Protestbewegung in Italien Sardinen gegen Salvini

In Italien formiert sich der Protest gegen Rechtspopulist Matteo Salvini und seine Lega - im Zeichen der Sardine. Die neue Bewegung hat großen Zulauf, der Fischname ist Programm.

Sardinen-Demo: Kreativ, nicht aggressiv
Guglielmo Mangiapane/REUTERS

Sardinen-Demo: Kreativ, nicht aggressiv


Am Donnerstagabend war es wieder so weit. In Genua versammelten sich 8000 Bürger und hielten Plakate mit grob gemalten Sardinen hoch. Zeitgleich traten auch Tausende Menschen in Piacenza und Verona im Zeichen der Sardine zusammen, um ihren Wunsch nach einer friedlichen, solidarischen Gemeinschaft zu bekräftigen.

Beinahe jeden Abend ist das irgendwo in Italien so. Palermo, Rimini, Perugia, Florenz und Neapel - es sollen noch etwa 20 Städte folgen. Bis zum Höhepunkt der Sardinen-Demos, am 14. Dezember in Rom.

Genua, 28. November: Die Sardinen-Bewegung zeigt Präsenz
Luca Zennaro/ AP

Genua, 28. November: Die Sardinen-Bewegung zeigt Präsenz

Warum versammeln sich immer mehr Italiener auf Plätzen und halten Pappfische in die Höhe? Weil sie nicht wollen, dass Matteo Salvini, Anführer der rechtsnationalen Lega, demnächst Italien regiert. Weil Salvini Hass und Zwietracht säe, um Macht zu ernten.

Bleibt die Frage, was Sardinen damit zu tun haben. Dass die Protestbewegung im Zeichen des Fisches steht, liegt an vier Freunden aus Bologna - ein Politikwissenschaftler und ein Ingenieur, eine Physiotherapeutin und ein Reiseleiter. In einer Novembernacht haderten sie mit der Welt, in der Salvini drei Tage später in ihrer Stadt auftreten und den Lega-Wahlkampf für die Ende Januar 2020 anstehenden Regionalwahlen eröffnen würde.

Mattia Santori, einer der Gründer der Sardinen-Bewegung
Guglielmo Mangiapane/ REUTERS

Mattia Santori, einer der Gründer der Sardinen-Bewegung

Tausende würden Salvini zujubeln, befürchteten die Freunde. Seine derben Sprüche beklatschen, gegen Ausländer, gegen Europa, gegen Linke und gegen Medien, die noch nicht auf Linie - auf Salvinis Linie - gebracht worden sind.

Aber die vier Freunde beklagten in jener Nacht nicht nur den Verfall der Linken, der bürgerlichen Demokraten und den scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch der neuen und alten Rechten. Sie hatten auch eine Idee: Ein Flashmob, zeitgleich mit Salvinis Auftritt, aber mit mindestens einem Teilnehmer mehr. Salvini trat in einer Indoor-Sportarena auf, sie fasst 5570 Personen.

Gebrüll, Beleidigungen und Fahnen politischer Parteien unerwünscht

Deshalb wählten die vier für ihren Zweck die Piazza Maggiore. Dort können, sofern sie eng zusammenrücken, bis zu 6000 Menschen stehen. Und eng zusammenstehen müssen all jene, die den Durchmarsch der Nationalisten und Rechtspopulisten stoppen wollen, so der Gedanke der Bologneser Freunde, so eng wie ein Schwarm Sardinen. Damit war ihr Facebook-Aufruf klar: "6000 Sardinen gegen Salvini".

Bologna, 14. November: Flashmob gegen Salvini
Marcello Coslovi/ AP

Bologna, 14. November: Flashmob gegen Salvini

Auch weil Sardinen nicht laut und nicht gewalttätig sind, passten sie den Initiatoren gut ins Bild. Ihre Bewegung soll nicht aggressiv, sondern kreativ sein: eine Linke, die keine Angst macht, keine Eier wirft und keine Barrikaden baut, sondern nett und witzig ist. Darum sind bei den Demos Gebrüll und Beleidigungen genauso unerwünscht wie Fahnen oder Spruchbänder politischer Parteien. Es gibt keine Bühne für prominente Redner, sondern nur ein Mikrofon - für jeden, der etwas sagen will.

