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Jagd auf den Diktator Gaddafis letzte Verstecke unter Beschuss

Tripolis ist erobert - aber Gaddafi bleibt verschwunden. Jetzt lässt die Nato zwei Hochburgen des Diktators bombardieren: seine Geburtsstadt Sirte und den Wüstenort Bani Walid. Die erfolgreiche Flucht von mehreren Verwandten nach Algerien hat Rebellen und die Militärallianz alarmiert.

Die Jagd nach dem Diktator Muammar al-Gaddafi läuft auf Hochtouren - und offenbar vermuten weder die Rebellen noch die Nato den gestürzten Despoten in der Hauptstadt. In den vergangenen Tagen hatten die Regimegegner in den Stadtteilen von Tripolis, die als Hochburgen Gaddafis gelten, Dutzende Gebäude durchsucht. Doch den Despoten spürten sie dort nicht auf.

Sowohl der Übergangsrat als auch die militärische Führung wissen, dass die Festnahme Gaddafis der entscheidende Schritt wäre, um seine Herrschaft endgültig zu beenden. Nun scheint sich die Jagd auf zwei weitere Hochburgen Gaddafis zu konzentrieren. Bereits am Dienstag hatte die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf libysche Diplomaten des alten Regimes berichtet, Gaddafi halte sich in Bani Walid versteckt, einem Wüstenort rund hundert Kilometer südöstlich von Tripolis.

Genau dort bombardierten Nato-Kampfjets nun drei militärische Ziele. Zwei Angriffe seien gegen Kommandozentralen der Gaddafi-Armee und einer auf ein Munitionsdepot geflogen worden, hieß es in einer Nato-Mitteilung.

Ultimatum bis Samstag

Eine weitere Theorie lautet, dass sich Gaddafi in seinem Heimatort Sirte an der Mittelmeerküste aufhält. Die Stadt wird derzeit von den Rebellen eingekreist, mit einem Angriff wollen die Aufständischen noch abwarten. Sie setzen darauf, dass die Gaddafi-Getreuen in Sirte nach Verhandlungen aufgeben könnten, wenn sie die Aussichtslosigkeit der Lage erkennen. Sirte ist der einzige Ort an der Mittelmeerküste, der noch nicht von den Rebellen erobert wurde.

Der Übergangsrat stellte den regierungstreuen Truppen ein Ultimatum bis Samstag, um die letzten Hochburgen des alten Regimes zu übergeben. "Länger können wir nicht warten", sagte der Chef des Rates, Mustafa Abdul Dschalil, in Bengasi.

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Diktator auf der Flucht: Bomben und Panzer gegen Gaddafi

Foto: ESAM OMRAN AL-FETORI/ REUTERS

Die Nato setzte ihre Angriffe trotzdem fort. In der Nähe von Sirte seien in den vergangenen 24 Stunden drei Kommandozentralen, vier Radaranlagen, 22 bewaffnete Fahrzeuge, zwei Versorgungsfahrzeuge, ein Leitstand und zwei Raketenstellungen zerstört worden, teilte die Nato am Dienstag mit. Offenbar versucht das Militärbündnis, den Druck auf die dort verbliebenen Gaddafi-Truppen, die immer wieder ungezielt Raketen auf die rund um Sirte positionierten Rebellen abfeuern, durch Luftschläge zu erhöhen.

Familie flüchtet nach Algerien

Dass sich Gaddafi im Süden des Landes versteckt hält, ist ebenfalls plausibel. In der bergigen Region könnte der Diktator bei den Stämmen möglicherweise noch immer Rückhalt genießen, denn die Rebellen sind dort kaum präsent. Auf Satellitenaufnahmen der Region sieht man Tausende weit verstreute Gehöfte und Bauernhöfe. Die Suche nach dem Diktator könnte sich dort über Monate hinziehen.

