US-Medien zu Boston-Attentat Kühler Kopf, dumme Fehler

Großfahndung in Boston nach dem Bombenanschlag - das bedeutet auch: Großeinsatz der Medien. Networks, Kabelsender und Online-Dienste konkurrierten um die Nachrichtenhoheit. Twitter hatte einen Blitzstart - doch es gibt einen Überraschungssieger.
Pressekonferenz mit Gouverneur Patrick: CNN-Reporter als "menschliche Tausendfüßler"

Pressekonferenz mit Gouverneur Patrick: CNN-Reporter als "menschliche Tausendfüßler"

Foto: AP/dpa

Amerikas neuester Medienstar heißt Pete Williams. Stundenlang live auf Sendung, behielt der NBC-Justizkorrespondent beim Drama von Boston einen durchgehend kühlen Kopf. "Ich spekuliere lieber nicht", beharrte Williams immer wieder, mit wilden Gerüchten und unbestätigten Informationen konfrontiert, denen andere Kollegen auf den Leim gingen.

Die News-Website "Huffington Post" ernannte den stillen Williams zum "Reporter-Helden der Bostoner Bombenanschläge". Am Freitag war der frühere Pentagon-Sprecher sogar kurz ein weltweiter Twitter-Trend. Vom Online-Dienst Politico darauf angesprochen, winkte er nur lachend ab: "Ich will nirgends ein Trend sein!"

Die Großfahndung nach den Bostoner Bombenlegern hielt die gesamten USA in Atem. Und sie befeuerte den Kampf der Medien um die Nachrichtenhoheit. Er tobte auf Fernseh- und Computerbildschirmen, zwischen etablierten Networks, flotten Kabelsendern und sozialen Netzwerken: Wer profilierte sich als beste Informationsquelle?

Am Ende gab es bei diesem spektakulärsten Medienereignis in den USA seit Jahren einen Überraschungssieger - die alten, behäbigen TV-Networks, von vielen längst abgeschrieben. Das sah anfangs anders aus. Als sich die Jagd in der Nacht zum Freitag im Vorort Watertown zuzuspitzen begann, hatten sich die Rund-um-die-Uhr-Kabelkanäle CNN, Fox News und MSNBC gerade mit Wiederholungen schlafen gelegt. Die Networks ABC, CBS und NBC ebenfalls. Wer Bescheid wissen wollte, musste auf den Kurznachrichtendienst Twitter umschalten: Da spielten sich Schießereien und Verfolgungsszenen ab, in Echtzeit - wie eine reale Version der TV-Thrillerserie "24".

Augenzeugen twitterten im Sekundentakt

Augenzeugen twitterten im Sekundentakt, mit Texten und Fotos. Etwa der Autor Seth Mnookin, der an der Eliteuni MIT unterrichtet, wo ein Wachmann erschossen worden war, und in der Straße wohnt, wo sich die Cops mit den Verdächtigen ein langes Feuergefecht lieferten.

"Blaulichter überall", schrieb Mnookin. "Automatische Waffen und Bombenspürhunde auf dem Gehweg." Die Nacht, sagte er später, erinnere ihn an den 11. September 2001, den er damals in Lower Manhattan miterlebt hatte.

Schon rief das Internet seinen Sieg aus. "Die Medien sind nicht mehr im Besitz der Story", triumphierte die Website BuzzFeed, die ihre "Popularitätslisten" aktuell aufmotzte: "Alles, was ihr über die Fahndung wissen müsst."

Doch das war viel zu viel versprochen und viel zu früh gefreut. Websites und Online-Dienste gaben oft nur aufgeschnappte Informationshäppchen vom Polizeifunk weiter, ohne Zusammenhang und mit falschen Schlussfolgerungen. Schließlich platzte dem Boston Police Department der Kragen, es schaltete die Netzverbindung seines Funks ab.

Soziale Netzwerke waren zugleich Brutstätten für wüste Spekulationen, die zeitweise in einer Hexenjagd auf Unschuldige mündeten. Die Plattform Reddit entschuldigte sich später.

Trotzdem dauerte es in der Nacht lange, bis die Newskanäle aufwachten. CNN - das sich zuvor mit mehreren Falschmeldungen nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte - machte es sich leicht: Kommentarlos übernahm es die Live-Sendung des Lokalsenders WCVB, seinerseits ein Ableger des Network ABC.

Lokalsender schlagen sich wacker

Wie WCVB schlugen sich auch andere Network-Lokalsender wacker. Sonst wegen ihrer kruden Mischung aus News, Klatsch und PR verlacht, waren sie stundenlang die einzigen, die nüchtern berichteten - und das unter teils lebensgefährlichen Bedingungen. WHDH-Reporter Adam Williams fand sich während der nächtlichen Schießerei auf der falschen Seite der Polizeibarrikaden: "Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in so einer Situation", sagte er. "Ich kann das Schießpulver riechen."

Um sechs Uhr früh dann stiegen die zentralen Networks ein. Sie wandelten ihre Frühstücksshows in Marathonberichte aus Boston um. Savannah Guthrie, die als Moderatorin der "Today Show" (NBC) sonst Kochrezepte und watteweiche Interviews präsentiert, blieb sieben Stunden auf Sendung, ruhig, gelassen und kompetent. Ihr Partner: Pete Williams.

Großer Verlierer: CNN. "Es ist erstaunlich, wie durchgehend schlecht CNN diese Woche war", schimpfte Web-Redakteur Lance Turner. "Dies könnte ein Wendepunkt sein." TV-Satiriker Jon Stewart verhöhnte die oft hilflosen CNN-Reporter als "menschliche Tausendfüßler".

Doch trotz der Fehler gewann CNN Zuschauer dazu, lag vor MSNBC, aber noch hinter Fox. Für den alten News-Sender war Boston, nach jahrelangem US-Quotenschwund, eine enorme Herausforderung. Der frisch gebackene CNN-Chef Jeff Zucker, der zuvor NBC geführt hatte, hat gerade erst das Programm umgekrempelt, hat alte Stars gefeuert und neue eingekauft.

Darunter Politikkorrespondent Jake Tapper, vormals ABC. Der hatte sich nach sieben Stunden auf Sendung hingelegt und erfuhr um 1.10 Uhr von der Schießerei - über Twitter.

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