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02. März 2013, 16:49 Uhr

Bestechungsvorwürfe gegen Berlusconi

"Natürlich habe ich das Geld genommen"

Der ehemalige Mitte-links-Politiker Sergio De Gregorio wechselte einst ins Berlusconi-Lager - dafür soll er drei Millionen Euro bekommen haben. Nach den Wahlen offenbarte sich der Senator dem Staatsanwalt. In einem Interview sagt er jetzt: "Ich wollte nicht in Handschellen abgeführt werden."

Rom - Der ehemalige Senator Sergio De Gregorio hat in einem Interview seine Aussage bekräftigt, dass er von Silvio Berlusconi bestochen wurde. "Natürlich habe ich das Geld genommen, so wie ich es den Staatsanwälten gesagt habe", sagte De Gregorio der "Stampa", die das Interview am Samstag online stellte.

Der "Cavaliere" soll De Gregorio im Jahr 2006 insgesamt drei Millionen Euro zukommen haben lassen. Berlusconi habe damit erreicht, dass er Mitglied der Partei Popolo della Libertà (PdL) werde. Dies hatte zur Folge, dass die damalige Mitte-links-Koalition unter Romano Prodi zusammenbrach. De Gregorio stand zunächst dem Verteidigungsausschuss im Mitte-links-Bündnis vor. Monate später wechselte er ins Oppositionslager zu Berlusconi. Aus der darauf folgenden Wahl ging Berlusconi mit Abstand als Sieger hervor.

Der römischen Zeitung "Il Fatto Quotidiano" zufolge soll Berlusconi dem Senator zwei Millionen des Bestechungsgelds in monatlichen Raten ausgezahlt haben. Die restliche Million soll der Ex-Premier ihm als "Unterstützung seiner Bewegung" überwiesen haben. Am 28. Februar wurde bekannt: Die Staatsanwaltschaft Neapel ermittelt gegen Silvio Berlusconi, den Ex-Senator De Gregorio und Valter Lavitola wegen Korruption und illegaler Parteienfinanzierung.

Angst vor einem "Nürnberg für Politiker"

Zum Zeitpunkt der Bestechung war De Gregorio noch Mitglied der Partei L'Italia dei Valori und angeblich hoch verschuldet. Seit dem 28. Dezember soll er sich dreimal mit Vertretern der Staatsanwaltschaft Neapel getroffen haben. Als Grund für seine plötzliche Aussage gegen den mit den Wahlen politisch wieder erstarkten Berlusconi gab er zunächst hehre Motive an: Er habe von seinem Vater geträumt, "der mich anspornte, mich von meinen Bürden zu befreien, ein freier Mann zu werden, um neu anzufangen." Er habe sich zur Kooperation mit den Behörden entschlossen, als ihm klar wurde, dass die im neuen Parlament sitzenden Abgeordneten eine Art "Nürnberg für Politiker" gefordert hätten. "Ich wollte nicht in die Geschichte eingehen als Senator, der in Handschellen aus dem Palazzo Madama abgeführt wird."

Ob er gewusst habe, dass seine Aussage zu einer Beschuldigung Berlusconis führen würde? "Ich habe recht, ich stelle mir nicht die Frage, ob ich jemanden in Schwierigkeiten bringe", so der Politiker.

"Ihr werdet verstehen, warum ich von Krieg gesprochen habe"

In einer der Befragungen soll De Gregorio gesagt haben, dass man einen wahren Krieg angezettelt habe, um die Regierung Prodi damals zu stürzen. Angeblich hätten auch politische Kräfte in den USA dabei eine Rolle gespielt. "Dazu kann ich nichts sagen", so De Gregorio in der "Stampa". "Wartet und ihr werdet verstehen, warum ich von Krieg gesprochen habe."

Romano Prodi nannte die Nachricht "eine tieftraurige Episode, die, wenn sie wahr ist, ein Attentat auf die Demokratie bedeutet." Der für seine Aversion gegen Richter und Staatsanwälte bekannte Berlusconi erklärte, die Richter hätten De Gregorio zu einer unwahren Aussage gezwungen. "Ein Teil der Richterschaft benutzt die Justiz, um politische Gegner zu bekämpfen und auszuschalten, die sie auf demokratische Weise über die Wahlen nicht losgeworden sind", polterte der Mann, der die Justiz auch schon mal als "Krebsgeschwür der Demokratie" bezeichnet.

Am 23. März wird das Urteil gegen Berlusconi in einem Berufungsprozess wegen Steuerbetrugs erwartet. In dem Verfahren um sein Familienunternehmen Mediaset war der 76-Jährige in erster Instanz zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Ihm bliebe bei einer erneuten Verurteilung eine weitere Berufungsinstanz. Auch in zwei weiteren Verhandlungen stehen Entscheidungen an: Im spektakulären "Ruby"-Prozess um mutmaßlichen Sex mit minderjährigen Prostituierten und Amtsmissbrauch. Außerdem im Prozess wegen Verdachts auf Verrat von Amtsgeheimnissen und Steuerbetrug durch den Mediaset-Konzern.

Gegen De Gregorio wurde in der Vergangenheit bereits wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt, es wird außerdem vermutet, dass er Verbindungen hat zur kalabresischen 'Ndrangheta und der neapolitanischen Camorra.

De Gregorio wurde 1960 in Neapel geboren und arbeitete als Journalist für die Publikationen "Oggi", die Wochenzeitschrift "L'Espresso" und den Sender RAI. Bekannt wurde er durch ein Interview mit dem abtrünnigen Mafioso Tommaso Buscetta, den er - so seine Version - auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer kennengelernt hat. 1996 wurde er Chefredakteur von "Avanti!", einer Zeitung des mitangeklagten Valter Lavitola, die der "Neuen Sozialistischen Partei" (Nuovo PSI) nahesteht.

ala

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