Die am Montagabend bekannt gewordene Ausreise der Verwandten Gaddafis zeigt nach Meinung von Beobachtern, dass sich die Familie nach dem Fall von Tripolis aufgeteilt hat. Während Gaddafi und sein Sohn Saif al-Islam offenbar in Libyen bleiben wollen, so jedenfalls die Vermutung, hat der Despot den Rest des Clans ins sichere Asyl nach Algerien geschickt. In dem Konvoi - nach algerischen Angaben eine Mercedes-Limousine und ein Bus - befanden sich Gaddafis Frau Safia, seine Tochter Aischa und die beiden Söhne Mohammed und Hannibal.

Die "New York Times" hatte unter Berufung auf einen algerischen Uno-Diplomaten berichtet, dass eine der beiden Frauen kurz vor dem Grenzübertritt ein Kind zur Welt gebracht habe. Vermutlich handele es sich dabei um Aischa, die zum Zeitpunkt der Flucht hochschwanger gewesen sein soll. Dies könnte ein weiterer Grund dafür sein, warum sich die Ehefrau Gaddafis und die Tochter endgültig zur Flucht entschieden haben.

Die nun ausgereisten Gaddafis gehörten nicht zum inneren Zirkel des Machtapparats des Diktators. Aischa war zwar im April einmal auf einer Propaganda-Veranstaltung für ihren Vater in Tripolis aufgetreten. Ansonsten aber spielten weder sie noch Hannibal oder Mohammed - beide eher durch Verschwendungs- und Vergnügungssucht bekannt - in der Führungsriege um Gaddafi eine große Rolle.

Algerien, einer der letzten Unterstützer des Gaddafi-Regimes, betonte nun, dass die Mitglieder seines Clans nicht vom Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrecher gesucht würden - und aus humanitären Gründen aufgenommen worden seien. Die Familie befinde sich in der Hauptstadt Algier. Der Übergangsrat der Rebellen zürnt dennoch, das Asyl im Nachbarland sei eine Provokation gegen Libyen. Dass Algerien den Forderungen der Aufständischen nach einer Auslieferungnachkommt, gilt als unwahrscheinlich.

Vorbereitung auf finalen Kampf?

Beobachter vermuten, dass Muammar al-Gaddafi die Familie, darunter mehrere kleine Kinder, nach Algerien geschickt habe, weil er sich auf den Endkampf vorbereite. Er selbst hatte immer wieder gesagt, er werde nicht aus Libyen ausreisen oder vor den Rebellen fliehen. Vielmehr wolle er bis zum Ende kämpfen und ehrenhaft untergehen.

Das Schicksal anderer Familienmitglieder des Gaddafi-Clans ist weiter unklar. Sohn Saif al-Islam, der in den letzten Monaten immer martialischer aufgetreten war, soll noch immer bei seinem Vater sein. Wie dieser hatte er stets betont, dass er bis zum Ende um sein Land und die Macht kämpfen wolle.

Einst als möglicher Reformer des verkrusteten Gaddafi-Regimes vom Westen hofiert, radikalisierte sich Saif al-Islam nach der Rebellion massiv, ähnelte seinem Vater schließlich immer mehr. Noch am Tag des Einmarsches der Rebellen in Tripolis zeigte er sich in der Hauptstadt und skandierte Kampfparolen. Danach verlor sich seine Spur.

Ein weiterer Sohn Gaddafis, der eine gefürchtete Sondereinheit des Militärs führte, soll hingegen am vergangenen Sonntag bei Kämpfen rund um das Camp seiner Truppe getötet worden sein. Chamis, der die nach ihm benannte Brigade befehligte, gilt als einer der engsten Berater seines Vaters. Wegen der Brutalität seiner Brigade ist er im ganzen Land gefürchtet. Vor einigen Tagen fanden die Rebellen in der Nähe seiner Kaserne über 50 Leichen. Vermutlich handelt es sich um Gefangene, die Chamis' Männer vor der Flucht töteten und verbrannten.

mit Material von dpa/Reuters
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