Aufblühender Politrentner Berlusconi Der Papi will zurück

In Italiens Politik geht es drunter und drüber - und mitten im Chaos schieben sich sehr alte Bekannte wieder nach vorn: etwa Silvio Berlusconi, 80-jährig und vorbestraft.

Silvio Berlusconi (Juni 2017)
REUTERS

Silvio Berlusconi (Juni 2017)


Massimo D'Alema ist einer der Altvorderen der italienischen Linken. Vor zwei Jahrzehnten war er Regierungschef in Rom, und heute fühlt er sich immer noch ein bisschen so. Lieblingszielscheibe für D'Alemas ätzende Kritik ist sein Parteichef Matteo Renzi. Der sei ja "mit großem Erfolg und hohen Erwartungen gestartet", referierte er kürzlich vor Journalisten in Brüssel. Aber seine Arbeit sei dann "nicht so brillant" gewesen: die Verfassungsreform gescheitert, die Schulreform unbeliebt, der "sogenannte Jobs Act" ein Reinfall. Deshalb habe ihre Partei, der Partito Democratico (PD), "das Vertrauen der Bürger verloren". So ähnlich sehen es viele PD-Granden.

Ja, richtig, Renzis Partei ist bei den jüngsten Umfragen auf den tiefsten Stand der vergangenen drei Jahre gesunken. Nur noch 26,3 Prozent der Italiener würden derzeit PD auf dem Stimmzettel ankreuzen. Bei den Europawahlen 2014 machten das über 40 Prozent. Auch der Parteichef selbst liegt in der Gunst der Wähler auf dem niedrigsten Wert, seit er 2014 als strahlender "Verschrotter" von Florenz nach Rom kam und die Partei im Sturm eroberte.

Wer wird nach den Wahlen im kommenden Jahr also der starke Mann Italiens? Silvio Berlusconi, 80, vorbestraft und eigentlich längst ausgemusterter Polit-Oldie, hat mit seiner Partei Forza Italia gute Chancen. Und einen Plan.

Richtig ist, dass Renzi Wahlkampf besser kann als Regieren. Nicht richtig ist, die Misere allein ihm zuzuschreiben.

D'Alema und seine Freunde aus der in viele Gruppierungen und Kleinparteien zerbröselten Linken haben kräftig dazu beigetragen. Ihr verbindendes Element ist vor allem die Gegnerschaft zu Renzi. So giftete vorigen Montag der linksverankerte Ex-PD-Chef Pier Luigi Bersani: Renzis Politik sei "rechts, demagogisch, aufschneiderisch". Böser geht es kaum.

Trotz des Dauergezänks sind die Sozialdemokraten mit ihren mickrigen 26 Prozent zwar immer noch Marktführer, knapp vor der Fünf-Sterne-Bewegung des Ex-Komödianten Beppe Grillo. Aber damit wären sie kaum in der Lage, nach den Wahlen im kommenden Frühjahr eine Regierungsmehrheit zusammenzubringen.

Jede theoretische Allianz, etwa mit Grillos Sternen oder Parteien von rechts, würde sie so viele Stimmen kosten, dass man gemeinsam weit unter 30 Prozent bliebe. Das zeigen komplizierte Kalkulationen, die das Meinungsforschungsinstitut Demos & Pi gerade im Auftrag der Zeitung "La Repubblica" erstellt hat.

Nur eine denkbare Koalition brächte demnach immerhin 34 Prozent der Stimmen: ausgerechnet die von PD und den kleinen Parteien links von ihr. Das würde nicht sehr spaßig. Mehrheitsfähig wäre eine solche Koalition zudem nur dann, wenn sie weitere Stimmen aus dem bürgerlichen Lager holen würde. Das könnte Renzi zwar schaffen, denn da ist er sehr beliebt - aber ihn würde ja die Linke nicht wählen. Mithin, dieses Modell läuft auch nicht.

