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Brasilien: "Das Dingsda" treibt die Menschen auf die Straße

Foto: Jens Glüsing

Umstrittener Kandidat Bolsonaro Brasiliens Frauen gegen den Unaussprechlichen

Für Gegnerinnen ist Jair Bolsonaro ein Rassist und Frauenfeind. Seine Unterstützerinnen verehren ihn als Heilsbringer und baldigen Law-and-Order-Präsidenten. Vor der Stichwahl spaltet der Kandidat Brasilien.

Sie nennen ihn nur "O coiso", "das Dingsda". Den Namen Jair Bolsonaro sprechen sie nicht aus, sie verwenden ihn auch nicht auf Facebook und Twitter. Sie wollen nicht unfreiwillig Werbung machen für diesen Mann, der einmal gesagt hat, er habe "geschwächelt", als er nach vier Söhnen eine Tochter gezeugt hat. Und der dafür eintritt, dass Frauen weniger verdienen sollten als Männer, weil sie doch ihre Erfüllung im Aufziehen der Kinder finden würden.

"Das Dingsda darf nicht Präsident werden", sagt Roseane Santos, 39. Dann skandiert die Physiotherapeutin im Rhythmus von "Bella Cião", dem legendären Kampflied der italienischen Faschismusgegner, zusammen mit Zehntausenden Frauen im Zentrum von Rio de Janeiro: "Ele não, ele não, ele não, não, não!": "Der nicht, der nicht, der niemals!"

"Ele não!" ist der Schlachtruf und das Hashtag, mit dem Hunderttausende Frauen (und einige Zehntausende Männer) am Wochenende überall in Brasilien gegen den rechtspopulistischen Präsidentschaftskandidaten auf die Straße gingen. Manche ziehen Vergleiche zu den Massenkundgebungen, die das Ende der Militärdiktatur vor über 30 Jahren einleiteten.

Am kommenden Sonntag werden die Brasilianer entscheiden, wer drei Wochen später in die Stichwahl einzieht. Frauen stellen die Mehrheit der Bevölkerung und der Wählerschaft. Die meisten lehnen den ultrarechten Ex-Militär und Verteidiger der Militärdiktatur ab.

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"Ein Rassist und Frauenfeind darf nicht Präsident werden"

Bolsonaro, der Anfang September bei einer Messerattacke verletzt wurde, führt bislang in den Umfragen. Auf dem zweiten Platz liegt Fernando Haddad, der Kandidat des inhaftierten Ex-Präsidenten Lula. Dass einer der Kandidaten auf Anhieb die absolute Mehrheit erhält und so einen zweiten Wahlgang verhindert, gilt als unwahrscheinlich.

(Lesen Sie hier ein Porträt über den hochumstrittenen Kandidaten Bolsonaro. )

"In der zweiten Runde stimme ich für jeden, der gegen Bolsonaro ist", sagt die Afrobrasilianerin Santos. "Ein Rassist und Frauenfeind darf nicht Präsident dieses großen, bunten Landes werden. Er verkörpert archaische Werte, die aus der Zeit der Sklaverei stammen."

Santos ist mit ihrer Freundin Ana Claudia Gianona, 48, nach Cinelândia gekommen, dem traditionellen Demonstrationsplatz im Zentrum von Rio. Das Publikum umfasst alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Schülerinnen, Rentner und ganze Familien haben sich aufgemacht, Sambagruppen sind aufmarschiert, die Fanklubs mehrerer Fußballvereine sind vertreten.

Jair Bolsonaro

Jair Bolsonaro

Foto: ADRIANO MACHADO/ REUTERS

Was die Frauenproteste von anderen Massenbewegungen unterscheidet, ist ihre Pluralität: Reden von Parteipolitikern waren nicht erwünscht, das hatten die Organisatorinnen, eine Gruppe von 30 Frauen, vorher ausdrücklich klargemacht. So verhinderten sie, dass die Demonstration durch Anhänger von Lulas linker Arbeiterpartei PT dominiert wurde.

"Ich werde im ersten Wahlgang nicht für den Lula-Kandidaten stimmen", sagt die Studentin Carolina Dias, 21. "Lula hat vor der Korruption die Augen verschlossen."

Die junge Frau ist mit Bus und U-Bahn aus Rocha Miranda gekommen, einem ärmlichen Vorort. Täglich muss sie sich gegen plumpe Anmache und Gegrapsche zur Wehr setzen. "Männer reiben sich an mir, wenn Bus und U-Bahn überfüllt sind, sie fassen mir an den Hintern und machen sexistische Witze", sagt sie.

