Italiens Jugend unter Druck Schluss mit Hotel Mamma

Italiens Jugendliche müssen flexibler werden - dafür bekommen sie fast täglich Ratschläge von der Regierung: Sie sollen zu Hause ausziehen, in andere Städte gehen und nicht länger von festen Stellen träumen. Bei der von Massenarbeitslosigkeit geplagten Generation kommt das gar nicht gut an.

REUTERS

Hamburg/Rom - Eigentlich wollte die Innenministerin die Wogen ein wenig glätten. Das Verhältnis zwischen Regierung und der Jugend des Landes hatte zuletzt gelitten. Also betonte Anna Maria Cancellieri, der Politik mangele es keineswegs an Respekt vor den Jungen.

Doch was sie dann am Montag dem Nachrichtensender Tg24 sagte, machte es nicht besser: Sie bemängelte das Verhalten der Generation bei der Jobsuche. Ihre Kritik galt "der Einstellung, eine Festanstellung nur in der eigenen Stadt, an der Seite von Mama und Papa" zu suchen. Zu viele Italiener lebten noch in "der Kultur der festen Arbeitsstelle" und passten nicht mehr in die moderne Welt der Mobilität.

Die jungen Italiener müssten sich einfach ändern. Genau das, so die Ministerin, habe auch Premier Mario Monti zum Ausdruck bringen wollen. Der Wirtschaftsprofessor hatte vergangene Woche im Fernsehen gesagt: "Die Jugend muss sich daran gewöhnen, dass sie keine dauerhafte Festanstellung haben wird." Und überhaupt sei eine feste Stelle doch eintönig, so Monti, der Wechsel sei etwas Schönes.

Schluss mit Hotel Mamma, den Wechsel suchen: Italiens Jugend soll mobiler und flexibler werden. Die Regierung will die Generation fit machen für den Arbeitsmarkt - und die reagiert, nun ja, beleidigt. "Diese Regierung beschimpft uns jede Woche und zeigt, dass sie die Wirklichkeit in diesem Land nicht kennt", schreiben Studentenvertreter in ihrem Blog. "Monotonia", die Eintönigkeit, die Monti bei festen Stellen ausmachte, ist zum Schlagwort bei Twitter geworden, denn genau nach dieser Eintönigkeit sehnen sich viele unter 30-Jährige.

Zwei Drittel Muttersöhnchen?

Wer hat recht? Beide Seiten ein wenig. Denn tatsächlich bleiben die Italiener lange zu Hause wohnen. Die Klagen über Italiens "Mammoni", wie man Muttersöhnchen nennt, sind nicht ohne Grundlage. Zwei Drittel der 18- bis 34-jährigen Italiener leben noch zu Hause bei der Mamma. In Deutschland sind es nur 40 Prozent, in Frankreich 30 Prozent.

Doch der Generation fehlt es nicht nur am Willen zur Eigenständigkeit, sondern auch an Arbeit, mit der man sich einen eigenen Haushalt leisten kann. Bei jedem Vierten der unter 30-Jährigen ist das der Fall: Weder arbeitet er, noch studiert er. Die Generation stöhnt über Schleifen in Praktika und dermaßen schlecht bezahlte Jobs, dass sie sich keine eigene Wohnung leisten kann. Fast jeder zweite junge Italiener lebt in prekären Arbeitsverhältnissen. Die Jugendarbeitslosigkeit kletterte zuletzt auf 30 Prozent.

"Wer mit 28 keinen Uni-Abschluss hat, ist ein Trottel"

Dementsprechend groß ist der Traum nach einer festen, ordentlich bezahlten Stelle - Montis Hinweis, das sei doch eintönig, klingt für Italiens verlorene Generation wie Hohn. Auch Arbeitsministerin Elsa Fornero konnte am Montag bei ihrer Rede an der Universität Turin nicht punkten, als sie sagte: "Die Festanstellung ist eine Illusion." Alles hatte wohl angefangen, als Michel Martone, Vizearbeitsminister, verkündete, wer mit 28 noch nicht die Uni beendet habe, sei ein Trottel.

