Neuseelands Premier Jacinda Ardern Frau, Mutter, Trösterin - und Macherin

Nach dem Terroranschlag in Christchurch versucht Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, ihr Land zu einen. Und bringt mit ihrem Kabinett ein verschärftes Waffengesetz auf den Weg.

Getty Images

Von


Ein Bild um den Terroranschlag von Christchurch ist inzwischen ikonisch: Es zeigt Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern wie sie eine muslimische Gemeinde besucht. Ardern trägt drauf ein schwarzes Kopftuch. Sie sieht bewegt aus. Und: Sie hört einfach nur zu.

Rund 24 Stunden ist es zu dem Zeitpunkt her, dass Dutzende Menschen bei einem Doppelanschlag in zwei Moscheen in der Stadt im Süden des Landes getötet wurden. Der rechtsextreme Terrorist wollte eine angebliche Invasion durch Muslime verhindern. In Neuseeland, das eigentlich als so tolerant und weltoffen gilt. Nach den Anschlägen hat Ardern den Muslimen in ihrem Land versichert: "Neuseeland ist ihr Zuhause. 'Sie' sind 'wir'".

Fotostrecke

9  Bilder
Regierungschefin Ardern: Tränen, Trost und Trauer

Dann ist sie nach Christchurch aufgebrochen. Sie hat ihre Reisepläne nicht an die Presse gegeben. Sie hat ihre Koalitionspartner und auch Mitglieder der Opposition mitgebracht. Die Botschaft: Ardern ist nicht für die Medien hier. Sie will zuhören. Umarmen. Trösten.

Ardern: "Das ist nicht Neuseeland"

Zahlreiche Smartphones sind auf die Regierungschefin gerichtet als sie mit den Angehörigen spricht, als sie der muslimischen Gemeinde versichert: "Das ist nicht Neuseeland." Ardern versucht mit ihren Handlungen das Land zusammenzubringen, anstatt es zu spalten. Ihr Land sei kein sicherer Hafen für Hass, Rassismus oder Extremismus, sagt sie, "wir wurden ausgewählt, weil wir nichts davon sind".

Ardern will, was sie auch mit ihrem politischen Programm seit zwei Jahren versucht: ihr Land einen. Dafür wird sie von den Muslimen in Christchurch geschätzt und von Menschen auf der ganzen Welt gefeiert.

Schon als Ardern 2017 als frische Parteichefin die Labour-Partei trotz großer Umfragerückstände zum Sieg führt, schreiben internationale Medien von "Jacindamania". Ein Land im Begeisterungsrausch. Ardern hat die konservative Regierung abgelöst. Sie wird Regierungschefin einer Koalition mit Grünen und der rechtsnationalen Partei New Zealand First. Mit damals 37 Jahren ist sie die jüngste Regierungschefin, die Neuseeland je hatte.

Ardern verfolgt ehrgeizige Pläne für ihr Land, das trotz Heile-Welt-Image große Probleme mit Obdachlosigkeit, Kinderarmut und häuslicher Gewalt hat. Sie will Immobilienspekulationen beenden und die Umwelt noch besser schützen. Zunächst wird der Mindestlohn von 15,75 auf 16,50 Dollar angehoben. Bis 2021 soll er auf 20 Dollar steigen. Arderns Regierung verlängert die bezahlte Elternzeit von 22 auf 26 Wochen. Sie investiert in sozialen Wohnungsbau und steckt mehr Geld ins Gesundheitssystem. Unter anderem dürfen Kinder unter 14 Jahren künftig kostenfrei zum Arzt. Unter Jacinda Ardern wird das Land in kurzer Zeit sozialer.

Ardern: "Das ist keine Frage, die einer Frau am Arbeitsplatz gestellt werden sollte"

Dabei ist sie ein Vorbild für Frauen auf der ganzen Welt. Nach ein paar Stunden im Amt als Parteichefin, fragte sie ein Journalist 2017 ob sie plane, Kinder zu haben - oder ob sie sich mit ihrer Berufswahl bereits dagegen entschieden habe. Ihre Antwort sorgte im Land für Aufsehen. "Das ist heutzutage keine Frage, die einer Frau am Arbeitsplatz gestellt werden sollte", sagte sie. Denn ob eine Frau Kinder wolle oder nicht, dürfe nicht ihre Chancen im Job bestimmen.

Video: Ein Haka für die Opfer

REUTERS

Doch als die Regierungschefin kurz darauf schwanger wird, stürzt sich die Presse darauf. "Ich weiß, dass viele Menschen sich nur an mich erinnern werden, weil ich eine Frau bin und ein Kind im Amt bekommen habe. Ich verstehe das auch", sagte sie in einem Interview mit der "Times". Sie hoffe aber, man werde sich später auch noch an etwas anderes erinnern.

Als zweite Premierministerin weltweit bekam sie 2018 in ihrer Amtszeit ein Kind. Sechs Wochen nach der Geburt ging sie wieder zur Arbeit. Seitdem kümmert sich vor allem ihr Partner Clarke Gayford um die gemeinsame Tochter.