EU-Kommissionschef Romano Prodi (Juli 2017)
AFP

EU-Kommissionschef Romano Prodi (Juli 2017)

Oder doch? Und, hoppla, plötzlich steht einer in der politischen Manege, den man vor fast zehn Jahren vergrault hat. Einer, dem man freilich nun zutrauen könnte, Linke wie Bürgerliche für ein Regierungsbündnis zu gewinnen. Romano Prodi, der Vater des "Ulivo-Bündnisses", ist auf einmal wieder gefragt.

Der kam ja aus dem christdemokratischen Lager, als er Kommunisten, Sozialdemokraten und Bürgerliche unter dem Ölbaum-Symbol zusammenbrachte. Das war 1995, und Prodi verschaffte der Linken den ersten Sieg im Nachkriegsitalien. Zweimal hat er Silvio Berlusconi bei Wahlen abgehängt, zweimal regiert - bis er von den eigenen Leuten bei wichtigen Abstimmungen hängen gelassen wurde, enttäuscht zurücktrat und am 10. März 2008 offiziell verkündete: "Ich höre auf mit der Politik!".

Nun ist er wieder da. Und wie! Bei den Mitte-Links- und PD-Wählern liegt er unter den ersten drei, bei den Links-Wählern sogar an der Spitze der Beliebtheitsskala. Über Nacht ist der 77-jährige Wirtschaftsprofessor und einstige Präsident der EU-Kommission zum Mann mit den meisten Chancen auf eine Regierungsmehrheit geworden. Ob er auch antritt, sagt er noch nicht. Denn auch seine Chancen wären nicht allzu groß.

Wenn überhaupt, hat nämlich eine Rechtskoalitionen die größte Chance, im nächsten Jahr Italien zu regieren. Zumindest in den Demos-Rechenspielen.

Eine Allianz der Berlusconi-Gründung Forza Italia mit der Ausländer- und EU-feindlichen Lega Nord und der ähnlich gesinnten rechtsnationalen Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens), könnte es auf 37 Prozent bringen. In der Gemeinschaft können sich die Führungskräfte zwar auch nicht leiden, aber alle anderen Partnerschaften brächten jedem von ihnen zu wenig. Also lieber garstige Partner als gar nicht regieren.

Ex-Staatschef Silvio Berlusconi (21. Juni 2017)
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Ex-Staatschef Silvio Berlusconi (21. Juni 2017)

Zudem brächte das Koalitionsmodell noch eine schöne Überraschung aus dem politischen Wunderland Italien: Stärkster Mann im rechten Regierungsteam wäre damit auch dort der altbekannte Berlusconi. Denn seine Partei Forza Italia wäre nach heutigem Stand die stärkste Kraft im Klub.

Damit das so bleibt, arbeitet der durch Justiz- und Damenkontakte weltweit bekannt gewordene Milliardär und Medienzar kräftig am Facelifting seiner Mannschaft. Quer durchs Land suchen seine Späher hübsche, unverbrauchte Forza-Männer und, lieber noch, Frauen, die etwa bei den jüngsten Kommunalwahlen erfolgreich abschnitten. "Nur Junge", hat er als Devise ausgegeben, "wie bei Macron", dem französischen Überraschungswahlsieger. Dessen Erfolgskonzept will Berlusconi gern übernehmen.

Und wenn selbst das nicht reicht, um von rechts zu regieren, dann eben von links. "Im Notfall" wäre er auch dazu bereit, sagt er, wenn sich nichts anderes rechnet, "zum Wohle des Landes".

So oder so sind die Aussichten also nicht so schlecht, dass "Papi", wie die freundlichen "Bunga Bunga"-Mädels den ehrenwerten Signor Berlusconi nannten, bald wieder ein mächtiger Mann in Rom wird.

Ob er sein Hündchen Dudu auch in die Zentren der Macht immer mitnehmen wird, wie derzeit in die TV-Talkshow-Studios, hat er noch nicht verraten.



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