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Sant Anna di Stazzema: Virtuelle antifaschistische Stadt

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Netzerfolg in Italien Die neue Stadt der Antifaschisten

Es ist ein Zeichen gegen Rassismus und Hass: Ein italienischer Bürgermeister gründet eine virtuelle "antifaschistische Stadt". Innerhalb weniger Wochen beteiligen sich Tausende - aus der ganzen Welt.

Es war eigentlich ein schöner Morgen an jenem 12. August 1944. Die Sonne war gerade aufgegangen, die Luft war klar. Vom Dorf Sant Anna di Stazzema, gut 600 Meter hoch in den Bergen der Nord-Toskana gelegen, konnte man bis zum Meer sehen. In Friedenszeiten hatten hier etwa dreihundert Menschen gelebt. Nun, nach Jahren des Krieges, waren noch einige hundert Einwohner dazu gekommen, die sich aus den Küstenregionen hierher ins Gebirge geflüchtet hatten.

Es war ein sicherer Ort. Bis zu diesem Morgen. Bis deutsche Soldaten kamen und alle Menschen, die sie finden konnten, mit Maschinengewehrsalven niederschossen, mit Handgranaten zerfetzten oder bei lebendigem Leibe verbrannten. Die meisten Opfer waren Frauen und Kinder. Drei von ihnen, alle keine zwei Jahre alt, wurden "mit einem scharfen hölzernen Instrument" zu Tode gespießt. So schilderte es später einer der wenigen überlebenden Augenzeugen.

"270 Banditen niedergemacht," stand in der Tagesmeldung des Armeeoberkommandos 14. Während die SS-Panzergrenadiere weiterzogen, um in den nächsten Dörfern zu töten, blieben in Sant Anna etwa 500 Leichen zurück.

Heute gehört die Gemeinde zu Stazzema, ein beschauliches 3000-Einwohner-Städtchen an den Hängen der apuanischen Alpen. In Sant Anna selbst leben nur noch 30 Menschen in den wenigen verbliebenen Häusern. Das Dorf ist ein Mahnmal, ein Ort des Gedenkens an die Mordopfer der Faschisten.

Verfassung mit Füßen getreten

Es war eigentlich kein schöner Morgen an jenem 27. Dezember 2017. Wie überall in der Toskana war es auch in Stazzema kalt, windig und regnerisch. Dem Bürgermeister aber war das ziemlich egal. Maurizio Verona, 50 Jahre alt, hohe Stirn, kräftige Stimme, hatte andere Dinge im Kopf. Er dachte an den Tag, der genau 70 Jahre zurücklag. Da hatte in Rom Staatsoberhaupt Enrico de Nicola  Italiens neue Verfassung unterschrieben - eine Verfassung, die das Land "auf eine antifaschistische, liberale, demokratische Basis" stellte, wie Bürgermeister Verona sagt.

Maurizio Verona

Maurizio Verona

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Und er dachte daran, "dass manche sie heute mit Füßen treten". Menschen wie Alice Sabatini zum Beispiel, die 2015 als frisch gekürte Miss Italia verkündet hatte, sie wäre so gerne 1942 geboren worden. Dann hätte sie den Zweiten Weltkrieg erleben dürfen. Verona ärgert so etwas. Ihm bereitet es Sorgen, dass die Symbole, Gesten, Redewendungen des Faschismus immer häufiger wieder auftauchen: Im Netz, auf den Fußballplätzen, in Zeitungen, bei Politikern, bei den Menschen in den Bars und auf der Straße. "Das, was wir für stark und stabil hielten", sagte Verona, sei "in akuter Gefahr".

An jenem Dezembertag also beschloss Verona ein Zeichen zu setzen - ein Zeichen gegen Hass, gegen Rassismus, gegen Faschismus. Im Rathaus von Stazzema verkündete er seinen Plan: eine "antifaschistische Stadt".

Die Idee: Verona wollte eine virtuelle Gemeinde gründen, in der jeder Mensch online Mitbürger werden kann, der sich zur sogenannten "Charta von Stazzema" bekennt.

Charta für eine bessere Welt

Mit einigen Helfern aus dem Stadtrat und der Verwaltung setzte er den Text für die Urkunde auf. Der virtuelle Stazzema-Bürger bekennt sich demnach zu einer "Welt ohne Krieg, Terror und Unterdrückung", zu einer besseren Zukunft, zu Fortschritt mit Nachhaltigkeit, zu Schönheit und Zivilisation. "Antifaschist" sei er damit automatisch, denn Faschismus bedeute ja das Gegenteil davon, nämlich eine totalitäre und autoritäre Gesellschaft, "Ausdruck einer Vision der Welt und des Menschen, die an der Vergangenheit orientiert ist, archaisch, auf Instinkt, Gewalt, Diskriminierung, Unterdrückung und Rassismus basiert".

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Sant Anna di Stazzema: Virtuelle antifaschistische Stadt

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Zugegeben, die selbstgebastelte Charta aus den toskanischen Bergen ist weder ein schriftstellerisches noch ein juristisches Meisterwerk. Aber vielen Menschen hat sie offenkundig aus der Seele gesprochen.

In den Bars von Stazzema, in Versammlungen, beim Friseur-Tratsch war die Zustimmung riesig, erzählt Michele, ein Freund des Bürgermeisters. Und wem es nicht gefallen hat, womöglich etwa den Anhängern der rechtsradikalen Lega Nord, der "hat erst einmal die Klappe gehalten".

Mehr als 18.000 Neubürger

Die anderen schrieben sich ins virtuelle Einwohnerregister ein. Bürger aus Stazzema und Umgebung, bald aber auch Menschen aus Mailand, Florenz und Bologna. Politiker machten mit, Sozialdemokraten überwiegend, aber auch einige aus der 5-Sterne-Bewegung des Ex-Kabarettisten Beppe Grillo. Und Leute aus den Kulturbranchen, wie der Schriftsteller und Fernsehmoderator Carlo Lucarelli.

Nach etwa drei Wochen zählte die virtuelle Stadt schon 10.000 Einwohner und hatte damit mehr Bürger als 70 Prozent aller italienischen Kommunen.

Mittlerweile ist die Zahl der virtuellen Neubürger auf über 18.000 gestiegen. Er habe "nie gedacht", sagt Bürgermeister Verona nun, "dass das so ein Erfolg würde".

Aus allen Teilen der Welt rufen ihn inzwischen Menschen an, die mitmachen wollen. Über das Formular  auf der Webseite der "antifaschistischen Stadt" können sich mittlerweile auch Menschen registrieren, die keine Italiener sind. "Wir wollen die größte Kommune Italiens werden", sagt der Bürgermeister selbstbewusst. "Vielleicht so groß wie ganz Italien".