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01. September 2009, 20:13 Uhr

Jahrestag des Kriegsbeginns

Geschichtsstreit überschattet Gedenkfeier in Polen

Differenzen zwischen Polen und Russland haben die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Weltkriegsbeginns überschattet. Beide Nationen warfen sich gegenseitig vor, die eigene Rolle zu verharmlosen. In Danzig gedachten dann aber Staats- und Regierungschefs der beteiligten Nationen gemeinsam der Opfer.

Danzig - Mit einem Bekenntnis zur "immerwährenden geschichtlichen Verantwortung Deutschlands" hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am 70. Jahrestag des Kriegsbeginns der Millionen Toten gedacht. Bei einer Zeremonie auf der Danziger Westerplatte sagte Merkel am Dienstag: "Ich verneige mich vor den Opfern." Mehrere Staats- und Regierungschefs der damaligen Kriegsgegner, unter ihnen der russische Ministerpräsident Wladimir Putin, ehrten die Toten mit einer Kranzniederlegung.

Der Beschuss der Westerplatte durch das deutsche Schulschiff "Schleswig-Holstein" im Morgengrauen des 1. September 1939 gilt als Beginn des Zweiten Weltkriegs, in dem mehr als 50 Millionen Menschen ums Leben kamen. Insgesamt waren rund 20 Regierungschefs zu den Feierlichkeiten eingeladen.

Merkel sagte in einer kurzen Ansprache, es gebe keine Worte, die das Leid dieses Krieges und des Holocaust auch nur annähernd beschreiben könnten. "Ich gedenke der 60 Millionen Menschen, die durch diesen von Deutschland entfesselten Krieg ihr Leben verloren haben." Mit Blick auf das zwischen Deutschland und Polen immer wieder umstrittene Thema der Vertriebenen versicherte Merkel, Deutschland wolle seine Verantwortung nicht relativieren. Wenn an das Schicksal der Deutschen gedacht werde, die in Folge des Krieges ihre Heimat verloren hätten, geschehe dies in dem "Bewusstsein der Verantwortung Deutschlands, die am Anfang von allem stand. Dann tun wir das, ohne irgendetwas an der immerwährenden geschichtlichen Verantwortung Deutschlands umschreiben zu wollen. Das wird niemals geschehen", sagte die Bundeskanzlerin.

Sie erinnerte an das Leid der Polen im Zweiten Weltkrieg, die am längsten unter deutscher Besatzung gelitten hätten. Im Zweiten Weltkrieg kamen etwa sechs Millionen Polen ums Leben, die Hälfte von ihnen waren Juden. Es sei der Auftrag der Deutschen, "die Zukunft im Bewusstsein unserer immerwährenden Verantwortung zu gestalten", sagte Merkel. In diesem Geiste habe sich Europa "aus einem Kontinent des Schreckens und der Gewalt in einen Kontinent der Freiheit und des Friedens verwandelt. Dass das möglich geworden ist, das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wunder".

Polens Präsident Kaczynski vergleicht Katyn-Blutbad mit Holocaust

Die Zeremonie zum Zeitpunkt des Angriffs am frühen Morgen wurde überschattet durch Streitigkeiten zwischen Polen und Russland. Der polnische Präsident Lech Kaczynski kritisierte in seiner Rede die damalige Rolle der Sowjetunion. Am 23. August 1939 war der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet worden, damit ließ die Sowjetunion Nazi-Deutschland freie Hand in Polen. Am 17. September marschierte die Rote Armee im Osten des Landes ein.

In einer Rede am Morgen hatte Kaczynski einen direkten Vergleich zwischen der Ermordung von 20.000 polnischen Offizieren durch die Sowjetunion im damals polnischen Katyn und dem Holocaust gezogen. Die Führung in Moskau hatte jahrzehntelang versucht, Nazi-Deutschland die Schuld an dem Verbrechen von Katyn zu geben. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion räumte Russland ein, dass das polnische Offizierskorps auf Befehl von Diktator Josef Stalin erschossen worden war.

Putin: Verträge mit Nazi-Deutschland waren "moralisch inakzeptabel"

Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin wies die Kritik Kaczynskis zurück. Wer objektiv über die Geschichte sprechen wolle, müsse wissen, dass damals alle Beteiligten viele Fehler begangen hätten, sagte Putin kurz vor Beginn der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Kriegsbeginns. Putin sagte, der Hitler-Stalin-Pakt sei nicht alleiniger Auslöser für den deutschen Überfall auf Polen gewesen. Trotzdem seien sämtliche Verträge mit Nazi-Deutschland zwischen 1934 und 1939 "moralisch inakzeptabel" und "politisch sinnlos" gewesen.

Russland und seine Nachbarn liegen im Streit über die Rolle Stalins, der unmittelbar vor Kriegsbeginn einen Nichtangriffspakt mit Nazi-Deutschland unterzeichnet hatte. Der Hitler-Stalin-Pakt bildete die Grundlage für die vierte Teilung des Landes zwischen den beiden europäischen Großmächten. Während die Russen stolz über den Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland 1945 empfinden, machen Polen und die baltischen Republiken Stalin direkt für den Ausbruch des Krieges mitverantwortlich.

Russischer Auslandsgeheimdienst gibt Polen Mitschuld an Kriegsausbruch

Der russische Auslandsgeheimdienst SWR ließ am Dienstag zudem eine Meldung verbreiten, wonach Geheimdokumente der Warschauer Vorkriegsregierung eine Mitschuld Polens am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs belegen. "Das Auslöschen von Polen als souveräner Staat durch die Nazis war der Preis für die Kurzsichtigkeit polnischer Politiker", sagte SWR-Generalmajor Lew Sozkow nach Angaben der Agentur Ria Nowosti. Bei Besuchen des Hitler-Gesandten Hermann Göring in Warschau habe Polen die Idee eines Anschlusses Österreichs ans Dritte Reich unterstützt, sagte Sozkow. Damit habe Polen aber eine internationale Einheitsfront gegen Hitler unmöglich gemacht.

Beobachter sehen darin eine politisch gesteuerte Aktion der im Mai von Kreml-Chef Dmitrij Medwedew gegründeten Kommission gegen "Geschichtsfälscher". Russland wirft seinen Nachbarn vor, Teile der Vergangenheit zu verdrehen und gegen Russland zu benutzen. "Die Dokumente werden hiermit erstmals freigegeben", sagte Sozkow. Warschau verfüge über diese Aufzeichnungen nicht, da die dortigen Archive von den Nazis geplündert worden seien, sagte der Generalmajor. "Ich denke daher, dass die Polen über die Veröffentlichung erfreut sein müssten."

ffr/dpa/AFP/AP/ddp/Reuters

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