Zum Tod von Jacques Chirac Der Nahbare

Jacques Chirac war ein beliebter, aber auch ein streitbarer Präsident für Frankreich. Er war einer der letzten Vertreter einer eindeutigeren politischen Welt, die es nicht mehr gibt.

OLIVIER HOSLET/ EPA-EFE/ REX

Ein Nachruf von Britta Sandberg, Paris


In den Stunden nach dem Tod Jacques Chiracs zeigte sich ein Frankreich, das man so nicht mehr kannte: kein gespaltenes Land, sondern ein einiges Land. Im Minutentakt kondolierten Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Rassemblement National, Sozialisten, Gaullisten und Macron-Anhänger. Sogar der zum Poltern neigende Jean Luc-Mélenchon von der linken Partei La France Insoumise bekannte, man müsse die Trauer nun einfach zulassen, es gebe gute Gründe für sie.

Es waren nicht die üblichen, routinierten Erklärungen, die sonst dem Tod greiser Politiker folgen. Chirac war schon seit Jahren schwer krank gewesen und hatte sich nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt. Jeder wusste, wie es um ihn stand. Und dennoch wirkten all diese Nachrufe aufrichtig traurig, ihre Verfasser seltsam erschüttert.

Ein Teil auch seines Lebens sei heute zu Ende gegangen, schrieb Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Von einer "tiefen Traurigkeit" sprach der ehemalige Umweltminister Nicolas Hulot und bekannte, ohne eine Begegnung mit Jacques Chirac hätte seine Karriere einen anderen Weg genommen. Und der amtierende Senatspräsident von der Regierungspartei En Marche erklärte, Chirac habe die Seele Frankreichs verkörpert.

Genialer Wahlkämpfer, beliebter Bürgermeister

Das mögen nicht alle so sehen. Denn Chirac war den Franzosen zwar sehr nah, seine Beliebtheitswerte erreichten vor allem nach seinem Rückzug aus dem Elysée-Palast im Jahre 2007 neue Rekorde - er war jedoch auch ein fragwürdiger Politiker: korrupt, um den eigenen Vorteil bedacht, ein manchmal skrupelloser Taktiker. Aber einer mit menschlicher Wärme, das bestätigen selbst seine politischen Gegner.

Vor allem aber war dieser für einen Franzosen mit 1,92 Meter ungewöhnlich hochgewachsene Mann schon immer irgendwie da, ein fester Bestandteil dieser fünften französischen Republik. Auch das macht den Verlust so unvorstellbar. Jacques Chirac war jahrzehntelang Abgeordneter, insgesamt siebenmal Minister, zweimal Premierminister und zweimal Präsident, außerdem 18 Jahre lang Bürgermeister von Paris. Eine ähnliche politische Karriere wird es in diesem Land wohl kaum noch einmal geben.

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Jacques Chirac: Frankreichs "Bulldozer" ist tot

Es gibt Dinge, die aus dieser außergewöhnlichen politischen Biographie mehr in Erinnerung bleiben werden als andere: Sein entschiedenes Nein zu einer französischen Beteiligung am Irakkrieg im Jahre 2003, die ihn damals eng mit dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder verband, gehört sicher dazu. Ebenso seine klare Abgrenzung vom rechtsextremen Front National von Jean-Marie Le Pen und sein aufrichtiges, zugleich von politischem Kalkül getragenes Engagement für Europa. Als erster französischer Präsident räumte Chirac eine Mitschuld der Franzosen an der Deportation der Juden im Zweiten Weltkrieg ein.

Die Franzosen aber mochten diesen Präsidenten aus anderen Gründen: Der konservative, zutiefst bodenständige Gaullist war nahbar, menschlich und mitfühlend. Er war ein genialer Wahlkämpfer und ein beliebter Bürgermeister, weil er die Leute anfasste, mit ihnen sprach, keine Distanz aufkommen ließ. Chirac, der eine klassische französische Eliteausbildung absolviert hatte und 1956 mit Bernadette Chodron de Courcel die Tochter einer Adelsfamilie heiratete, gab sich weitaus weniger aristokratisch als sein Amtsvorgänger, der Sozialist François Mitterrand. Es gibt unzählige Fotos, auf denen Chirac mit seinen Wählern trinkt und isst, ihnen in Dorfkneipen Pastis einschenkt und auf dem alljährlichen Landwirtschaftssalon in Paris beweist, dass er weder Angst vor Kühen, noch vor Kutteln hat.

