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Explosionen in Istanbul Erdogan und Nato verurteilen Terrorakt

Zwei Bomben, gezündet innerhalb einer Minute: Im Istanbuler Stadtteil Besiktas sind Dutzende Menschen gestorben. Die türkische Regierung und ihre Verbündeten sprechen von einem "furchtbaren Terrorakt".

Bei zwei Bombenanschlägen in Istanbul sind mindestens 38 Menschen gestorben und 155 verletzt worden. Unter den Toten sind 30 Polizisten. Das teilte Innenminister Süleyman Soylu mit. Die Taten lösten international Wut und Bestürzung aus.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte die Taten nach Angaben der staatlichen Agentur Anadolu aufs Schärfste und bezeichnete die Anschläge als "abscheulich" und als "Terrorakt". Die Menschen in Istanbul hätten wieder einmal "das hässliche Gesicht des Terrorismus" miterlebt, der Werte und Moral mit Füßen trete. Niemand solle daran zweifeln, dass das Land den Terror überwinden werde.

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Bombenanschlag in Istanbul: 45 Sekunden Terror

Foto: YASIN AKGUL/ AFP

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete den Anschlag in einer ersten Reaktion als "furchtbaren Terrorakt". Die Türkei ist Mitglied der Allianz. Ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA sagte: "Wir stehen der Türkei zur Seite, unserem Nato-Verbündeten, gegen alle Terroristen, die die Türkei, die USA und den Weltfrieden und die Stabilität bedrohen." Ministerpräsident Binali Yildirim ordnete eine eintägige Staatstrauer an. Die Flaggen sollten am Sonntag auf halbmast gesetzt werden.

Selbstmordattentäter soll sich in Polizistengruppe in die Luft gesprengt haben

Die Anschläge ereigneten sich am Samstagabend im Stadtteil Besiktas, einem beliebten Ausgehviertel im europäischen Teil Istanbuls. Es werde vermutet, dass die Attacken vor allem der Sondereinsatzpolizei galten, sagte der Innenminister nach Angaben des Senders CNN Türk.

Eine Autobombe war etwa anderthalb Stunden nach dem Fußballspiel der Erstligisten Besiktas Istanbul und Bursaspor. Soylu unweit des Stadions explodiert. Der Anschlag galt laut Soylu einem Bus mit Polizisten, die das Fußballspiel abgesichert hatten. Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Zuschauer schon zerstreut, unter den Fußballfans gab es nach Angaben der beiden Vereine keine Verletzten. Das Match zwischen den verfeindeten Mannschaften galt als Hochrisikospiel, bei dem die Polizei Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen verhindern sollte..

Etwa 45 Sekunden nach der ersten Explosion habe in der Nähe des Parks Macka ein Selbstmordattentäter inmitten einer Gruppe Polizisten einen Sprengsatz gezündet, sagte Innenminister Soylu. Der Park liegt ebenfalls im Viertel Besiktas.

Auf Fernsehbildern waren in der Nacht Rettungswagen zu sehen, die zur Unfallstelle rasten. Mehrere zerstörte Autos wurden gezeigt, darunter ein Minibus und ein von der Explosion getroffener Wasserwerfer. Nach Angaben von Augenzeugen gingen zudem mehrere Fenster von benachbarten Häusern zu Bruch.

Zehn Personen festgenommen

Die Explosionen waren mehrere Kilometer weit zu hören. Die Behörden sprengten in der Nacht zum Sonntag ein verdächtiges Fahrzeug. Dies sei in der Nähe des Besiktas-Fußballstadions erfolgt. Die Polizei riegelte das gesamte Gebiet rund um die Arena ab, die Gegend zwischen dem Taksim-Platz und dem ehemaligen Sultanspalast Dolmabahce.

Nach Angaben von Innenminister Soylu wurden bereits kurz nach dem Anschlag zehn Verdächtige festgenommen und in Gewahrsam genommen. Inzwischen ist die Zahl der Festgenommenen auf 13 gestiegen. Ihre Identität ist unklar. Laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu übernahm die Anti-Terror-Abteilung der Istanbuler Staatsanwaltschaft die Ermittlungen.

Bislang hat sich niemand zu den Anschlägen bekannt. Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK oder deren Splittergruppe TAK haben in der Türkei schon Anschläge auf Sicherheitskräfte verübt. Die türkische Regierung macht aber auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) für zahlreiche Attentate im Land verantwortlich.

Das Auswärtige Amt empfahl allen Reisenden in Istanbul, vorerst in ihren Hotels und Unterkünften zu bleiben und sich über Reisehinweise und die Medien über die weitere Lage zu informieren.

Unweit des Besiktas-Stadions liegt der Taksim-Platz, der lange das Symbol für den Widerstand gegen Präsident Erdogan war. Viele Besiktas-Fans gelten als regierungskritisch. Vor allem der Besiktas-Fanklub Carsi spielte während der Proteste in Istanbul im Sommer 2013 eine wichtige Rolle. 35 Mitglieder des Besiktas-Fanklubs mussten sich später wegen ihrer Rolle bei den Protesten vor Gericht verantworten. Ihnen wurde die Bildung einer terroristischen Vereinigung und der versuchte Sturz der Regierung vorgeworfen. Alle 35 wurden jedoch freigesprochen.

ulz/dpa/AFP/Reuters
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