Von der Feministin zur Law-and-Order-Politikerin

Doch nicht alle Opfer sexueller Gewalt sind automatisch gegen Bolsonaro, er spaltet auch die weibliche Wählerschaft. Ausgerechnet eine ehemalige Feministin ist zur Ikone der Bolsonaro-Anhängerinnen geworden.

Während im Stadtzentrum von Rio die Anti-Bolsonaro-Demo läuft, steht Sara Winter, 26, auf einem Lautsprecherwagen am Strand von Copacabana und singt gemeinsam mit einigen Hundert Bolsonaro-Fans inbrünstig die Nationalhymne. Sie hat ihre Haare strohblond gefärbt und trägt ein schwarzes Bolsonaro-T-Shirt.

"Ele sim!" ruft sie in die Menge, "Er ja!" Die Zuschauer, unter ihnen viele Frauen, jubeln. Viele haben sich in die brasilianische Nationalflagge gehüllt.

Winter wurde landesweit bekannt, als sie gemeinsam mit anderen Frauen vor sieben Jahren mit entblößter Brust vor einer Kirche gegen sexuelle Gewalt und Patriarchenherrschaft protestierte. Sie war die Vertreterin der Femen-Bewegung in Brasilien, die von Frauen in der Ukraine gegründet wurde und überall auf der Welt Anhängerinnen hat.

Bolsonaro-Aktivistin Sara Winter

Bolsonaro-Aktivistin Sara Winter

Foto: Jens Glüsing

"Bolsonaro ist kein Frauenfeind", beteuert sie nun, als sie einige Wochen vor ihrem Auftritt in Copacabana zu einem Interview in einem Café in einem Einkaufszentrum erscheint. "Er setzt sich als einziger Kandidat für die chemische Kastration von Vergewaltigern ein." Eine Pistole in der Handtasche sei effizienter als schärfere Gesetze, zitiert sie einen von Bolsonaros Sprüchen.

Ein hartes Leben - und eine harte Ideologie

Ihre Wende von der Feministin zur Law-and-Order-Politikerin erklärt sie mit ihrer Lebensgeschichte. Winter hatte ihr Elternhaus in einer Provinzstadt im Alter von 16 Jahren verlassen. In São Paulo schlug sie sich einige Monate als Prostituierte durch. In dieser Zeit wurde sie von einem ehemaligen Freier brutal vergewaltigt.

Im Internet sah sie eine Aktion der Femen-Frauenrechtlerinnen, spontan schloss sie sich der Bewegung an. Rasch wurde sie zu einer Symbolfigur des Feminismus in Brasilien. Doch nach zwei Jahren hatte sie genug von der Organisation. "Sie helfen nur solchen, die politisch links orientiert sind. Sie sind extrem intolerant."

Heute ist Winter eine erbitterte Abtreibungsgegnerin. Sie sei in die Politik gegangen, um für die Einrichtung von Frauenhäusern und gegen linke Intoleranz zu kämpfen, sagt sie. Im Juli organisierte sie in Rio den "Ersten brasilianischen Antifeminismus-Kongress". Zu der Veranstaltung im Nebensaal einer Kirche erschienen mehrere Hundert Männer und Frauen.

Mit dem Kruzifix gegen das Recht auf Abtreibung

Vor zwei Jahren schloss sie sich Bolsonaro an, kurz darauf wurde sie zur Vizepräsidentin seiner Jugendorganisation gewählt. Bei den Wahlen am Sonntag bewirbt sie sich für eine Rechtspartei um ein Abgeordnetenmandat im Kongress.

Ihr wichtigstes Anliegen sei der Kampf gegen die Abtreibung, sagt sie. Als der Senat im benachbarten Argentinien vor einigen Wochen über deren Legalisierung abstimmte, reiste sie nach Buenos Aires, um den Abtreibungsgegnern dort beizustehen. Und als die Bolsonaro-Gegnerinnen im Stadtzentrum die Verlesung eines Manifests "für Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und ein Leben ohne Gewalt" bejubelten, rief sie gleichzeitig am Strand von Copacabana zum Kampf "für das Leben" auf.

Dann schwenkte sie ein Kruzifix und betete gemeinsam mit dem Publikum das Vaterunser.

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