Flüchtlinge vor Italien Frontex bezeichnet Geisterschiffe als "neuen Grad der Grausamkeit"

450 Flüchtlinge trieben stundenlang auf einem Frachter ohne Besatzung über das Mittelmeer. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex befürchtet, dass solche Geisterschiffe häufiger auftauchen. Das Vorgehen der Schleuserbanden sei zunehmend grausam.
Flüchtlinge vor Italien: Frontex bezeichnet Geisterschiffe als "neuen Grad der Grausamkeit"

Flüchtlinge vor Italien: Frontex bezeichnet Geisterschiffe als "neuen Grad der Grausamkeit"

Foto: NUNZIO GIOVE/ AFP

Warschau - Bis Freitagvormittag trieb ein führerloses Handelsschiff mit 450 illegalen Einwanderern auf die italienische Küste zu - jetzt hat die EU-Grenzschutzagentur Frontex diese Methode von Schleuserbanden scharf kritisiert. Mit dem Einsatz solcher "Geisterschiffe" im Mittelmeer zeigten die Täter "einen neuen Grad der Grausamkeit", sagte eine Frontex-Sprecherin: "Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters."

Schon immer seien die internationalen Schleuserbanden rücksichtslos und menschenverachtend gewesen und hätten den Tod von Flüchtlingen auf Booten von Afrika nach Europa in Kauf genommen. "Wenn ein nicht seetüchtiges Schiff, das völlig überladen ist, in Seenot gerät, haben die im Lagerraum eingeschlossenen Menschen keine Chance", sagte sie.

Besonders kritisierte sie auch das damit verbundene "Multimillionengeschäft". Aus jedem Flüchtling würden "mehrere tausend Euro oder Dollar für den Transport auf See gepresst. Da lässt sich leicht ausrechnen, wie viel bei einem Schiff mit mehreren hundert Menschen zusammenkommt." Für die Schmuggler lohne sich daher die Rechnung, wenn ein ohnehin bereits ausgemustertes Schiff ohne Crew und Treibstoff auf dem Meer zurückgelassen werde.

Die "Ezadeen" ist unter Kontrolle

Am Donnerstagabend hatte die italienische Küstenwache gemeldet, dass ein Handelsschiff mit 450 illegalen Einwanderern aber ohne Crew auf die Küste zutreibe. Am Freitag seilten sich daraufhin sechs Männer der Küstenwache auf die 73 Meter lange "Ezadeen", die unter der Flagge von Sierra Leone fährt. Die Männer sollen das Schiff nun sicher in einen Hafen lenken.

Erst am Mittwoch waren Hunderte Menschen auf einem führerlosen Frachter vor Süditalien nur knapp einer Katastrophe entgangen. Das Schiff "Blue Sky M" mit 768 Flüchtlingen an Bord steuerte auf die Küste der Region Apulien zu, nach Medienberichten war der Autopilot aktiviert. Ohne die Einsatzkräfte wäre der Frachter wohl auf die Küste der Region Apulien geprallt, weil das Schiff sich selbst überlassen war, wie ein Sprecher der Küstenwache sagte.

Offenbar hatten Menschenschlepper die Flüchtlinge aus Westgriechenland abgeholt, um sie nach Italien zu bringen. Ein mutmaßlicher Schleuser wurde nach Angaben eines Vertreters der Justizbehörden festgenommen. Internationale Schleuserbanden versuchen immer wieder, Flüchtlinge durch das Mittelmeer nach Europa zu schaffen. Tausende Menschen sind dabei in den vergangenen Monaten ums Leben gekommen. Oft verlassen die Schleuser die Boote, bevor sie an der Küste ankommen, um einer Festnahme zu entgehen.

mxw/dpa
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