Italien-Besuch Bush, "Sir Benedikt" und Tränengas

Christen im Irak, Italiener in Afghanistan: Bei seinem Italien- und Vatikan-Besuch sprach George Bush mit dem Papst und Regierungschef Romano Prodi über den Weltfrieden. Am Rande der Visite kam es auf einer Demonstration gegen Bushs Politik zu Ausschreitungen.


Rom - US-Präsident George W. Bush und der italienische Regierungschef Romano Prodi haben bei ihrem Treffen in Rom die Freundschaft beider Staaten und ihre Gemeinsamkeiten in politischen Fragen hervorgehoben. "Wir haben dieselbe Position hinsichtlich der schwierigen Frage des Iran und bezüglich der Gefahr der Verbreitung von Atomwaffen", sagte Prodi bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bush im Anschluss an das Gespräch. Italien und die USA setzten sich gemeinsam dafür ein, Druck auf die iranische Regierung auszuüben, damit diese die Grenzen der friedlichen und kontrollierten Nutzung der Atomenergie nicht überschreite. Bush dankte Italien für dessen Führungsrolle im Libanon.

George Bush und Romano Prodi: "Wir haben dieselbe Position hinsichtlich der schwierigen Frage des Iran und bezüglich der Gefahr der Verbreitung von Atomwaffen"
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George Bush und Romano Prodi: "Wir haben dieselbe Position hinsichtlich der schwierigen Frage des Iran und bezüglich der Gefahr der Verbreitung von Atomwaffen"

Für Differenzen zwischen Washington und Rom sorgte allerdings zuletzt der Afghanistan-Einsatz. Bush erwartet von Italien eine Verstärkung des Engagements am Hindukusch. Prodi hatte nach seinem Wahlsieg im vergangenen Jahr die italienischen Truppen aus dem Irak abgezogen, die rund 1900 Soldaten in Afghanistan blieben aber weiterhin dort stationiert. Die USA hatten außerdem die Freilassung von fünf Taliban-Kämpfern im Austausch gegen einen als Geisel genommenen italienischen Journalisten kritisiert.

Der US-Präsident hatte in einem Interview mit der italienischen Zeitung "La Stampa" angekündigt, er wolle Prodi deutlich machen, "wie wichtig der italienische Einsatz in Afghanistan ist, jetzt und in Zukunft".

Nach dem Treffen mit Bush betonte Prodi jedoch, zwischen Italien und den USA gebe es "kein ernsthaftes bilaterales Problem". Bush sagte, er freue sich bereits, Prodi in den USA zu empfangen. Mit Prodis Vorgänger, dem jetzigen Oppositionsführer Silvio Berlusconi, wollte der US-Präsident nach eigenen Angaben im Anschluss einen "Kaffee trinken gehen". "Er ist der Oppositionsführer und er ist ein Freund", sagte der US-Präsident zur Begründung. Zuvor hatte Bush betont, sein Verhältnis zu Prodi sei genauso gut wie zu Berlusconi.

Flaschenwürfe und Tränengas in den Straßen von Rom

Zehnntausende Demonstranten haben am Rande des Besuchs gegen den US-Präsidenten und die Globalisierung protestiert. Die Organisatoren sprachen von 150.000 Teilnehmern. Über mehr als einen Kilometer erstreckte sich ein Protestzug auf dem Weg zur Piazza Navona. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, als aus der Menge Flaschen und andere Gegenstände flogen. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Um das Kolosseum, der Piazza Venezia und anderen zentralen Punkten in der Innenstadt waren für den Besuch von Bush an die 10.000 Polizisten stationiert worden. An einem Platz auf der Strecke stoppte der Zug vor den Ausschreitungen kurzzeitig, als sich die Demonstranten Polizisten mit Schutzschilden gegenübersahen. Bis dahin blieb der Protest weitgehend friedlich; lediglich einige Randalierer zündeten Knallfrösche. Globalisierungskritiker und linksgerichtete Gruppen hatten zu zwei Großveranstaltungen aufgerufen. Viele Teilnehmer kamen in Zügen aus dem Norden des Landes.