Und so provoziert der Aufklärungskurs der Regierung eher Ablehnung. Blogger verweisen genüsslich darauf, dass Fornero und ihr Mann aus Turin stammen, dort arbeiten - und dass auch die Tochter natürlich in Turin arbeitet. An der Seite von Mamma und Papa sozusagen.

Die Verstimmung zwischen Regierung und abgehängter Jugend ist groß. Dabei hat es sich Montis Regierung zum Ziel gesetzt, jungen Menschen bessere Chancen zu verschaffen. Monti will die Strukturen des krisengeplagten Landes aufbrechen, die Besitzstände der Interessengruppen und der älteren Arbeitnehmer schützt. Die Jungen, die bislang vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, würden nach Ansicht von Wirtschaftsexperten von der geplanten Liberalisierung profitieren, da leichter neue Jobs entstünden.

Das Problem ist also erkannt, doch an der Wortwahl und dem pädagogischen Fingerspitzengefühl muss die Regierung noch feilen. Und viele Italiener müssen sich ihrerseits an die wirtschaftsliberalen Töne der Monti-Regierung gewöhnen.

Die Ratschläge des langjährigen Regierungschefs Silvio Berlusconi klangen noch etwas anders. Der gab sich gegenüber den Sorgen jener Generation, die unter ihm groß wurde, eher unbekümmert. Als ihn eine Studentin fragte, wie sie in ihrer prekären Lage eine Familie gründen könne, sagte Berlusconi: "Heiraten Sie einen meiner Söhne." Und besorgten Uniabsolventen gab er diesen Karrieretipp: "Niemals braune Schuhe zum blauen Anzug tragen."

