Italiens Sozialdemokraten Lebenszeichen von links

Nach ihrem Wahldebakel lagen Italiens Sozialdemokraten ein Jahr lang in Schockstarre. Jetzt melden sie sich fulminant zurück: Mit einer Massendemonstration in Mailand und der spektakulären Kür des neuen Parteichefs.

Der neue PD-Vorsitzende Nicola Zingaretti in Rom
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Der neue PD-Vorsitzende Nicola Zingaretti in Rom


Einer der ersten Wähler war Walter Veltroni. Sonntagfrüh um 8 Uhr stand der langjährige (und noch heute populäre) Bürgermeister Roms vor dem Pavillon auf der römischen Piazza Fiume, um sein Votum darüber abzugeben, wer der künftige Chef der größten Mitte-links-Partei Italiens werden solle.

Die, soweit bekannt, älteste Teilnehmerin an den sogenannten Primarien für den nächsten "Sekretär" des Partito Democratico (PD) gab ihre Stimme etwas später in Carcare ab, einem Kleinstädtchen in der norditalienischen Region Ligurien: Signora Teresa P., 104 Jahre alt.

Zu den beiden gesellten sich im Laufe des Sonntags weitere etwa 1,7 Millionen italienische Bürger. Die rund 7000 Wahlbüros reichten dafür kaum, auch die Wahlzettel gingen bald aus und mussten mit Kopien ergänzt werden. Die 35.000 ehrenamtlichen Helfer standen unter Dauerstress.

Wähler in Rom
ANGELO CARCONI/EPA-EFE/REX

Wähler in Rom

Nicht nur PD-Mitglieder, auch Hunderttausende parteilose Italiener mit Mitte-links-Neigung reihten sich in die Schlangen vor den Wahllokalen ein. Jeder zeigte seinen Ausweis, zahlte zwei Euro Kostenbeteiligung und kreuzte dann einen der drei zur Wahl stehenden Kandidaten an. Bekommt einer von ihnen mehr als 50 Prozent der Stimmen, ist er gewählt - so die Regel. Daran kann dann auch der demnächst anstehende Parteitag nichts mehr ändern, der ansonsten das Wahlrecht für den Chef-Job hätte.

Das Ergebnis kam dann für viele überraschend: Nicola Zingaretti bekam zwischen 65 und 70 Prozent der Stimmen - und ist damit der neue PD-Chef. Zingaretti ist 53 Jahre alt, Römer, Ex-Mitglied der Kommunistischen Partei (PCI) und war dann bei allen Häutungen und neuen Formierungen der verzettelten und oft zerstrittenen Mitte-links-Landschaft in Italien dabei.

Nicola ist der Bruder des beliebten Schauspielers Luca Zingaretti (der spielt seit fast 20 Jahren den TV-Commissario Montalbano), war ein paar Jahre im EU-Parlament und ist derzeit Präsident der Rund-um-Rom-Region Latium. Ein Mann der klaren Worte, der seiner Partei gelegentlich sehr kritische Wahrheiten zumutet und deshalb nicht unbedingt der Liebling aller Genossen ist.

Nicola Zingaretti bei der Wahl
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Nicola Zingaretti bei der Wahl

Und doch, oh Wunder: Die eigentlich aus Prinzip verzankte und zerstrittene Partei jubelte. Und die nicht erfreuten Parteikader hielten sich zumindest zurück. Die unterlegenen Bewerber gratulierten sogleich und erklärten "die Partei ist in guten Händen". Veltroni, einer der Gründungsväter des Mitte-links-Bündnisses, erklärte sich zum "glücklichen Papa": Habe man doch gesagt, dass PD, sein Baby, längst tot sei.

Selbst Matteo Renzi versprach kollegiale Kooperation: Der war als selbst ernannter "Verschrotter" der alten Garde erst Chef der Partei und dann 2014 des Landes geworden - um dann 2016 brachial zu scheitern. Das lastet er seitdem nicht nur sich, sondern auch der Partei an. Doch nun lautet das Motto: vereint gegen die Regierung.

"Für ein anderes Italien"

Das Volk hatte sich schon tags zuvor zurückgemeldet - jedenfalls der Teil, der von den regierenden Rechtspopulisten und Nationalisten die Nase voll hat: An einer Demonstration in Mailand gegen die "Beschneidung der Bürgerrechte", "gegen Rassismus" und "für ein anderes Italien" beteiligten sich deutlich mehr Menschen als erwartet: zwischen 120.000 (nach Polizeiangaben) und mehr als 200.000 Menschen (laut Veranstalter).

Nicht nur die Zahl, auch das Wer und das Wie erinnerte an vergangene linke Zeiten. Gewerkschafter, Studenten, Künstler, Firmenchefs waren dabei, Jungs mit Rastalocken gingen neben Oberschicht-Mädels mit Nobel-Handtaschen am Arm.

