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Italien: Sexismus in der Politik

Foto: © Stefano Rellandini / Reuters/ REUTERS

Sexismus in Italien Schluss mit Bella Figura

Sexistische Sprüche, Geraune im Parlament und montierte Fotos: Italiens Politikerinnen müssen einiges ertragen. Jetzt wehren sie sich gegen die Machos.

Giorgia Meloni ist schwanger und will Bürgermeisterin von Rom werden. Früheren Parteigefährten unter den italienischen Rechtspopulisten passt das gar nicht. Unter ihnen ist der berüchtigte Silvio Berlusconi. Es sei doch wohl jedem klar, so der Ex-Regierungschef und Milliardär Berlusconi, "dass eine Mutter sich einem Job nicht so richtig hingeben könne".

Viele Politikerinnen in Italien sind wütend. Denn Berlusconi ist nicht der Einzige, der sich mit sexistischen Sprüchen über die schwangere Politikerin Meloni aufregt. Ihr Rivale um das Amt, Berlusconis Weggefährte Guido Bertolaso, hatte ihr geraten, sie solle besser zu Hause bleiben. Warum sollte man ihr zumuten, "sich um Schlaglöcher und Müll zu kümmern, während sie ihr Kind stillt"?

Meloni wehrte sich am Mittwoch: Kein Mann solle einer Frau sagen, was sie während ihrer Schwangerschaft zu tun oder zu lassen habe. Für andere Frauen in Italien geht es um mehr. Wieso kann eine Frau und Mutter sich nicht genauso im Beruf engagieren wie ein Mann und Vater, fragen sie. Ist Italien beherrscht von einem "altväterlichen Männlichkeitskult, in dem die Männer den Frauen sagen, wo ihr Platz ist", wie es die sozialdemokratische Abgeordnete Titti Di Salvo formuliert?

Nun sind Entgleisungen und sexistische Sprüche in Italien durchaus üblich, im privaten wie im politischen Umfeld. Dabei sind nicht nur die alten Männer aus der konservativen Ecke aktiv. Auch in der oppositionellen und jungen "Fünf-Sterne-Bewegung" des ehemaligen Komikers Beppe Grillo gibt es viele dumpfe Beispiele dafür. So wurde eine Kandidatin fürs Bürgermeisteramt in Mailand aus den eigenen Reihen als "hässlich und fett" und als "arbeitslose Hausfrau" gemobbt, bis sie vor ein paar Tagen aufgab.

"Ich bin nicht nackt"

Im Parlament, ein anderes Beispiel, rief der "Fünf-Sterne"-Abgeordnete Massimo de Rosa Politikerinnen der sozialdemokratischen Partei PD zu: "Ihr seid doch nur hier, weil ihr tüchtig beim Sex seid" - und das ist nur eine verharmlosende Übersetzung. Sein Parteikollege Nicola Morra, gelernter Philosophie- und Geschichtsprofessor, übte sich im Frauen-Bashing mit der Prophezeiung, bei der Ministerin Maria Elena Boschi werde man sich "mehr an die Formen als an die Reformen" erinnern.

Immer wieder ist Boschi Ziel solcher Unverschämtheiten. Als sie kürzlich während eines Vortrags vor PD-Politikern die Jacke auszog und in Bluse weitersprach, begann ein Gemurmel und Geraune im bis dahin stillen Saal, dass die Rednerin intervenieren musste: "Leute, ich habe mir die Jacke ausgezogen, ich bin nicht nackt." Als sie Ministerin wurde und im engen blauen Hosenanzug vor dem Staatspräsidenten die Urkunde unterschrieb, machte ein Foto die Runde, das einen Tanga unter der verrutschen Hose zeigte. Das Bild war gefälscht. Es wurde trotzdem von vielen Medien präsentiert und in Bars diskutiert.

Boschi schießt jetzt zurück. Sie twitterte als Reaktion auf die herben Angriffe auf die anderen Politikerinnen: "Wann wird ein Mann seine Kandidatur zurückziehen, weil er nicht telegen ist oder weil er Vater wird?" Auch ihre Kollegin im Kabinett, die Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin erklärte: "Was momentan passiert, ist unglaublich. Dies ist kein Land für Frauen."

Genau das Gegenteil wollte Regierungschef Matteo Renzi beweisen, als er vor gut zwei Jahren sein 16-köpfiges Kabinett genau zur Hälfte mit Männern und Frauen besetzte. Das hatte es in der italienischen Geschichte noch nicht gegeben.

Die Minister haben ihren Job mal gut, mal schlecht gemacht, Männer wie Frauen. Einige sind seitdem ausgeschieden, Männer wie Frauen. Außenministerin Federica Mogherini zum Beispiel, weil sie in Brüssel zur EU-Außenbeauftragten wurde. Alles normal. Aber der Eindruck täuscht: Normal ist die Frau im politischen Amt bis heute nicht.

Das Frauenbild vieler Italiener kennt - sehr vereinfacht gesagt - nur zwei Typen: Die Liebhaberin, ob Ehefrau oder Geliebte, und die "Mama". Die eine soll sexy sein, die andere mütterlich. Während die einen gegen diese Zuweisung zunehmend rebellieren, fühlen die anderen sich mehrheitlich sehr wohl in ihrer "Mutter ist die Beste"-Rolle. Sie verhätscheln ihre Kinder, vor allem die Söhne und machen diese zu "Mammoni", Muttersöhnchen. Die wohnen zu Hause, auch wenn sie 30 oder gar 40 Jahre alt sind, weil es da so schön, so bequem ist: Wäsche gewaschen, Essen gekocht, Geld fürs Handy oder für Klamotten - Mama sorgt für alles.

Dazu kommen ökonomische Zwänge, die den Weg in ein eigenes Leben erschweren oder verbauen. Die Arbeitslosigkeit in der jungen Generation ist hoch. 60 Prozent der Jugendlichen denken ans Auswandern. Hunderttausend Italiener sind im vergangenen Jahr auf der Suche nach Arbeit ins Ausland abgewandert. Zurück bleiben die "Mammoni" und verfestigen das verkrustete Frauenbild: Denn was soll falsch sein an der Mama zu Hause?