Fotostrecke

12  Bilder
Fotostrecke: Babybesuch bei der Uno

So auch im September 2018, als Ardern das "First Baby" bei der Uno-Vollversammlung dabei hat. Während die neuseeländische Regierungschefin beim Gipfel eine Rede hält, sitzt ihr Partner Gayford mit dem Baby im Publikum. Wieder wird sie gefeiert.

Doch Ardern kann nicht nur weibliches Vorbild sein. Nicht nur Frau, Mutter, Trösterin. Sie hört nicht nur zu. Sie setzt auch um. Sie kontert. Sie einigt sich. Kurz: Sie führt ihr Land.

Bereits wenige Stunden nach dem Attentat versprach sie: Neuseelands Waffengesetze werden sich bald ändern. Nach einer Krisensitzung im Kabinett am Montag ist nun eine schärfere Regelung auf dem Weg. Sogar die populistische New Zealand First, die sich bislang gegen ähnliche Gesetzesvorlagen gewehrt hatte, unterstützt diesen Plan. Ardern will innerhalb der kommenden zehn Tage Details bekannt geben. "Wir wollen uns die Zeit lassen, das richtig zu machen", sagte sie.

Damit beweist Ardern Handlungsstärke, wo andere Staaten nach ähnlichen Terroranschlägen tatenlos bleiben, wie die USA. So war es wenig verwunderlich, dass US-Präsident Donald Trump die Bluttat in Christchurch herunterspielte, wie er es auch in der Vergangenheit immer wieder mit rechter Gewalt im eigenen Land getan hatte.

Mit Blick auf weiße Nationalisten sprach er von einer "kleinen Gruppe von Menschen". Ardern entgegnete, dass sie diese Einschätzung nicht teile. "Meine Botschaft ist Sympathie und Liebe für alle Muslime."

insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
misterfreak 18.03.2019
1. Ein Vorbild für alle Menschen
Das Verhalten der neuseeländischen Regierungschefin ist ein Beispiel für alle Menschen auf der Welt, nicht lediglich aller Frauen. Gleichwohl muss wohl erkannt werden, dass hierdurch deutlich wird, dass die Welt wohl gewinnen würde, wenn mehr Frauen (solche jedenfalls) Führungspositionen innehätten.
pmf2 18.03.2019
2. So what
Immer wieder komisch wie nach solchen Anschlägen Politiker zu Göttern hoch stilisiert werden und auf einmal an Popularität zulegen, nur weil sie besänftigende Worte sagen. Ich sage: es ist ihr verdammter Job , da gibt es nichts zu lobhudeln.
quark2@mailinator.com 18.03.2019
3.
Vielleicht bin ich ja zynisch, aber bei ihr habe ich immer den Eindruck, daß sie genau weiß, wie sie die Dinge nutzen kann, um über die Medien gut rüberzukommen. Tut mir leid, aber ich nehme es ihr einfach nicht ab. Immer diese demonstrative (Schein)heiligkeit ... Sorry.
markus.schewe 18.03.2019
4. Es gibt sie noch
Es gibt sie noch diese seltenen Wesen, die glaubhaft Anteilnahme, Würde und Reife ausstrahlen. Jacinda Ardern. Endlich mal wieder ein Gesicht, das heraussticht unter diesen ganzen Fratzen postpubertierender Polit-Zombies, mit denen wir uns in der Welt-Politik tagtäglich auseinandersetzen müssen. Mein Gott, befreit diese Welt endlich von dieser Förmchenbande a la Trump, Putin, Erdogan und Co.! Ab in den Sandkasten mit Euch. Aber keine Sorge Jungs. Für Plastikpanzer, Schokoriegel und Pampers ist ausreichend gesorgt. Ihr könnt dann endlich in Ruhe Krieg spielen, während die Erwachsenen sich um die Welt kümmern. Ich finde, das wäre kein schlechter Deal. Für alle Seiten.
World goes crazy 18.03.2019
5.
Zitat von quark2@mailinator.comVielleicht bin ich ja zynisch, aber bei ihr habe ich immer den Eindruck, daß sie genau weiß, wie sie die Dinge nutzen kann, um über die Medien gut rüberzukommen. Tut mir leid, aber ich nehme es ihr einfach nicht ab. Immer diese demonstrative (Schein)heiligkeit ... Sorry.
Naja sie ist dort mit mehreren Regierungsmitgliedern und mit mehreren Oppositionsangehörigen hingefahren. Dass die Medien (v.a. im Ausland) natürlich nur sie in den Fokus rücken, ist deren Problem. Aber Neuseeland ist nunmal so ähem...wichtig, dass wir uns da maximal eine bekannte Politikerin eintrichtern lassen sollen ;) Ihr restliches Handeln zeigt aber, dass sie eine konsequente, soziale und gute Politikerin ist, das was wir vielleicht auch mal an der Spitze des Landes brauchen, statt inkompetente Lobbyisten, Spalter und Nationalisten (Seehofer, Scheuer, KaliWHATEVERchek, vdL und eine AKK rückt gerade auch widerlich nach rechts).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.