Italienische Präsidentenwahl Das Konklave der Republik

Ein angeblich völlig zerrissenes Italien hat sich ein Staatsoberhaupt gewählt - in einmütiger Unübersichtlichkeit. Im Wandelsaal des Parlaments wurde gefeilscht, Drag-Queen traf auf Nobelpreisträgerin, und ein 76-jähriger Senator wurde aus dem Saal getragen. Italien eben.


Rom - Transatlantico heißt der Wandelsaal des italienischen Parlaments, und wenn es einen Ort geben soll, in dem klare Verhältnisse geschaffen werden, dann ist dies der falsche. Der Transatlantico wirkt mit seinen Palmenwedeln, den rotledernen Sitzecken, mit den Livrierten, dem gedämpften Licht aus der Höhe der Kassettendecke wie die Lobby eines Grandhotel des Fin de Siècle, eine Raum des Flüsterns, Raunens, Intrigierens. Man fasst sich beim Ärmel, hakt sich unter, stellt sich in Pose, um beiläufig ein "Si, Presidente..." ins Handy zu rufen. Ab und zu erstrahlt ein Lächeln und verlöscht nach zwei Schritten wieder.

Parlamentsreporter schwärmen wie emsige Bienen von Sessel zu Sessel, um ein Wörtchen für die Morgenausgabe aufzusaugen. Herausposaunte Vertraulichkeiten, zugeraunte Gemeinplätze. "Eh, Mario", ruft ein Onorevole der Forza Italia, worauf der Chronist der "Stampa" gleich angewieselt kommt, um eine Dosis Gift zugeflüstert zu bekommen. All das ist großes Theater, und vermutlich beziehen die italienischen Parlamentarier deshalb die höchsten Diäten in Europa.

Es tagt das Konklave der Repubblica Italiana, eine Ansammlung von 1010 Delegierten, den "Großwählern", um den ersten Mann im Staate, den Staatspräsidenten zu wählen. Man ist beim dritten Wahlgang, und bisher gab es noch keinen weißen Rauch.

Prodis Wahlbündnis, die Union, hat den Senator auf Lebenszeit Giorgio Napolitano aufgestellt, als Zeichen einer Öffnung, so heißt es. Der 81-jährige Napolitano war in grauer Vorzeit einmal Eurokommunist und ist in den Jahrzehnten des Machtspiels zum Staatsmann gereift, ein Kardinal des Laizismus und längst jenseits von gut und böse, wahr und falsch. Wer für Napolitano stimmt, könnte auch für die Reiterstatue des Marc Aurel stimmen. Oder für die Trajanssäule.

Berlusconis Nochverbündete Gianfranco Fini (Nationalallianz) und Pierfernando Cassini (Christdemokraten) hatten ihren Silvio schon so weit, für Napolitano zu stimmen, um dafür lukrative Kommissionsposten zu bekommen. Doch stellte sich die Lega Nord quer. So hat Berlusconis Mitte-rechts-Bündnis, das Haus der Freiheiten, wieder ihren "unabhängigen Kandidaten" Gianni Letta ins Feld geschickt - einen ehemaligen Journalisten und Kabinettschef, dessen Unabhängigkeit sich unter anderem darin ausdrückt, dass für ihn in Berlusconis Privatmausoleum auf Sardinien bereits eine eigenständige Ehrengruft vorgesehen ist.

"Es lebe das Parlament"

Nach den Wahlen, so stand es in allen Zeitungen, sei Italien in zwei gleich große, sich erbittert bekämpfende Lager gespalten. Im Transatlantico ist davon nichts zu spüren, hier herrscht ein Aggregatzustand, der die Bindungen schwächer macht, hier scheint jeder Verrat, jede Wende und Volte möglich. Von Blöcken keine Spur, es herrscht die sfumatura, die Kunst der feinen, unspürbaren Übergänge. Kein Parteiprogramm ist so starr, als dass es nicht lächelnd aus dem Weg geschoben werden könnte, wenn ein Posten erreicht werden muss.

