Brasiliens Präsident Bolsonaro in Israel Treffen zweier Hardliner

Jair Bolsonaro setzt auf einen neuen Nahost-Kurs. Er schwärmt für Israel, seine Söhne sind Fans des Mossad. Nun reist der rechte und religiöse brasilianische Präsident ins Heilige Land. Was steckt dahinter?

Benjamin Netanyahu (links), Jair Bolsonaro
Leo Correa/AFP

Benjamin Netanyahu (links), Jair Bolsonaro

Von und


Ein offizielles Treffen mit Premier Benjamin Netanyahu, ein Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem - und Gespräche über die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen.

Auf den ersten Blick ist die am Sonntag beginnende dreitägige Visite von Jair Messias Bolsonaro in Israel eine Routinereise. Der brasilianische Präsident mit dem bemerkenswerten Zweitnamen hat aber möglicherweise ein Wahlkampfgeschenk für Netanyahu im Gepäck, der am 9. April als Ministerpräsident wiedergewählt werden will.

"Wie schon in unserem Wahlkampf angekündigt, beabsichtigen wir, Brasiliens Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen", schrieb der ultrarechte Politiker auf Twitter im November, noch vor seiner Vereidigung. Israel sei ein souveräner Staat und sein Land werde das respektieren, fügte er hinzu.

Die Arabische Liga verurteilte die Ankündigung damals prompt. Am Donnerstag sprach Bolsonaro nur noch vage von der Möglichkeit, eine "Handelsvertretung" in Jerusalem zu eröffnen. Rudert er nun zurück?

Die Botschafts-Entscheidung wäre jedenfalls ein Bruch mit Brasiliens Nahost-Politik der vergangenen Jahre. Die linksgerichteten Vorgängerregierungen unter Dilma Rousseff (2011-2016) und Luiz Inácio Lula da Silva (2003-2011) standen für einen klar propalästinensischen Kurs, dem zahlreiche lateinamerikanische Länder folgten:

  • 2010 erkannte Brasilien Palästina als eigenen Staat an. Argentinien, Chile und Peru sowie weitere Länder in der Region folgten dem Vorbild.
  • 2014 rief die Regierung in Brasilia ihren Botschafter infolge des Gazakrieges aus Tel Aviv für Konsultationen zurück. Ähnlich handelten kurz darauf die Außenministerien in Peru, El Salvador und Nicaragua.
  • Israels Außenministerium reagierte darauf ungehalten. "Dies ist eine bedauerliche Demonstration dafür, dass Brasilien, ein wirtschaftlicher und kultureller Gigant, ein diplomatischer Zwerg bleibt", sagte ein Sprecher.

Die diplomatischen Beziehungen erreichten 2015 ihren bisherigen Tiefpunkt. Netanyahu wollte den in Buenos Aires geborenen Dani Dayan als neuen Botschafter in Brasilia einsetzen - Rousseffs Regierung lehnte ab.

Der Hauptgrund für die Entscheidung: Dayan war zuvor jahrelang Vorsitzender des Jescha-Rates, der Dachorganisation der israelischen Siedler im Westjordanland. Der Disput dauerte Monate an, bis Israel schließlich nachgab und Dayan im Sommer 2016 Generalkonsul in New York wurde.

Taufe, T-Shirts und Trump

All das will Bolsonaro vergessen machen. Dabei spielen auch religiöse Gefühle eine Rolle. Vor einigen Jahren ließ sich Bolsonaro, der als Katholik aufwuchs, während eines Israel-Besuchs im Jordan evangelikal taufen. Brasiliens Staatschef verkörpert damit auch einen Trend in seinem Land:

  • Schätzungen zufolge machen Evangelikale heute bis zu 30 Prozent der Bevölkerung Brasiliens aus. Vor wenigen Jahrzehnten war ihre Zahl noch verschwindend gering.
  • Für viele von ihnen hat Israel eine besondere spirituelle Bedeutung. Eine Parallele zu den "Evangelicals" in den USA.

Die Bewunderung für Israel wird auch von Bolsonaros Kindern geteilt. Vor wenigen Monaten sorgte ein Bild für Aufsehen. Das auf Twitter verbreitete Foto zeigte zwei der drei Söhne des brasilianischen Präsidenten: Der eine in einem Mossad-T-Shirt, der andere in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Israel Defense Forces", beides Kleidungsstücke, die in Israel vielerorts von Touristen gekauft werden.

Bolsonaro richtet die brasilianische Außenpolitik grundlegend neu aus. Und auch hier sind die USA Vorbild:

Doch der Ankündigung, die Botschaft zu verlegen, folgten in den vergangen Monaten wenige konkrete Schritte. Die Entscheidung hat auch Gegner - in Brasiliens Exportwirtschaft ebenso wie in Bolsonaros Regierungsmannschaft.

Jair Bolsonaro (links), Donald Trump
DPA

Jair Bolsonaro (links), Donald Trump

Vize-Präsident Hamilton Mourão, ein Ex-General, sprach im Februar gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters von einer schlechten Idee. Der Schritt würde Brasiliens Exporten in arabische Länder schaden. Auch hier schwingt der Faktor Religion mit: Zu den Ausfuhrgütern zählt unter anderem Halal-Fleisch im Gesamtwert von geschätzten fünf Milliarden Dollar jährlich.

Mourão gilt als eine der unabhängigen Stimmen in der Regierung: Jemand, dessen Rolle der ähnelt, die die Militärs H.R. McMaster und James Mattis vor ihrem Ausscheiden aus der Trump-Regierung spielten.

Wird Bolsonaro die Einwände seines Vizes verwerfen? Sollte er die Verlegung der Botschaft während seines Besuchs offiziell verkünden, würde er damit jedenfalls dem Muster Trump folgen: Ein Tweet, gefolgt von Rätselraten über konkrete Schritte und schließlich die Verlautbarung auf der großen Bühne. Also ganz im Sinne von Netanyahu. Und auch die Eröffnung der Handelsvertretung wäre ein erster Schritt.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.