Geplante Neuwahl Vier Narzissten fahren Italien an die Wand

Italien schlittert auf eine Neuwahl zu, zwei Monate nach der letzten. Erklären lässt sich das Polit-Drama am besten psychologisch.
Italien bei Nacht (aus dem Weltraum betrachtet, 2012)

Italien bei Nacht (aus dem Weltraum betrachtet, 2012)

Foto: REUTERS / Nasa

Seine Chancen waren "gleich null", sagten die meisten Beobachter schon vorab. Dennoch versuchte Staatspräsident Sergio Mattarella am Montag ein weiteres Mal, in Gesprächen mit allen Parteien seinem Land zu einer Regierung zu verhelfen. Ohne Erfolg.

Zwei Monate nach dem Wahltag, dem 4. März 2018, ist Italien einer funktionsfähigen Regierung keinen Schritt nähergekommen. Vier Parteien spielen beim römischen Polit-Schach mit, keine kann mangels Mehrheit allein regieren, und keine ist bislang zu einem Kompromiss bereit.

Als letzten Ausweg aus der Sackgasse schlägt Mattarella nun eine neutrale, parteiferne Regierung vor, mit einer Respektsperson an der Spitze. Die könnte für eine Übergangszeit bis Dezember regieren und neben dem nötigen Polit-Management ein neues Wahlgesetz basteln, das bei Neuwahlen Ende des Jahres oder auch erst 2019 eine Mehrheitsbildung im Parlament leichter macht.

Die Parteifürsten blockieren alles, was ihre Position tangiert

In Italien wie in Europa stünden wichtige Entscheidungen an, sagte Roms Staatspräsident am Montagabend, auch deshalb brauche das Land dringend eine handlungsfähige Regierung. Zumal ansonsten auch damit zu rechnen sei, dass die Finanzmärkte erneut gegen Italien spekulierten. Deshalb sollten die Parteien, wenn sie schon keine eigene Regierung zustande brächten, seinen Vorschlag einer neutralen Führung auf Zeit unterstützen.

Aber die Wahlsieger wollen das nicht. Sie sollen sich sogar schon auf einen Wahltermin am 8. Juli verständigt haben - obwohl nach allen Prognosen beim nächsten Urnengang dieselbe mehrheitsunfähige Machtverteilung herauskommen wird.

Es ist schwer zu verstehen. Bis zum letzten Moment haben die Parteifürsten ihre immer gleiche Polit-Show fortgesetzt. Es gehe ums Land, nicht um sie, versicherten sie zwar permanent. Tatsächlich blockierten sie alles, was ihre Position tangieren könnte, durch ein Veto hier und eine unerfüllbare Forderung dort. Politisch macht das alles wenig Sinn.

Zu begreifen ist es vielleicht nur, wenn man sich die Persönlichkeit der vier Frontmänner genauer ansieht. Sie scheinen auf den ersten Blick sehr verschieden zu sein, aber sie haben eines gemeinsam: ein dickes Ego, mit unstillbarem Geltungsbedürfnis.

Luigi Di Maio

Luigi Di Maio

Foto: Angelo Carconi/ AP

Luigi Di Maio, 31, Wahlsieger, Universitätsstudium ohne Abschluss, Spitzenkandidat der vom Ex-Kabarettisten Beppe Grillo gegründeten Protestbewegung MoVimento5stelle (5-Sterne-Bewegung). Immer adrett, gut gekleidet, Typ Wunsch-Schwiegersohn. Mit ihm holten die "Grillini" über 32 Prozent. Das ist viel, reicht aber nicht zur Mehrheit. Gleichwohl beharrt Di Maio darauf: Ich, nur ich werde Regierungschef. "Ab heute", sagte er nach dem Gespräch beim Staatspräsidenten, "sind wir wieder im Wahlkampf."

Matteo Salvini

Matteo Salvini

Foto: Ettore Ferrari/ AP

Dumm nur, dass Matteo Salvini das genauso sieht. 45, auch er Berufspolitiker mit Studienabbruch. Eher der Prolo-Typ, tritt meist im T-Shirt auf, polemisiert gerne, mit Hang zu Pöbeleien. Er hat die alte Lega Nord, die von einem freien Padanien am Po-Ufer träumte, zur knallharten rechtspopulistische EU- und ausländerfeindlichen Partei gemacht. Der Stimmenanteil der neuen Lega sprang von vier auf 17 Prozent, was Salvini zum Anführer einer Rechtsallianz kürte, gemeinsam mit Forza Italia und den Nachfahren der Postfaschisten, heute "Fratelli d'Italia" (Brüder Italiens). Die Rechtsfront gewann 265 Sitze im Abgeordnetenhaus. Das sind mehr als Di Maios Sterne-Freunde, die nur 227 Abgeordnete haben. Klar also für Salvini, dass nur einer Ministerpräsident werden kann: er. Für die nötige Mehrheit im Abgeordnetenhaus fehlen zwar auch seiner Allianz 51 Stimmen. Doch einen Salvini stört das nicht.

