Reaktionen zur Wahl in Istanbul "It's over, Mr President"

Deniz Yücel schreibt vom "Ende der Ära Erdogan", Mesale Tolu von einer Blamage der AKP. "Istanbul gehört der Opposition", erklärt Cem Özdemir. Und der kommissarische SPD-Chef twittert auf Türkisch. Reaktionen zur Wahl im Überblick.

Ekrem Imamoglu von der CP in Istanbul: "Das ist kein Sieg, sondern ein Neuanfang"
ONUR GUNAL/CHP PRESS OFFICE/HANDOUT/EPA-EFE/REX

Ekrem Imamoglu von der CP in Istanbul: "Das ist kein Sieg, sondern ein Neuanfang"


Es ist eine herbe Niederlage für Recep Tayyip Erdogan und seine Regierungspartei AKP: Bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul hat klar der Kandidat der größten Oppositionspartei CHP, Ekrem Imamoglu, gewonnen.

Das offizielle Wahlergebnis soll erst am Montag verkündet werden. Doch schon am Sonntagabend erklärte Recep Tayyip Erdogan: "Der nationale Wille hat sich heute einmal mehr gezeigt. Ich gratuliere Ekrem Imamoglu, der inoffiziellen Ergebnissen zufolge die Wahl gewonnen hat." Der unterlegene AKP-Kandidat Binali Yildirim wünschte seinem Kontrahenten viel Erfolg.

Ekrem Imamoglu selbst sagte vor Journalisten und Anhängern: "Das ist kein Sieg, sondern ein Neuanfang." Die Istanbuler hätten den "Ruf der Demokratie verteidigt". Er wolle Erdogan bald besuchen, sagte Imamoglu. "Ich bin bereit, in Harmonie mit ihnen zusammenzuarbeiten und verlange danach. Das verkünde ich vor allen Istanbulern." In der Stadt werde es nun "Gerechtigkeit, Gleichheit, Liebe und Toleranz geben", sagte er. "Verschwendung, Luxus, Arroganz und Diskriminierung werden ein Ende haben."

"Istanbul beweist eindrücklich, dass sich Mehrheiten gegen Polarisierung und Ausgrenzung organisieren lassen", sagte die Grünenpolitikerin Claudia Roth. Imamoglus Wahlsieg sei "ein Signal von Demokratie und Rechtsstaat, von Pluralität und Vielfalt", erklärte die Vizepräsidentin des Bundestags während eines Besuchs in Istanbul.

Ihr Parteikollege Cem Özdemir schrieb bei Twitter, dass "Neuauszählung, Wiederholung, Gleichschaltung der Presse, Verhaftungen, Einschüchterungen" nicht geholfen haben: "Die AKP muss ihre Niederlage einräumen. Istanbul gehört der Opposition & Ekrem Imamoglu."

Der kommissarische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel gratulierte Imamoglu bei Twitter auf Deutsch und auf Türkisch zum Wahlsieg. "Das Ergebnis möge der ganzen Türkei Segen bringen." Auch der deutsche Europastaatsminister Michael Roth (SPD) beglückwünschte Imamoglu via Twitter und schrieb: "Was für ein Mut machendes Signal für eine demokratisch lebendige Türkei!"

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) gratulierte via Twitter: "Respekt vor einer starken Zivilgesellschaft und Respekt vor einem Land mit freien Wahlen", schrieb er. Seine Parteikollegin Serap Güler sieht in dem Wahlausgang eigenen Angaben zufolge die "beste Nachricht, die seit Langem aus der Türkei kam".

Linken-Chefin Katja Kipping schrieb bei Twitter von einem "historischen Tag" für die Türkei. "Das ist der Anfang vom Ende der Ära Erdogan und die Rückkehr der Demokratie."

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu saß 2017 fast acht Monate lang in türkischer Untersuchungshaft, im Oktober soll der Prozess gegen sie in der Türkei fortgesetzt werden. Nun schrieb sie in einem Kommentar bei "T-Online" über das Wahlergebnis, Erdogan verliere mehr als nur Istanbul. "Die AKP hat sich erneut blamiert und kann nach dieser Niederlage nicht mehr umsteuern. Nach und nach wird, wie Imamoglu sagte, die Bevölkerung merken, dass sie sich im ganzen Land eine ähnliche Veränderung wie in Istanbul wünscht."

Der "Welt"-Journalist Deniz Yücel saß ein Jahr lang ohne Anklage in der Türkei in Untersuchungshaft, im Februar 2018 kam er frei, der Prozess gegen ihn dauert ebenfalls an. Auch er kommentierte nun den Ausgang der Wahl in Istanbul: "An diesem Juniabend beginnt das Ende der Ära Erdogan", heißt es da. Via Twitter schrieb Yücel: "It's over, Mr President."

aar/dpa

insgesamt 22 Beiträge
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casper2019 24.06.2019
1. Anfang vom Ende
Kein Diktator kann unendlich regieren. İch hoffe die Bande AKP wird zu Rechenschaft gezogen.
stefan.p1 24.06.2019
2. Nichts aus der Geschichte gelernt,Spon?
Schon vergessen das die USA nicht nur aus der Ost und der Westküste besteht? Genau wie in den USA wird in der Türkei nicht nur in den Regionen gewählt in denen die linksliberale Politik von Spon und Co bevorzugt wird. Der Großteil der Türken und auch die in Deutschland stehen hinter Erdogan und der will ja nicht mehr Bürgermeister von Istanbul werden, sondern der Präsident aller Türken bleiben. Da ist Istanbul zwar ein Rückschlag, aber es gibt noch ungefar 45Mio anderer Wähler in der Türkei bei dem das Votum , Stand jetzt, wohl anders ausfallen wird. Und die Kommentatoren die Spon hier abgedruckt hat, sind ja in Ihrer Einseitigkeit kaum zu überbieten.
Schlaflöwe 24.06.2019
3. Das System Erdogan
ist noch lange nicht am Ende. Leider.
HeinzLambertus 24.06.2019
4. Ein Aufatmen
und en gutes Zeichen für die Zukunft. Kenne als Urlauber die Türkei sehr gut. Hab in Istanbul nur nette und höfliche Menschen erlebt, daher freu ich mich, dass sie ihre Zukunft jetzt freier gestalten können. Auch eine Entspannung in den zwischenstaatlichen Beziehungen werden sich abzeichen.
valensine 24.06.2019
5. Erinnerungsvermögen
Ich erinnere mich noch gut daran, wie all die selbsternannten Demokraten in Deutschland in den 2000er Jahren gegen die Laizisten (Säkularen) und Atatürk-Anhänger in der Türkei waren und eben gegen diese agiert hatten. Jene, die jetzt hart kritisiert werden, hatte man mit Kusshand unterstützt, ohne wenn und aber. Jetzt frage ich mich: Wer wollte, dass es in der Türkei so kommt wie es kam...?
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