigkeiten und gab damit einem Antrag von Erdogans AKP statt. Erdogan hatte von "Diebstahl an den Urnen" gesprochen.

Zuvor hatte bereits der Erdogan-Vertraute und AKP-Kandidat Yildirim seinem Kontrahenten zum Wahlsieg gratuliert. Das Ergebnis ist ein Rückschlag für Erdogan und seine regierende AKP. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Nach der ersten Wahl im März hatte Imamoglu einen hauchdünnen Vorsprung von etwa 14.000 Stimmen. Der Abstand zwischen den beiden Kandidaten betrug nun nach Auszählung von 97,4 Prozent der Stimmen mehr als 730.000 Stimmen. Der Istanbuler Bürgermeisterposten ist der wichtigste im Land. In Istanbul leben mit rund 16 Millionen Menschen fast 20 Prozent aller Türken.

koe/dpa

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neurobi 23.06.2019
1. Es gibt noch Hoffnung für die Türkei!
Gut zu sehen, dass Erdogan es offensichtlich nicht wagt die Demokratie in der Türkei entgültig zu begraben. Ich hoffe das er auch nicht im Nachhinein versuchen wird, diesen Stachel im Fleisch zu beseitigen. Er weiß, dass hätte er die Wahl abermals nicht anerkannt, die Türkei wäre in Flammen aufgegangen.
Nierengulasch 23.06.2019
2. Wahrscheinlich...
...waren in den gestohlenen Urnen nur Stimmen für Imamoglu drin. Gut das Erdogan dafür gesorgt hat, dass diese verlorenen Stimmen jetzt ihren Beitrag zur Demokratie leisten können. Vielen Dank, Hr. Erdogan!
SonstNichts 23.06.2019
3. Wir werden sehen
Erdogan hat offensichtlich eine Lösung gefunden. Entweder hat er Imamoglu gekauft oder ihm die Instrumente gezeigt. Wir werden sehen.
tomhagen 23.06.2019
4. Mal die nächsten Tage abwarten...
... ob der "Terrorist" und "Grieche" Imamoglu tatsächlich sein Amt antreten und ausüben kann - so wurde er nämlich bezeichnet. Die Zeit seit der letzten Wahl wurde genutzt, um die Zahlungsströme in der Grossstadtverwaltung umzulenken: weg von der Grossstadt, mehr direkte Entscheidungsgewalt über zentrale Direktzuweisungen für die einzelnen Verwaltungsbezirke innerhalb Istanbuls. Mehrheitlich in AKP-Hand. Insofern hat das Wiederholungstheater der AKP geholfen, indem man die Hände in den Honigtöpfchen lassen kann. Auch abzuwarten bleibt, wie sich jetzt landesweit die Politik verhält: die AKP regiert in Koalition mit der ("faschistoiden") MHP - wenn diese die Koalition verlässt, drohen recht baldige Neuwahlen. Dreh- und Angelpunkt bleibt die Wirtschaft: derzeit ist die rechtsstaatlich geschliffene Türkei in einer veritablen Wirtschaftskrise, welche sich so schnell nicht bessern dürfte - da sich an den Rahmenparametern nichts ändert. Die CHP hat jetzt erstmalig einen Politstar in ihren Reihen, dem man mehr zutraut. Aber er muss jetzt erstmal ein paar Jahre Vertrauen rechtfertigen und sich Meriten erwerben, die ihn für mehr qualifizieren. Erstmal ein positives Zwischenergebnis, aber mal abwarten, wie es weitergeht. Tippe auf eine heisse zweite Jahreshälfte. Ein außenpolitischer Konflikt wird jetzt im Präsidentenpalast benötigt... um Stärke zu zeigen. Das dürfte das nächste Thema werden. Wag the dog!
hugahuga 23.06.2019
5.
Auch nach erfolgreicher Wahl, halte ich jegliche Euphorie für verfrüht und im übrigen auch für unangebracht. Es ist und bleibt eine innertürkische Angelegenheit. In Anbetracht der Machtbefugnisse, über die Erdogan nach wie vor verfügt, könnten - bei ungeschicktem Vorgehen bzw verfrühtem Jubelgeschrei - sich die Dinge sehr schnell ändern. Hier ist ein langer Atem, diplomatisches Geschick erforderlich, denn eine Spaltung der türkischen Gesellschaft kann sicher nicht im Sinne der Bürger des Landes sein. Im Ausland mag man das grobkörniger beurteilen - weil man hier eher einem Wunschglauben nachhängt.
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