Und Salvini liefert reichlich Gesprächsstoff. Nur kurz hatte seine Popularität gelitten, nachdem er sich mit dem Sturz der Regierung aus Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung Anfang September total verzockt hatte. Statt Regierungschef war er plötzlich draußen.

Doch bald war er wieder obenauf, die Lega gewann die Regionalwahl in der roten Hochburg Umbrien, liegt in den Umfragen derzeit landesweit an erster Stelle bei 30 Prozent. Bei den Wahlen in acht Regionen im kommenden Jahr könnte die Lega in Allianz mit den Resten von Silvio Berlusconis Forza Italia und der ständig stärker werdenden Postfaschisten-Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) durchmarschieren.

Unterstützung von Musikern und Kirchenleuten

Nicht nur deshalb wirkt es, als hätten viele Italiener auf eine politische Bewegung wie die Sardinen gewartet. Zur Demo in Bologna kamen nicht wie erhofft 6000 Teilnehmer, sondern mehr als doppelt so viele. Innerhalb einer Woche hatte die Facebook-Seite "L'Arcipelago delle Sardine" ("Das Archipel der Sardinen") 46.000 Mitglieder, nun sind es schon mehr als 160.000, Tendenz steigend.

Unterstützung kommt aus vielen Bereichen: von linken Gruppierungen, ehemaligen Wählern der Fünf-Sterne-Bewegung, Menschen aus der bürgerlichen Mitte, Musikern wie der populären Band Subsonica, enttäuschten Sozialdemokraten, etwa der bekannten Ex-Europaabgeordneten Elly Schlein. Aber auch Kirchenleute engagieren sich, zum Beispiel die durch Fernsehauftritte bekannte Nonne Schwester Giuliana oder ein bis dato weniger bekannter toskanischer Pfarrer, der zum Abschluss des Gottesdienstes das linke Partisanenlied "Bella Ciao" anstimmte.

Lega-Chef Salvini: "Wenn du an der Sardine kratzt, findest du einen PDler."
MAURIZIO BRAMBATTI/ EPA-EFE/ REX

Lega-Chef Salvini: "Wenn du an der Sardine kratzt, findest du einen PDler."

Matteo Salvini empfindet all das als Beleidigung und versucht, die Stimmung im Lande gegen die Sardinen zu wenden, indem er sie als verkappte Truppe der PD-Sozialdemokraten darstellt: "Wenn du an der Sardine kratzt, findest du einen PDler." Und natürlich hat er via Twitter und Facebook alles Mögliche gegen die Bewegung gesagt - aber es zieht nicht.

Im Gegenteil. Mindestens 54 lokale Gruppen haben sich binnen zwei Wochen gegründet, von Turin bis Palermo. Selbst in New York gab es einen kleinen Flashmob mit Italo-Sardinen. In Modena sprach Salvini bei einem Wahlkampfauftritt zur Unterstützung seines Kandidaten für die Regionalwahlen vor etwa 3000 Anhängern - bis 7000 Sardinen "Bella Ciao" sangen und er sich in ein Restaurant zurückzog.

Und wenn der Lega-Chef am Samstag in Florenz vor tausend zum Abendessen geladenen Unterstützern das große Wort führt, werden nur dreieinhalb Kilometer entfernt bis zu 25.000 Teilnehmer zum Sardinen-Event erwartet. Die Dominanz auf den Straßen, bislang seine Stärke, hat Salvini mancherorts verloren.

Mattia Sartori (vorne) am 23. November bei einer Sardinen-Demo in der Region Emilia-Romagna
Guglielmo Mangiapane/ REUTERS

Mattia Sartori (vorne) am 23. November bei einer Sardinen-Demo in der Region Emilia-Romagna

Weitere Demonstrationen in 20 Städten sind bereits angekündigt - von Mailand bis Syracusa - und zur Abschlusskundgebung, am 14. Dezember in Rom, sollen die Fische sogar den großen Platz vor der Papstbasilika San Giovanni in Laterano füllen.