DJ Simon Samaki Osagie (M.) mit Demonstranten in Mailand
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DJ Simon Samaki Osagie (M.) mit Demonstranten in Mailand

Repräsentanten aus 700 Kommunen, auch aus dem tiefen Süden Italiens, seien dabei gewesen, hieß es. Und den ganzen Nachmittag tanzten und sangen die Demonstranten auf dem Domplatz nach bekannten Melodien, etwa dem Patty-Smith-Song "People Have The Power". Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala (PD) sprach völlig überwältigt von "einem Moment der großen Veränderung" im Land. Ex-Ministerpräsident Romano Prodi erkannte im Mailänder Happening das "Wiedererwachen des Gewissens": Die Menschen sagten Nein zu einer unerträglich gewordenen Politik.

Und Nicola Zingaretti jubelte, mit solchen Manifestationen werde "die Linke wieder aufgebaut".

Nun ja, so einfach wird das vielleicht doch nicht.

Denn noch sind die alten Feudalherrscher des Partito Democratico ja nicht entmachtet. Die scharen zwar jeweils nur einen kleinen Teil des ohnehin nicht mehr so großen Parteivolks hinter sich, können diese aber durch geschickte Allianzen mit anderen Kleinfürsten zu parteiinternen Machtblöcken ballen und haben damit ein enormes Verhinderungs- oder Störpotenzial.

Neustart? Oder letztes Zucken?

Der Wahlsieg der Protestparteien Fünf-Sterne-Bewegung und Lega (früher: Lega Nord) hat dort seine Wurzeln: Den Wählern schienen die Linken mehr Interesse an der eigenen Karriere als am Schicksal des Landes zu haben - darum wählten sie sie nicht. Den Nationalpopulisten reichten dann zwei Wahlkampfthemen zur Machtübernahme in Rom: zu viele Ausländer; zu viel Einmischung aus Brüssel.

Inzwischen wächst freilich auch die Enttäuschung über die neuen Regenten: Das Müllchaos in Rom, das Hickhack um Großprojekte wie die Schnellbahntrasse von Turin nach Lyon, der unsinnige Streit mit Frankreich, das gnadenlose Vorgehen gegen Flüchtlinge in Seenot - das alles gibt der Linken vielleicht eine neue Chance.

Nur, ob das ein Neustart wird oder nur ein letztes Zucken, muss sich erst noch zeigen. Denn Italiens Linke hat schon viele gute Chance vermasselt.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
nofreemen 04.03.2019
1. zurück in die Zukunft, nein danke
Das junge Italien wird sich hüten einer alter Garde die Stimme zu geben. Alles Wunschdenken von ewig gestrigen.
RalfHenrichs 04.03.2019
2. Schöne Mär
Bei der letzten Wahl vor genau einem Jahr erhielt die PD 18,7%. Jetzt liegt sie bei Umfragen zwischen 18 und 18,5%. Und selbst wenn sie mehr bekommen sollte, bräuchte sie einen Koalitionspartner - entweder Lega oder 5Sterne. Mit einer anderen Partei kommt sie realistischerweise nie auf 50%. Insofern könnte es vielleicht für die PD oder ihre Anhänger wichtig sein, aber für Deutschland dürfte das kaum wichtig sein. https://de.pollofpolls.eu/IT
claus7447 04.03.2019
3.
Zitat von RalfHenrichsBei der letzten Wahl vor genau einem Jahr erhielt die PD 18,7%. Jetzt liegt sie bei Umfragen zwischen 18 und 18,5%. Und selbst wenn sie mehr bekommen sollte, bräuchte sie einen Koalitionspartner - entweder Lega oder 5Sterne. Mit einer anderen Partei kommt sie realistischerweise nie auf 50%. Insofern könnte es vielleicht für die PD oder ihre Anhänger wichtig sein, aber für Deutschland dürfte das kaum wichtig sein. https://de.pollofpolls.eu/IT
Haben sie Angst, dass Salvini die nächste Wahl verlieren könnte. Könnte sein, den langsam erkennen auch die Durchschnitts Italiener, dass bei 5 Sterne eben nicht die Moral vorliegt die man predigt, und das Salvini mit seinem gepoltere zum einen Italien immer mehr isoliert, zum anderen sich ganz langsam über den Rand der Gesetzgebung schiebt. So ist das eben mit Nationalisten. Wenn das rassistische Geschrei das Hirn vernebelt. Schauen Sie in die Geschichte. 1933 Fr.
haarer.15 04.03.2019
4.
Zitat von nofreemenDas junge Italien wird sich hüten einer alter Garde die Stimme zu geben. Alles Wunschdenken von ewig gestrigen.
Nö - die alte Garde ist längst weg. Und die neue kann es nur besser machen. Im übrigen wächst die Unzufriedenheit im Lande. Und es sieht alles danach aus, dass der Stern der Rechtspopulisten sinkt. Nur mit großer Klappe macht man keine Politik.
Ezechiel 04.03.2019
5. Das andere Italien.
Es wäre interessant zu wissen, wie das andere Italien aussehen soll. Insbesondere was angedacht ist, die enorme Staatsverschuldung zu stoppen und zu reduzieren.
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