Keine Fernsehdebatte mit den Rechten

Kurz nach seiner Hochzeit wurde Chirac als junger Leutnant in den Algerienkrieg eingezogen, er war somit auch der letzte Präsident der V. Französischen Republik, der noch in einem Krieg gekämpft und die schwierige Phase der Dekolonialisierung am eigenen Leib erfahren hat.

Ende der Sechzigerjahre wurde der Gaullist Georges Pompidou sein politischer Mentor, er ernannte den damals 34-Jährigen zum Staatssekretär im Arbeitsministerium. Nach Pompidous Tod 1974 setzte sich Chirac für die Wahl des Liberalen Valéry Giscard d'Estaing zum Präsidenten ein und positionierte sich gegen den gaullistischen Kandidaten, was ihm den Ärger seiner Partei einbrachte. Zwei Jahre später verließ er die Regierung Giscard d'Estaings und gründet die gaullistische Sammlungsbewegung RPR (Rassemblement pour la République), die vor allem seinen eigenen politischen Ambitionen dienen sollte.

Im folgenden Jahr wurde er zum Bürgermeister von Paris gewählt und blieb es fast zwei Jahrzehnte lang. Auf diese Zeit gehen auch die Vorwürfe zurück, er habe sich schwarzer Kassen bedient. 2011 verurteilte ihn ein Pariser Gericht wegen Scheinbeschäftigungen aus seiner Zeit im Rathaus zu zwei Jahren Gefängnis mit Bewährung. Chirac verzichtet damals auf eine Berufung.

1995 zog er im dritten Anlauf in den Elysée-Palast ein: Nachdem er bei den Präsidentschaftswahlen von 1981 und 1988 Mitterrand unterlegen war, gelang ihm nun, gegen den Sozialisten Lionel Jospin, der Sieg. 2002 trat er erneut an und musste sich, eine Premiere in der Geschichte Frankreichs, im zweiten Wahlgang neben einem Präsidentschaftskandidaten des rechtsextremen Front National (FN) den Wählern stellen. Chirac lehnte eine gemeinsame Fernsehdebatte mit Jean-Marie Le Pen entschieden ab und gründete das rechtsbürgerliche Wahlbündnis UMP. Im zweiten Wahlgang erzielte er das beste Ergebnis, das je ein Präsident in Frankreich erhalten hat: 82, 2 Prozent aller Wählerstimmen. Er sah es als seine Verpflichtung, nun für alle Franzosen zu sprechen und zu regieren.

Es ist diese zweite Amtszeit, die Chirac seine größte Popularität bescherte, beginnend mit seinem Nein zum amerikanischen Angriffskrieg im Irak. Es ist aber auch die Amtszeit, die ihm eine seiner größten Niederlagen einbrachte: Mit knapp 55 Prozent stimmten die Franzosen im Mai 2005 in einem von Jacques Chirac initiierten Referendum gegen den Europäischen Verfassungsvertrag. Im selben Jahr erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nie wieder richtig erholen sollte.

Abschied von der "Welt von gestern"

Im Frühjahr 2007 kündigte der noch amtierende Präsident an, er werde kein drittes Mal kandidieren. Nachdem er den Elysée-Palast verlassen hatte, lebte er mit seiner Frau Bernadette, mit der er sich ein Leben lang siezte, zunächst in einer Luxuswohnung am Quai Voltaire in Paris, gleich gegenüber vom Louvre mit Blick auf die Seine.

Das Apartment gehört der Familie des ehemaligen libanesischen Premierministers Rafi Hairiri, die es dem Ehepaar Chirac unentgeltlich zur Verfügung stellte, aus alter Verbundenheit. Die investigative Wochenzeitschrift "Le Canard Enchainé" schätzte die marktübliche Monatsmiete auf 10.000 Euro. Jacques Chirac aber hatte kein Problem, das Geschenk aus dem Libanon anzunehmen. Erst 2015 zog das Paar in eine andere, barrierefreiere Wohnung - Chirac war zu dieser Zeit schon länger auf einen Rollstuhl angewiesen. Am vergangenen Sonntag wurde Chirac in das Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière eingeliefert, am Donnerstagmorgen starb er zu Hause, im Kreis seiner Familie.