Dort hatte Salvinis rechtsnationale Koalition ihren bislang größten Auftritt - laut Polizei vor etwa 70.000 Anhängern. Die Sardinen-Bewegung traut sich zu, das zu toppen. Einer der Organisatoren träumt sogar schon von "bis zu einer Million" Teilnehmern. Wie es danach mit den Sardinen weitergeht, ist bislang offen, weiter als bis Rom haben die Initiatoren nicht geplant.



insgesamt 32 Beiträge
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b1964 30.11.2019
1. Italiener
Italiener sind ungeduldig. Sie wollen, dass Dinge, die ihnen nicht gefallen, sofort geändert werden. Dass macht sie empfänglich für Bauernfänger, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Wenn der sie dann enttäuscht, laufen sie anschließend dem nächsten Bauernfänger hinterher. Das war schon immer so. Aus dem Grund hat Salvini - trotz der Sardinen - beste Chancen bei der nächsten Wahl. Traurig, aber wahr. Eine politische Stabilität, wie die nüchternen und geduldigen Deutschen es lieben, wäre gegen die italienische Lebensart.
interessierter10 30.11.2019
2. Wie überall sind die Primitivdenker
In der Mehrzahl. Daher sind diese Aktionen ehrenwert und erhalten die Hoffnung. Die Wahl wird allerdings nicht von den Intelligenten entschieden - dazu sind es quantitativ zu wenige.
udo46 30.11.2019
3.
Ist ja alles gut und schön, aber solche Bewegungen scheitern immer, weil sie kein Programm und keine Struktur haben und die Probleme nicht sehen wollen, die der Grund für das Erstarken der Populisten sind. "Seid nett zueinander" und gegen rechts sein, reicht hinten und vorne nicht. Sobald es um konkrete Lösungen für konkrete Problemen geht, werden die Wortführer merken, dass Friede, Freude, Eierkuchen keine Lösung ist. Genauso wenig, wie Barrikaden bauen oder Polizisten mit Steinen bewerfen. Wenn diese Leute nichts Handfestes zu bieten haben, womit sich die Anhängerschaft identifizieren kann, werden sie irgendwann dastehen und sich fragen: "Und wie geht`s jetzt weiter?". Wenn dann keine umfassenden Antworten zur Stelle sind, wird die Anhängerschaft sich enttäuscht abwenden. Beispiele gibt es genug.
claus7447 30.11.2019
4. Schon interessant
Im Süden, wo die Probleme Italiens höher sind als im Norden, kommt Salvini nicht so richtig an. Allerdings im Norden gibt es gewisse Errosionserscheinungen innerhalb der Partei. Man streitet - es geht um "wer hat die Macht in der LEGA!"
Le Commissaire 30.11.2019
5. Lücken
Was mich wundert: Wir hören jetzt schon zum widerholten Male auf SPON von der Sardinenbewegung in Italien. Davon, dass Salvini die Regionalwahl im linksgeprägten Umbrien mit sehr großem Abstand gewann, wurde soweit ich es mitbekommen habe nicht berichtet (im vorliegenden Artikel wird kurz mit einem Satz darauf verwiesen). Die Botschaft scheint mir klar zu sein: Die Journalisten bei SPON finden die Sardinenbewegung ganz wahnsinnig toll und die Leser haben das wohl ebenso zu tun. Dass sich der Journalismus in einer tiefen Krise befindet, weil ihn viele als -- und sei es nur indirekt durch die thematische Schwerpunktsetzung -- bevormundend empfinden, ist bei SPON wohl noch nicht angekommen; oder man fühlt sich darüber erhaben. Ich habe weder zu Salvini noch zur Sardinenbewegung eine Meinung, weil ich mich trotz vieler Italienreisen und zweier Italienischkurse für vollkommen uninformiert über die Situation im Land halte. Das hat aber auch damit zu tun, dass wir hier nur sehr ausschnitthaft und meist reißerisch darüber infomiert werden.
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