Italien-Wahl Prodi siegt, Berlusconi wütet

Nach 28 Stunden ist klar: Romano Prodi hat die Wahl in Italien gewonnen – wenn auch äußerst knapp. Silvio Berlusconi will das nicht wahr haben. Niemand könne sich zum Sieger erklären, sagte er. Er fordert eine Nachzählung oder eine Große Koalition.


Rom - Ein langer Nervenkrieg ist vorbei. Das italienische Innenministerium verkündete am Abend das noch ausstehende Ergebnis der Senatswahl. Nun steht fest: Auch hier hat sich das Mitte-Links-Bündnis von Romano Prodi eine dünne Mehrheit verschaffen können. 158 zu 156 Sitze. Zünglein an der Waage waren die Stimmen der im Ausland lebenden Italiener. Sie vergeben sechs Sitze im Senat, vier davon gewann Prodis Bündnis. Die letzten Hochrechnungen hatten schon auf dieses Ergebnis hingewiesen. "Ich erwarte einen Anruf mit den Glückwünschen von Berlusconi, das ist in modernen Demokratien so Brauch", hatte Prodi bereits am Nachmittag verkündet.

Wahlsieger Prodi: "Erwarte einen Anruf"
REUTERS

Wahlsieger Prodi: "Erwarte einen Anruf"

Berlusconi hatte ganz anderes im Sinn. Er erklärte am Abend, das Ergebnis nicht anzuerkennen. Bei den Stimmen aus dem Ausland habe es "viele Unregelmäßigkeiten" gegeben, daher müsse es eine Überprüfung geben. "Niemand kann sagen, dass sie gewonnen haben." Erst wenn alles geprüft sei, werde er bereit sein, einen Sieg des politischen Gegners anzuerkennen.

Schließlich schlug er am Abend ein Regierungsmodell nach deutschen Vorbild vor: "Ich denke, dass wir uns vielleicht ein Beispiel an einem anderen europäischen Land wie Deutschland nehmen sollten, um zu sehen, ob es nicht angebracht ist, unsere Kräfte in einer Regierung zu vereinen", sagte Berlusconi in Rom. Dies wäre sinnvoll, wenn keines der beiden Lager die Mehrheit in beiden Parlamentskammern haben sollte.

Für das Abgeordnetenhaus erreichte Prodi dem vorläufigen Endergebnis zufolge 49,8 Prozent der Stimmen, während Berlusconis Haus der Freiheiten 49,7 Prozent erhielt. Ungeachtet des knappen Vorsprungs wird Prodi über eine klare Mehrheit verfügen. Nach dem neuen Wahlrecht, dessen Änderung Berlusconi durchgedrückt hatte, erhält das Parteienbündnis mit den meisten Stimmen mindestens 340 der 630 Sitze - unabhängig davon, wie groß sein Vorsprung bei der Stimmenzahl ist.

"Wir haben gewonnen"

Prodi erklärte heute, er rechne mit einer vergleichsweise stabilen Regierung seines Mitte-Links-Bündnisses. Eine große Koalition lehnte er ab. Es zeuge von schlechtem Benehmen, dass Berlusconi sich weigere, den Ausgang der Wahl zu akzeptieren. 

"Wir haben eine Mehrheit in der Abgeordnetenkammer und im Senat erzielt, die es uns erlaubt, mit unserer Koalition fünf Jahre lang zu regieren", betonte Prodi. Er sehe sich als neuen Ministerpräsident. "Wir haben gewonnen." Sein Kabinett werde eine Regierung für alle Italiener sein - "selbst für die, die nicht für mich gestimmt haben", versprach Prodi.

Zuvor muss Italiens Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi dem Wahlsieger den Auftrag zu Kabinettsbildung geben. Anschließend muss sich der designierte Ministerpräsident in beiden Parlamentskammer der Vertrauensabstimmung stellen. Ciampi lobte heute den "geordneten und regulären Ablauf der Wahlen".

Allerdings kam es bei der nur schleppenden Stimmenauszählung zu Konfusion und Chaos. Nachdem es gestern nach ersten Wählerbefragungen zunächst nach einem klaren Sieg von Mitte-Links aussah, zeichnete sich nach den Hochrechnungen immer mehr ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab. Zeitweise sah es sogar nach einem hauchdünnen Vorsprung Berlusconis im Senat aus. Im Parlament machten am Ende lediglich 25.000 Wählerstimmen Unterschied Prodi zum Sieger. Aus dem Berlusconi-Lager kommt inzwischen der Ruf nach Überprüfung der Abstimmung. "Eine aufmerksame und präzise Überprüfung ist notwendig", zitierten Insider aus einer Sitzung Berlusconis mit seinen Mitarbeitern. Christdemokraten forderten, vor allem die rund 500.000 ungültigen Stimmzettel müsse man genauer untersuchen.

Der frühere EU-Kommissionspräsident Prodi war bereits von 1996 bis 1998 Regierungschef in Rom.

agö/ler/dpa/AFP/AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.