Mit Chiracs Tod sei, so schreibt die Zeitung "Le Monde" heute frei nach Stefan Zweig, die "Welt von gestern" verschwunden. Eine Welt, in der es noch eine eindeutige Rechte und eine eindeutige Linke gab. Eine Welt, in der Politiker regierten, die noch den Kalten Krieg erfahren hatten, sich über den Fall der Berliner Mauer freuten und das Ende der großen Ideologien erlebten. Jacques Chirac war einer der letzten Vertreter dieser Politikergeneration in Frankreich - mit all ihren Vor- und all ihren Nachteilen. Er wurde 86 Jahre alt.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Andrea Nxxx. 26.09.2019
1. Keines Nachrufes würdig
Wüsste nicht warum dieser Mann besonderer Trauer oder eines Nachrufes würdig wäre - vielleicht als Abschreckung? Erste Amtshandlung: vollkommen ohne Grund Atombomben im Südpazifik zünden und sich stolz fühlen als Kommandeur der vermeintlichen Force de Frappe, dann Landwirtschaften in Afrika zerstören und ansonsten jahreland korrupt vor sich hinregiert. Gut oder beeindruckend ist anders.
super.elchi 26.09.2019
2. in keiner guten Erinnerung...
ich habe mit den "F*ck, F*uck Chirac!"-Protestlern sympathisiert, als er im Bikini Atoll seine weltpolitischen Machtspiele in Form von Atombomben-Tests zum Besten gegeben hat. Das war so was von überflüssig - dieser Typ Politiker ist mir ein Graus - leider gibt es davon im Moment wieder zu viele ...
Mister Stone 26.09.2019
3.
Er war einer der letzten Vertreter einer eindeutigeren politischen Welt, die es nicht mehr gibt. ...nicht einer, sondern seiner eindeutigeren politschen Welt, möchte ich hinzufügen. Ich erinnere mich gut daran, wofür er stand, und mit welchem Selbstverständnis er verlangte, dass alle Franzosen ihn zu lieben hätten. Sein Selbstverständis wankte, als die Schweizer Fußballspieler ihn auf großer medialer TV-Bühne aufforderten, seine Atom-Versuche zu beenden. RIP
kzr 26.09.2019
4. Unglaublich
wie des-informiert ( oder "um-orientiert" damals von der deutsche Presse...insbesondere der Spiegel der nie sehr frankophile war..) viele Forumschreiber hier das Thema "Atomversuche" fokussieren. Sie werden, wenn Sie in Frankreich die Bevölkerung befragen, nie spontan solche spontane Reaktion erhalten, und auch nicht von den grünen. Was in Deutschland als arroganter Amtsantrittsakt, war eigentlich die Ende des von seinem Vorgänger Mitterrand beschlossenen Moratorium, Mitterrand hatte nicht der Mut diese letzte notwendig Akt des Eichung unsere Atombomben durchzuführen. Er hat es getan. Genauso wie er die Amis nein gesagt hat beim Irak. Er hat immer, absolut immer, die Interesse von Frankreich ueber alles anderes gelegt. Auch wenn es die "Atom nein Danke" Bande nicht gefällt... RIP es war ein großer Staatsmann.
Newspeak 26.09.2019
5. ...
Der Nachruf ist schon in Ordnung, aber man sollte aufhoeren, jedesmal davon zu sprechen, dass eine alte Welt mit dem Tod eines Menschen verlorengeht. Diese Aussage stimmt immer und sie stimmt nie. Der Kalte Krieg war nicht so viel eindeutiger, wie die Situation heute, es gab auch damals an der Peripherie staendig wechselnde Gefolgschaften, es gab Terrorismus, es gab Stellvertreterkriege, vielleicht unter anderem politischen Vorzeichen, aber in den Auswirkungen nicht anders, als heute. Und umgekehrt gibt es heute alles, was es damals auch schon gab, korrupte Eliten, praesidiale Machtspiele, besonders in Frankreich den nationalen Pathos, es dauert eben alles nur seine Zeit, bis man es wahrnimmt. Wenn Macron dereinst die Welt verlaesst, wird der Inhalt des Nachrufs bis auf die notwendigerweise unterschiedlichen biographischen Details derselbe sein. Weil dieses Amt dasselbe ist. Im Grunde muss man in einem Nachruf auch nur eine Frage beantworten: War er ein guter Mensch? Ich traue mir kein Urteil zu.
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