"Kritische Lage der christlichen Gemeinde im Irak"

Am Vormittag war US-Präsident George W. Bush erstmals mit Papst Benedikt XVI. zusammengetroffen. Während der halbstündigen Audienz in Rom habe der Papst friedliche Lösungen für den Nahen Osten angemahnt, teilte der Vatikan mit. Neben dem Nahost-Konflikt und der Lage im Libanon sei auch die "beunruhigende Situation im Irak und die kritische Lage der christlichen Gemeinde dort" Thema gewesen. Im Nordirak waren vergangene Woche ein chaldäischer Priester und drei Diakone getötet worden.

"Wir haben nicht nur über Krieg gesprochen", sagte Bush nach seiner Audienz auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Rom. "Er ist darüber besorgt, dass die sich im Irak entwickelnde Gesellschaft nicht die christliche Religion toleriert", berichtete der amerikanische Präsident von seiner Privataudienz beim Papst. "Er macht sich Sorgen, dass die Christen im Irak von der muslimischen Minderheit misshandelt werden."

Bei dem Treffen zwischen Benedikt XVI. und George Bush kamen auch die Entwicklung Afrikas, die Lage in der sudanesischen Krisenprovinz Darfur sowie ethische und religiöse Fragen wie Menschenrechte und Religionsfreiheit zur Sprache, teilte der Vatikan weiter mit. Bush verwies auf sein Engagement im Kampf gegen Aids. Er werde im US-Kongress die Verdoppelung des US-Beitrags im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit auf 30 Milliarden Dollar beantragen, versicherte er erneut. Die Summe ist bereits in der Zusage der G-8-Staaten in Heiligendamm enthalten, in den nächsten Jahren 60 Milliarden Dollar zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose aufzubringen.

"Ich habe mit einem sehr klugen, liebenden Mann gesprochen"

Das halbstündige Gespräch mit dem Papst sei in einer herzlichen Atmosphäre verlaufen - auch wenn der US-Präsident sich einen Schnitzer erlaubt hatte. Statt das Oberhaupt der Katholiken mit "Seine Heiligkeit" anzusprechen, zollte er dem 80-Jährigen mit der in den USA üblichen Anrede "Sir" seinen Respekt. So beantwortete er in der Privatbibliothek des Papstes eine Frage von Benedikt XVI. mit einem strammen "Yes, Sir", wie Reporter berichteten. Der Papst nahm es Bush offenbar nicht weiter übel und schenkte ihm einen Stich des Petersdoms aus dem 17. Jahrhundert. Der US-Präsident brachte Benedikt XVI. einen Stab mit, auf den ein früherer Obdachloser die zehn Gebote geschrieben hatte. Bush sagte nach seiner ersten Begegnung mit dem Papst: "Ich habe mit einem sehr klugen, liebenden Mann gesprochen."

Am Morgen war der US-Präsident bereits von Italiens Staatschef Giorgio Napolitano empfangen worden. Der US-Präsident betonte bei dem Treffen nach Angaben seiner Sprecherin die Notwendigkeit, weiter internationale Gespräche über eine Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo zu führen.

Bushs Rom-Besuch wurde von massiven Sicherheitsvorkehrungen begleitet. Laut italienischer Nachrichtenagentur Ansa wurde anlässlich des Bush-Besuchs eine Gedenktafel für den 1978 von Mitgliedern der linksextremen Roten Brigaden ermordeten Politiker Aldo Moro beschmiert. Auf der Marmortafel zu Ehren des früheren italienischen Regierungschefs sei in der Nacht zu heute "Bush = Moro" geschrieben worden. Bush ließ erklären, er werte die geplanten Proteste als Zeichen einer "lebendigen und starken Demokratie". Einen Tag vor Bushs Besuch in Bulgarien demonstrierten in der Hauptstadt Sofia rund 200 Menschen gegen die Politik des US-Präsidenten.

Eine Panne brachte Bushs Sicherheitsleute kurzzeitig ins Schwitzen: Mitten in Rom blieb Bushs Auto mit einem unbekannten Problem stehen. Bushs Berater Dan Bartlett sagte, es habe zwei Minuten gedauert, die Limousine wieder in Gang zu bringen.

anr/van/AFP/AP



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