Matteo Renzi

Matteo Renzi

Foto: Remo Casilli/ REUTERS

Nicht minder selbstbewusst als Di Maio und Salvini ist der große Wahlverlierer Matteo Renzi, 43, Jurist, Ex-Chef des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) und von 2014 bis 2016 Ministerpräsident. Seine Partei fiel von über 25 auf knapp 19 Prozent und macht seitdem nur durch innerparteiliche Grabenkämpfe von sich reden. Eigentlich wollte Renzi sich aus der Politik verabschieden. Tatsächlich regiert er den PD aber auch ohne Amt weiter wie ein König. Denn die meisten Funktionäre stehen hinter ihm. Sein Credo: Wenn ich schon nicht regieren kann, soll es auch kein anderer tun - jedenfalls nicht in Kooperation mit meiner Partei. Er sei "stolz", sagte er am Wochenende, dass er die von Parteifreunden angesteuerte Kooperation mit den 5 Sternen "zu Fall gebracht" habe.

Silvio Berlusconi

Silvio Berlusconi

Foto: TIZIANA FABI/ AFP

Und natürlich mischt auch Silvio Berlusconi, wie seit mehr als zwei Jahrzehnten, wieder mit. Inzwischen 81 Jahre alt, mit vielen Liftings und Haartransplantationen hinter sich, siebenfacher Milliardär, Medienzar, Eigner eines Fußballklubs und der Partei Forza Italia. Eine Schwesterpartei der CDU, nur eben mit Silvio vorn, statt mit Angela. Er weiß, dass er keine Chance auf den römischen Thron hat, schon weil er vorbestraft ist. Aber er wäre gern der heimliche Regent im Hintergrund. Seine Partei hat bei der Wahl am meisten verloren, aber immer noch 14 Prozent der Stimmen geholt. Ohne die kann Lega-Salvini seinen Traum vom Regieren vergessen - da könnte der bestenfalls der kleine Mitarbeiter von Sterne-Frontmann Di Maio werden. Mit Berlusconi will aber Di Maio keine Partnerschaft mit Salvinis Rechtsbündnis schließen.

Psychologen: Narzissten sehen nur sich selbst

Diese vier sind Italiens Problem: Die Wähler haben vier Narzissten gekürt, und die blockieren sich nun gegenseitig. Dieser Menschentyp, sagen Wissenschaftler wie der Münsteraner Psychologieprofessor Mitja Back, ist kurzfristig häufig attraktiver und erfolgreicher als bescheidenere Menschen. "Je narzisstischer man ist, desto besser kommt man bei ersten Begegnungen an, zumindest, wenn man die Gelegenheit hat sich selbst zu präsentieren", so Back. Zumindest auf den ersten Blick wirkten diese Menschen durchsetzungsfähig und sympathisch und kämen so gerade im Show- und Polit-Business leichter an die Spitze als andere. Weil die Menschen denken, "das sind Macher", so Back. Langfristig kehrten sich diese Eindrücke häufig ins Negative: Narzissten wirken dann eher überheblich, arrogant und aggressiv.

Erst im Nachhinein stellt sich heraus, dass der erste Eindruck oft sehr täuscht. Den Egozentrikern sind die Bedürfnisse anderer Menschen ziemlich egal. Sie überschätzen regelmäßig ihren Beitrag zu gemeinsamen Leistungen, sind arrogant und provozieren Konflikte. Und wenn sie auf gleichartige Typen treffen, wird es ganz schlimm: Die narzisstische Rivalität, sagt die Wissenschaft, führt besonders nach Kritik oder Problemen bei der Durchsetzung eigener Positionen zu aggressivem Verhalten und zur Abwertung anderer Personen.

Was man derzeit im römischen Feldversuch sehr gut beobachten kann. Manchmal kann einem die Wissenschaft offenbar wirklich helfen, die Welt zu verstehen. Jedenfalls ein bisschen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.