Italien Rote Brigaden bekennen sich zu Mordanschlag

Die linksextremistischen Roten Brigaden haben sich zu dem Attentat auf einen italienischen Regierungsberater bekannt. Im Land wächst die Angst vor einer neuen Terrorwelle. Ministerpräsident Berlusconi verglich die Situation sogar mit einem Bürgerkrieg.

Bologna - Als es klingelte, war ein Mitglied der Brigaden in der Leitung: In ihrem Telefonat mit einer italienischen Zeitung gab die Terrorzelle zu, hinter dem Anschlag auf Marco Biagi zu stecken, der nach jüngsten Erkenntnissen von mindestens zwei Killern ermordet wurde. Der Anrufer kündigte an, in nächster Zeit eine schriftliche Erklärung zu veröffentlichen.

Am Abend hatte die Polizei neue Erkenntnisse über die Tatwaffe: Die Pistole vom Kaliber 9 Millimeter sei bereits vor drei Jahren bei einem Mordanschlag verwendet worden. Dies gehe aus der ersten Untersuchung der Projektile hervor. Mit derselben Waffe sei der ebenfalls als Regierungsberater tätige Arbeitsrechts-Experte Massimo D'Antona am 20. Mai 1999 in Rom getötet worden. Auch damals hatten sich die Roten Brigaden zu dem Attentat bekannt, das bislang nicht aufgeklärt werden konnte.

In Italien herrsche "eine Spirale des Hasses, die einem Bürgerkrieg gleichkommt", beklagte Silvio Berlusconi nur wenige Stunden nach der Ermordung Biagis in Bologna. Die italienischen Tageszeitungen drückten es knapper, aber ebenso deutlich aus: "Terrorismo" prangte in Großbuchstaben auf den Titelseiten.

Italien im März - ein ganzes Land hat Angst. Angst vor einer neuen Terrorwelle. Angst davor, in die siebziger und achtziger Jahre zurückzufallen, als zahlreiche Menschen bei Terroranschlägen starben. Angst aber auch vor den Roten Brigaden, die damals für viele Morde verantwortlich gemacht wurden. Die linksextremistische Gruppe galt lange Zeit als zerschlagen, jetzt ist sie wieder in aller Munde.

Die Ermittler der Staatsanwaltschaft bezeichneten den Mord als "Botschaft". Biagi beriet die Regierung in arbeitsrechtlichen Fragen. Er hatte sich für Reformen eingesetzt, die nach Ansicht linker Kritiker Unternehmen die Entlassung von Mitarbeiter viel zu leicht machen würden. Heute hätte Biagi eigentlich mit Arbeitsminister Roberto Maroni zusammentreffen sollen, um weiter über das sehr umstrittene Kündigungsrecht zu beraten.

Geheimdienste hatten vor Anschlägen gewarnt

Italienische Medien sprachen sogar von einem "angekündigten Mord". Schließlich hatten die Geheimdienste erst in der Vorwoche vor einem Anschlag gewarnt. In dem Geheimdienstbericht hieß es, zum Ziel der Terroristen könnten Politiker, Gewerkschafter oder Geschäftsleute werden, die sich für wirtschaftliche und soziale Reformen einsetzten. Angeblich besonders gefährdet: Experten und Berater. Es war schon die zweite Warnung innerhalb kurzer Zeit: Ende Februar äußerte der Geheimdienst nach einer Bombenexplosion in der Nähe des Innenministeriums in Rom Bedenken, es könne zu einer neuen Terrorwelle kommen.

Marco Biagi war vielen italienischen Bürgern eher unbekannt. Respekt hatte er sich in der Fachwelt durch sein Wissen in Wirtschaft und Politik erworben. Der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, gehörte zu den langjährigen Freunden Biagis. "Das ist schrecklich", meinte Prodi, "wie oft haben wir am selben Tisch gesessen." Auch Papst Johannes Paul II. zeigte sich entsetzt über den Mord.

In Arbeitnehmerkreisen war Biagi wegen seiner Reformvorschläge eher unbeliebt. Die italienischen Gewerkschaften hatten für den kommenden Monat einen Generalstreik geplant, um gegen die Reformen zu protestieren. Nach dem Anschlag riefen die Gewerkschaften jedoch zum Generalstreik auf, um "gegen die Rückkehr des Terrorismus" zu protestieren.

Schwere Vorwürfe von der Ehefrau des Opfers

Trotz der Warnungen des Geheimdienstes hatte Marco Biagi keine Chance, dem Mord zu entgehen. Der 51-Jährige kam am Dienstagabend von seiner Arbeit an der Universität Modena nach Hause, als er in der mittelalterlichen Innenstadt von Bologna attackiert wurde. Er wollte gerade seine Haustür öffnen. In dem Moment trafen ihn die tödlichen Schüsse. Biagi starb noch am Tatort.

Die Ehefrau des Anschlagopfers erhob inzwischen nach Medienberichten schwere Vorwürfe gegen das Arbeitsministerium. Das Ministerium hatte Biagi vor wenigen Monaten die Leibwächter entzogen. "Mein Mann ist im Stich gelassen worden", sagte Biagis Ehefrau der italienischen Tageszeitung "La Repubblica".

Der Vorfall in Bologna ist der erste politische Mord in Italien seit drei Jahren. Damals war Massimo D'Antona, der ebenfalls beim Arbeitsministerium beschäftigt war, ermordet worden. Die Roten Brigaden hatten sich damals zu dem Anschlag bekannt.

Von Michael Krechting