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17. Dezember 2016, 17:25 Uhr

Künftige First Lady

Lieber Ivanka als Melania

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Ivanka Trump wird wohl nicht nur die mächtigste Präsidententochter der US-Geschichte - sie könnte auch ihrer Stiefmutter Melania die Rolle als First Lady abnehmen. Die Indizien häufen sich.

Im Weißen Haus sind Räume und Rollen eigentlich klar verteilt. Im West Wing sitzen der Präsident und seine engsten Mitarbeiter, hier liegen das sagenumwobene Oval Office und der Situation Room. Am anderen Ende des Gebäudes, im deutlich kleineren East Wing, bezieht die First Lady mit ihren Mitarbeitern Quartier.

Mit einem Präsidenten namens Donald Trump, der sich bekanntlich um Konventionen nicht schert, dürfte auch diese Tradition kippen. Gattin Melania zieht vorerst nicht ins Weiße Haus, und statt des üblichen "Office of the First Lady" soll im Ostflügel jetzt ein "Office of the First Family" entstehen, berichtet CNN. Tochter Ivanka soll gar überlegen, ob sie nicht doch gleich ein Büro im Westflügel bezieht - ganz nah an der Macht.

Wie nah und in welcher Position Donald Trumps Tochter nach Amtsantritt an den Präsidenten heranrückt, darüber wird viel spekuliert in diesen Tagen. Dass Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner wichtige Berater des Präsidenten werden, scheint sicher. Jetzt deutet sich darüber hinaus an, dass Ivanka womöglich auch noch die gesellschaftlichen Funktionen der First Lady übernimmt.

Die 35-jährige Tochter könne "die mächtigste First Lady aller Zeiten" werden, befand die Autorin Kate Andersen Brower am Freitag in der "Washington Post". Brower studiert die Geschichte von Amerikas Präsidentenfamilien. Zumindest in den Monaten, in denen Trumps Ehefrau Melania mit Sohn Barron in New York bleibt, könnte Ivanka Staatsgäste empfangen, Reden halten, den Präsidenten vertreten. Und womöglich noch viel länger.

Die Rollen im Trump-Clan sortieren sich

Denn die Rollen im Trump-Clan sortieren sich: Melania bleibt Mutter in New York, mindestens bis das Schuljahr beendet ist. Die Söhne Donald Jr. und Eric werden das Geschäft übernehmen, so kündigte es der Vater diese Woche an. Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner bleiben Berater - nur ihre offiziellen Positionen sind nicht geklärt.

Schließlich gibt es auch rechtliche Hürden wie das Anti-Vetternwirtschaftsgesetz, das es dem Präsidenten verbietet, einem Familienmitglied einen Posten in einer Behörde zu verleihen, die ihm direkt unterstellt ist. Trump sagte diese Woche, man müsse abwarten, was genau dieses Gesetz für seine Situation bedeutet - er lässt seit Langem keinen Zweifel daran, dass er Ivanka so nah wie möglich am Oval Office platzieren möchte.

Diese hat den gesamten Wahlkampf über eine größere Rolle gespielt als ihre Stiefmutter Melania, die das Rampenlicht der Kampagne gescheut hat und deren einzige große Rede, auf dem Parteitag im Juli, in den Augen viele Beobachter zum Desaster geriet: Mehrere Stellen der Ansprache waren bei Michelle Obama abgekupfert.

Kein Wort von Melania

Danach verschwand Melania bis auf wenige Interviews und Kurzauftritte von der Bildfläche. Wenn es um ein mögliches Thema ging, das sie als First Lady voranbringen wolle, sagte sie, sie wolle über Cybermobbing aufklären. Doch die 46-Jährige hat auch stets betont, dass sie ihre Rolle vor allem als Mutter sieht.

In der Übergangsphase seit dem Wahlsieg ist Melania so gut wie unsichtbar. Die Nachricht, dass sie und ihr Sohn zunächst nicht ins Weiße Haus ziehen werden, stand zunächst in einer Boulevardzeitung und wurde dann von ihrem Ehemann bestätigt. Kein Wort von Melania.

Ivanka hingegen bleibt auch im Übergangszirkus präsent: In dieser Woche posierte sie etwa mit dem Überraschungsgast im Trump Tower, Rapstar Kanye West. Sie war ebenso anwesend (wie ihr Ehemann und die zwei Brüder), als Trump die Silicon-Valley-Bosse im Trump Tower versammelte. Auch beim ersten Treffen des Wahlsiegers mit einem ausländischen Staatsmann, Japans Premier Shinzo Abe, saß Ivanka mit am Tisch. Was den komplizierten Interessenkonflikt verdeutlicht, der sich bei den Trumps stellt. Ivanka ist immerhin Vize-Chefin der Trump Organization (und betreibt nebenbei ihre eigene Schmuck- und Modefirma).

Wenn sie nun auch als de-facto First Lady auftritt, wäre das ungewöhnlich, aber nicht völlig ohne Beispiel. In den Jahren 1857 bis 1861 residierte mit James Buchanan ein ewiger Junggeselle im Weißen Haus, die Rolle der Gastgeberin übernahm seine Nichte Harriet Lane. Und wenn Harry Trumans Ehefrau Bess Washington satt hatte und nach Missouri verschwand, übernahm Tochter Margaret die Rolle als Gastgeberin. Doch erst Hillary Clinton kam als First Lady auf die Idee, auf ein Büro im West Wing zu pochen, wie es nun auch Ivanka bekommen könnte.

Ivanka als Botschafterin ins andere Amerika?

Präsidentengattinen-Expertin Brower findet eine mächtige Ivanka nicht schlecht. Es sei besser, wenn jemand die Rolle der First Lady ausfülle, der auch gestalten wolle, als jemand, der keinerlei Interesse daran habe.

Ivankas Rolle als Beraterin und de-facto First Lady hätte für viele ihren Reiz. Da sich die 35-Jährige wiederholt interessiert an Frauen- und Umweltthemen zeigte, könnte sie als Botschafterin in das andere Amerika wirken, das ihr Vater nicht erreicht. Leonardo di Caprio traf sich bereits mit ihr und überreichte einen Film zum Klimawandel (den ihr Vater wiederholt als Erfindung der Chinesen bezeichnete). Auch Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg suchte den Kontakt, um ein Verhältnis aufzubauen.

Schon im Wahlkampf hatte Ivanka ihre eigenen Veranstaltungen abgehalten und dabei vor allem über Themen wie Kinderbetreuung, gleiche Bezahlung und Mutterschutz gesprochen. Über die Rolle von arbeitenden Frauen will sie ein Buch schreiben. Sie nimmt sich Themen an, für die ihr Vater keinerlei Interesse zeigt.

Als kurz nach dem Wahlsieg Nancy Pelosi, die Fraktionschefin der Demokraten, bei Trump anrief, sprach der mit ihr über Innenpolitik und seine Infrastrukturpläne. Als sie dann das Gespräch auf die Belange der Frauen lenkte, reichte Trump zum Erstaunen Pelosis den Hörer weiter: an Ivanka.

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