insgesamt 83 Beiträge
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felisconcolor 08.02.2012
1. Recht hat er
Zitat von sysopItaliens Jugendliche müssen flexibler werden -*dafür bekommen sie fast täglich*Ratschläge von der Regierung: Sie sollen zu Hause ausziehen,*in andere Städte gehen und nicht länger von festen Stellen träumen.*Bei der von Massenarbeitslosigkeit geplagten Generation kommt das*gar nicht gut an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813855,00.html
der gute Mann. Hauptsache ein warmes Plätzchen am Ofen. Und Mama bringt das leckere Essen und macht die Wäsche. Ach ja und Schule und Job sollen gefälligst zu einem kommen und nicht ein Fünkchen Flexibilität zeigen. Die Jugend sollte sich mal wieder drauf besinnen das es sich seine Kekse selbst verdienen muss. Nur von "alles ist ja so Sche...." wird keiner auch nur einen Job kriegen.
fortion 08.02.2012
2. Als alter Mann
Zitat von sysopItaliens Jugendliche müssen flexibler werden -*dafür bekommen sie fast täglich*Ratschläge von der Regierung: Sie sollen zu Hause ausziehen,*in andere Städte gehen und nicht länger von festen Stellen träumen.*Bei der von Massenarbeitslosigkeit geplagten Generation kommt das*gar nicht gut an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813855,00.html
kann ich den jungen Leuten nur den Rat geben: Laßt Euch nicht zu Sklaven und rechtlosen Nomaden machen! Wenn es keine anständig bezahlte Arbeit für Euch gibt, dann gründet auch keine Familien. Setzt keine Kinder in die Welt, auf die ebenfalls nur ein Dahinvegetieren als rechtlose Verfügungsmasse der Kapitalisten wartet. Sollen doch die dann ihre Kinder auf schlechtbezahlten, gefährlichen und schädlichen Arbeitsplätzen verschleißen. Denn der Versuch ein neues williges Prekariat aus aller Herren Länder zu importieren funktioniert auch nicht so richtig. Klinkt Euch aus dem Konsumwahn aus und kauft nicht mehr unter Verschuldung jeden Mist. Macht Euch unabhängig und tut nicht mehr das, was man von Euch erwartet.
hadroncollider 08.02.2012
3. Vorindustriell-romantisch
Zitat von sysopItaliens Jugendliche müssen flexibler werden -*dafür bekommen sie fast täglich*Ratschläge von der Regierung: Sie sollen zu Hause ausziehen,*in andere Städte gehen und nicht länger von festen Stellen träumen.*Bei der von Massenarbeitslosigkeit geplagten Generation kommt das*gar nicht gut an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813855,00.html
Sollte Spon das nicht auch langsam mal begreifen? Eine Regierung, die auf die Flüchtigkeit der Arbeitsplätze hinweist, ist nicht wirtschaftsliberal, sondern wirtschaftsreal. Es gibt sie einfach nicht mehr, die generationenüberdauernden Arbeitsplätze "beim Daimler", das ist in Zeiten der weltweiten Vernetzung und des Internets, der Globalisierung also, unwiederbringlich verloren. Unser deutscher Erfolg beruht zu einem beträchtlichen Teil darauf, dass die Menschen hier nicht gegen die Welt protestieren, weil sie wissen, dass dies sinnlos ist, weil sie wissen, dass in einer globalisierten Welt der Unternehmer eher noch reicher wird und sie dennoch mehr für weniger Geld arbeiten müssen, weil sie wissen, dass eine Weltregierung, die daran etwas ändern könnte, nicht in Sicht ist - und wenn, dann vermutlich keine, die vorindustriell-romantische Gesellschaftsvorstellungen a la NPD oder SED hegt.
acitapple 08.02.2012
4.
Zitat von sysopItaliens Jugendliche müssen flexibler werden -*dafür bekommen sie fast täglich*Ratschläge von der Regierung: Sie sollen zu Hause ausziehen,*in andere Städte gehen und nicht länger von festen Stellen träumen.*Bei der von Massenarbeitslosigkeit geplagten Generation kommt das*gar nicht gut an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813855,00.html
wie in deutschland: zum großen teil ein-personen-haushalte, die natürlich alles doppelt anschaffen, kaufen oder unterhalten. dafür gibts eben kein leckeres essen von der italienischen mama, sondern was schnelles vom ami-fast-food. molto buono !!
Minkffm 08.02.2012
5. Klingt leichter,
Zitat von sysopItaliens Jugendliche müssen flexibler werden -*dafür bekommen sie fast täglich*Ratschläge von der Regierung: Sie sollen zu Hause ausziehen,*in andere Städte gehen und nicht länger von festen Stellen träumen.*Bei der von Massenarbeitslosigkeit geplagten Generation kommt das*gar nicht gut an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813855,00.html
als gesagt! Die wirtschaftlichen Ballungszentren sind Rom und Mailand. Einen Job als Studienabgaenger ausserhalb dieser Staedte zu finden ist ungemein schwierig. Turin, Florenz und Genua bieten evtl. noch Moeglichkeiten. Die Mietpreise sind extrem hoch. Das gilt vor allem fuer Mailand und Rom (Zimmer in einer WG 500 EUR und mehr). Nun gut, fuer deutsche Einstiegsgehaelter kein Problem. Fuer italienische aber nicht. Man nennt die Studienabgaenger aus diesem Grund auch "Generation-1000", wobei 1000 fuer 1000 EUR Anfangsgehalt stehen. Leider wird das im Artikeln nicht erwaehnt. Wie auch, dass viele Ankoemmlinge in den grossen Staedten gezwungen sind , sich WG Zimmer zu teilen (der vielgeruehmte "posto letto", zu deutsch "bett Platz") und das auch in Kauf nehmen. In Deutschland waere es eher schwierig einem frisch diplomierten BwLer beizubringen, er muesse sich abends mit seinem Zimmermitbewohner absprechen, wann das Licht ausgemacht wird. Ausserdem fehlt eine eindeutige Differzierung des, neben der Steuerhinterziehung, Hauptproblems in Italien - das wirtschaftliche NordSued-Gefaelle. Waehrend im Norden die Jugendarbeitslosigkeit mit derjenigen Deutschlands vergleichbar ist, so ist si im Sueden des Landes um ein fuenffaches erhoeht. Wer kann zieht weg, was unweigerlich zu einem Braindrain fuehrt. Einfache Polemik (wie auch viele Griechenlandartikel) sind in dieser Situation, wo ein europaeisches Miteinander gefragter ist denn je, eher suboptimal....
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