Jagd auf Terroristen-Führer Mullah Omar angeblich unter dem Schutz von Stammeskriegern in Kandahar

Britische Medien berichten, dass der Taliban-Führer Mullah Omar weiterhin in Kandahar sei. Er stehe unter dem Schutz eines fundamentalistischen Stammesführers.


AP

Nach Angaben des britischen Senders BBC befinde sich Mullah Omar unter der Protektion des früheren Mudschaheddin-Kommandeurs Mullah Naqibullah. Der Sender beruft sich auf Angaben, die ein Sprecher des früheren Kommandeurs von Kandahar, Gul Agha Sherzeai, verbreitet hat. Mullah Naqibullah gilt als Sympathisant der Taliban. Auch die Londoner Zeitung Times berichtet über den neuen Aufenthaltsort von Mullah Omar.

Der designierte afghanische Regierungschef Hamid Karsai dagegen äußerte Zweifel an Vermutungen, dass sich Omar weiter in der südafghanischen Stadt aufhalte. "Alle Taliban-Soldaten haben die Stadt verlassen, warum sollte er bleiben?" Allerdings könnten sowohl Omar als auch Bin Laden noch in der Region sein, sagte Karsai.

Keiner der beiden sei aber in den Händen der Anti-Taliban-Kräfte, betonte Karsai. Er habe auch nichts über Omar von Mullah Nakib Ullah oder Gul Agha gehört, den beiden rivalisierenden paschtunischen Stammesführern, die die Kapitulation der Stadt in Verhandlungen erreicht hatten. Karsai betonte erneut, dass Omar vor Gericht gestellt werden solle, sobald er gefangen genommen sei: "Wir werden Mullah Omar der internationalen Justiz überstellen", sagte der Paschtunenführer, "ich habe ihm jede Chance gegeben, sich vom Terrorismus loszusagen. Jetzt ist seine Zeit abgelaufen."

Flucht in die Höhlen von Islam Dara

Wenn sie ihn fassen. Für den Mann, dem Einsamkeit scheinbar nichts ausmacht, bieten die Berge um Kandahar viele Rückzugsmöglichkeiten. Dort könnte er auch versuchen, seine Kämpfer neu zu gruppieren. In pakistanischen Geheimdienstkreisen wurde vermutet, dass die Taliban und ihre ausländischen Söldner in der Provinz Sabul nordöstlich der Stadt Zuflucht suchen. Ein anderes mögliches Versteck wäre Islam Dara, ein Netz von Gängen und Höhlen in der Provinz Helmand nordwestlich von Kandahar. Von dort aus könnten die Kämpfer sich in die Berge von Bamian zurückziehen, wo sie sich für Monate, wenn nicht gar Jahre, verstecken könnten. Sogar auf dem Höhepunkt seiner Macht sollen Omars Ansprüche relativ gering geblieben sein. Das würde ihm das Leben in den kargen Bergen Afghanistans beträchtlich erleichtern. Auch sein Bedürfnis nach Alleinsein dürfte dem entgegen kommen. Als Machthaber der Taliban verbrachte Omar, der im Kampf gegen die sowjetischen Truppen ein Auge verlor, viel Zeit mit Koranstudien und empfing nur widerwillig Besuch in seinem Haus nahe Kandahar.

Mythos Taliban

Wenn Omar jetzt im Bergland untertaucht und seine Verfolger abhängt, könnte dies den Mythos der Taliban neu aufleben lassen. Doch auch wenn der Mullah gefangen oder gar getötet würde, würden Anhänger ihn als Märtyrer feiern. Wie viele das sein könnten, auch darüber gibt es nur Spekulationen. Zahllose Taliban-Kämpfer haben bereits ihre Waffen niedergelegt und sind zu ihren einstigen Feinden übergelaufen. Andere aber sind auf der Flucht und scheinen ebenso vom Erdboden verschluckt wie Omar.

Der Stabschef von US-Präsident George W. Bush, Andrew Card, dagegen erklärte, die USA seien sich ziemlich sicher, dass sich Taliban-Führer Omar auch nach der Kapitulation seiner Kämpfer in Kandahar aufhalte. Der US-Befehlshaber des Afghanistan-Einsatzes, General Tommy Franks, sagte, die Lage in der ehemaligen Taliban-Bastion sei chaotisch und werde dies wohl auch noch einige Tage bleiben.

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