Keine Feindschaften so eingekerbt, als dass sie sich nicht im Medium der Macht über Nacht auflösen ließen. In der Deckung der Marmorsäulen werden Ad-hoc-Bündnisse unbekannter Halbwertszeit gebildet, werden demonstrativ Arme über Schultern gelegt oder nachdenkliche Blicke auf Dekolletés gesenkt. Ausfälle sind selten, wenn auch am Montag der Altsenator der Radikalen Partei, Marco Panella, von Ordnern aus dem Saal getragen werden musste. Der 76-Jährige hatte mehr Senatssitze für seine Partei gefordert und dazu immer wieder "Es lebe das Parlament" gebrüllt.

Die Grenzen verschwimmen, wie zu den besten Zeiten der alten, ersten Republik. Schon haben die Christdemokraten ihren linken Flügelmann Follini erklären lassen, er werde selbstverständlich für Prodis Kandidaten Napolitano stimmen. Das ist natürlich nur ein taktisches Manöver. Andererseits ist ein Teil der Linken mit eben diesem Papa Napolitano unglücklich und hätte lieber einen Kandidaten, der unbequemer ist, wie den brillanten Rhetoriker Massimo D'Alema von den Linksdemokraten. Der könnte auch mit Berlusconi gut. "Mit dir rede ich doch kein Wort mehr", ruft der spindeldürre Sekretär der Linksdemokraten, Piero Fassino, einem Deputierten zu, bestens gelaunt, und zieht ihn in eine Ecke.

Alles ist offen, nichts ist klar. Da läuft eine breitschultrige Dame im eleganten Business-Tailleur durch die Halle. Es ist Vladimir Luxuria, die auf der Liste der Neokommunisten ins Parlament gewählte Drag-Queen. Fortschrittliche Kollegen hatten für Luxuria eine "Transgender"-Toilette gefordert. Doch sie lehnte ab und geht jetzt zu den Frauen. Dort könnte ihr heute die älteste aktive Politikerin begegnen, die 97-jährige Biologin und Nobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini. Oder Franca Rame, die Gattin von Dario Fo, die völlig überraschend und gegen ihren Willen in den Senat gewählt worden ist.

Wie beim Hütchenspiel

Nach den Wahlen sind die politischen Karten neu gemischt und verteilt worden. Doch erstaunlicherweise sind fast alle wieder da. Sogar Gianni di Michelis, der ehemalige und wegen Korruption verurteilte Außenminister. Es ist wie beim Hütchenspiel. Nur ein Onorevole, der Senator Previti (in der Namensliste gleich vor Romano Prodi) muss sich entschuldigen lassen. Berlusconis ehemaliger Anwalt ist 2003 wegen Richterbestechung schuldig gesprochen worden und sitzt seit Freitag tatsächlich im Gefängnis - als erster Märtyrer jener "Diktatur der Linken", die der noch amtierende Justizminister Roberto Castelli prophezeite.

Es ist soweit. Kammerpräsident Fausto Bertinotti gibt gestern am späten Nachmittag das Ergebnis des dritten Wahlgangs bekannt. Es gibt eine Zweidrittelmehrheit - für "Bianche". Das sind die "weißen", unausgefüllten Zettel. Um ihre Kandidaten nicht zu blamieren, haben Union und Haus der Freiheiten ungültig gestimmt.

Also immer noch keinen Staatspräsidenten. Dafür diverse Stimmen für den TV-Moderator Bruno Vespa, für einen Fußballschiedsrichter, eine notorische Thronfolgerin aus dem Savoyen-Geschlecht und den Neofaschisten Almirante, der allerdings schon vor Jahren gestorben ist.

Kaum sichtbar in einer Traube von Lauschern schiebt sich jetzt Romano Prodi durch den Wandelsaal: "Morgen wird es ein volles Ja zu Napolitano geben", sagt er, als hätte er eine festgefügte Fraktion hinter sich. Beim vierten Wahlgang heute würden 50 Prozent plus eine Stimme reichen. Und auf die Mitte-links-Union hören 541 der 1010 Großwählern, rein rechnerisch. Doch der Transatlantico ist kein Ort der rechnerischen Logik. 1971 hatte es 23 Wahlgänge bedarft, um den Staatspräsidenten Leone zu wählen. Das sind vatikanische Verhältnisse. Aber kein heiliger Geist weit und breit.



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