Italiens Übergangsregierung Marinis Mission Impossible

Er steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Italiens Präsident Napolitano hat Senatspräsident Marini beauftragt, in einem zerstrittenen Parlament der Minifraktionen die Mehrheit für eine Wahlrechtsreform zu finden, um die Kleinen auszuschließen. Die Alternative: Neuwahlen.

Von Michael Braun, Rom


Rom - Eigentlich darf Franco Marini schon jetzt als gescheitert gelten, jedenfalls wenn man den Reaktionen der Rechts-Opposition glauben darf. Die hat gerade erst mit Hilfe einiger Überläufer Ministerpräsident Romano Prodi gestürzt und freut sich auf einen schnellen, klaren Sieg bei Neuwahlen - für Silvio Berlusconis.

Keine einzige Oppositionspartei ließ zunächst Gesprächsbereitschaft erblicken. Die rechtspopulistische Lega Nord sprach gleich von einer "Totgeburt" der Regierung Marini. Ein bisschen höflicher waren Berlusconi und der Parteichef der christdemokratischen UDC, Pierferdinando Casini; sie gaben in einer gemeinsamen Erklärung kund, auch sie seien natürlich für die Reform des Wahlrechts - aber bitteschön "in der nächsten Legislaturperiode", nach ihrem praktisch sicheren Wahlsieg.

Franco Marini: Harter Knochen, geschickter Vermittler
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Franco Marini: Harter Knochen, geschickter Vermittler

Von einem "verzweifelten Unterfangen" sprachen deshalb auch gleich von rechts bis links die italienischen Zeitungen, von einer "mission impossible", die Marini vor sich hat. Doch zugleich erscheint der Mann wie geschaffen für eigentlich nicht zu erledigende Aufträge. Zwei Charaktereigenschaften nennen alle, die ihn kennen, immer wieder. Der Senatspräsident gilt als harter Knochen - und zugleich als überaus geschickter Vermittler. In der Altherrenrepublik Italien - Prodi ist 68, Berlusconi 71, Staatspräsident Giorgio Napolitano 82 - schadet es Marini kein bisschen, dass er im April seinen 75. Geburtstag feiern darf. Im Gegenteil: Dem fast jugendlich-energisch Auftretenden wird allseits bescheinigt, dass er über die nötige Erfahrung verfügt, um womöglich doch noch einen Ausweg aus der Krise zu finden.

Flotte Karriere bei der Gewerkschaft

Gesammelt hat der Christdemokrat von altem Schrot und Korn die Erfahrung in seinen Jahrzehnten bei der Gewerkschaft. Selbst eines von sieben Kindern eines Arbeiters aus der unwegsamen Bergregion der Abruzzen östlich von Rom, heuerte Marini nach altsprachlichem Abitur und Jurastudium beim katholischen Gewerkschaftsbund CISL an. Dort machte er, der schon mit 17 in die Democrazia Cristiana (DC) eingetreten war, eine flotte Karriere, war schließlich von 1985 bis 1991 Chef der CISL. Schon damals wurde er für sein Verhandlungstalent gerühmt, egal ob in Tarifverhandlungen mit den Unternehmern, in Konzertierungsgesprächen mit der Regierung oder in Kompromissrunden mit den feindlichen Brüdern vom größeren, damals noch kommunistischen Gewerkschaftsbund.

1991 dann sattelte Marini in die Politik um, zu Zeiten, als in Rom noch der Christdemokrat Giulio Andreotti und der Sozialist Bettino Craxi den Ton angaben. Da war seine Partei, die DC, schon auf dem absteigenden Ast, er aber konnte bei den Wahlen von 1992 einen persönlichen Triumph feiern und heimste mehr Präferenzstimmen ein als alle jene DC-Granden, die neben ihm auf der Liste kandidiert hatten. Schnell jedoch musste Marini sich umorientieren, denn seine DC brach - genauso wie die Sozialisten Craxis - unter den Korruptionsermittlungen der Mailänder Staatsanwälte auseinander.

Damit hatte die Stunde jenes Mannes geschlagen, dessen Rückkehr zur Macht jetzt Marini wenigstens aufhalten soll: Silvio Berlusconi. Als der seinen Rechtsblock formierte, schlug Marini sich mit der kleinen links-christdemokratischen Partito Popolare auf die andere Seite und paktierte fortan mit den früheren Erzfeinden von der Linken. Im Prodi-Bündnis wie in der eignen Partei zeigte er zugleich eine weitere Eigenschaft - die des meisterlichen Strippenziehers. Als 1998 Prodi das erste Mal stürzte, galten er und der heutige Außenminister Massimo D'Alema als die eigentlichen Königsmörder. D'Alema trat denn damals auch Prodis Nachfolge als Regierungschef an; es entbehrt nicht der Ironie, dass diesmal Marini Prodi beerben soll.



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