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Brände in Brasilien: Apokalypse am Amazonas

Foto: Andre Lucas/dpa

Bolsonaro und die Feuer in Brasilien Der Brandbeschleuniger

Die Rauchwolken der Brände im Amazonasgebiet verdunkeln den Himmel über São Paulo - und die Trockenzeit steht erst noch bevor. Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro flüchtet sich in Verschwörungstheorien.

Als am Montagnachmittag um 15 Uhr über der Millionenstadt São Paulo völlig unerwartet und drei Stunden zu früh die Nacht hereinbrach, verstanden die Brasilianer die Welt nicht mehr.

Dunkle Wolken verfinsterten plötzlich den Himmel, dann fiel ein sonderbarer, schwarzer Regen, der kleine Rußpartikel enthielt und nach kalter Asche roch. Während die Wetterreporter im Fernsehen nach Worten suchten, kam es vielen vor, als erlebten sie gerade die Apokalypse.

Auf dem Foto vom Montag ist der abgedunkelte Himmel in São Paulo zu sehen

Auf dem Foto vom Montag ist der abgedunkelte Himmel in São Paulo zu sehen

Foto: Andre Lucas/dpa

Die Ersten, die etwas Licht ins Dunkel brachten, waren Meteorologen, die am folgenden Tag erklärten, dass die Rußpartikel möglicherweise von Waldbränden stammten, die zurzeit im Amazonasgebiet loderten. Starke Winde hätten sie hergeweht. Zu dieser Theorie passten einige Zahlen, die das angesehene Staatliche Institut für Weltraumforschung am selben Tag veröffentlichte. Demzufolge hat die Auswertung von Satellitenbildern ergeben, dass zwischen Januar und August mehr als 72.000 Feuer im Amazonas ausgebrochen seien. Im selben Vorjahreszeitraum waren es etwas mehr als 40.000.

Die abstrakten Zahlen sind dabei das eine. Das andere ist die emotionale Wucht der Bilder brennender Bäume, die seitdem um die Welt gehen und für einen immer lauter anschwellenden Aufschrei der Empörung sorgen.

In Anlehnung an einen Slogan der Klimaaktivistin Greta Thunberg erklärte der französische Präsident Emanuel Macron am Donnerstag über die sozialen Medien, dass "unser Haus in Flammen" stehe. Mit Blick auf Brasilien sprach Macron von einer "internationalen Krise", die er als Gastgeber des G7-Gipfels in Biarritz an diesem Wochenende zum Thema machen will. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, ergänzte, dass die Menschheit angesichts der globalen Klimakrise nicht noch mehr Schäden hinnehmen könne. "Der Amazonas muss geschützt werden", twitterte Guterres.

Video: Streit zwischen Macron und Bolsonaro

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Großgrundbesitzer riefen den "Tag des Feuers" aus

Seit Brasilien von dem rechtsextremen Hassprediger Jair Bolsonaro regiert wird, blickt die Welt besorgt auf das wichtigste Ökosystem der Erde. Bolsonaro, der wie Donald Trump den Klimawandel leugnet, will den Regenwald für große Unternehmen der Landwirtschafts- und Bergbauindustrie erschließen. Seit seinem Amtsantritt im Januar haben die staatlichen Behörden die Kontrolle der Abholzungen weitgehend eingestellt. Bußgelder für das unerlaubte Eindringen in Indianerreservate werden nicht mehr verhängt.

Auf die Folgen dieser Politik hatte das Weltrauminstitut bereits im Juli hingewiesen, als es aktuelle Zahlen präsentierte, die belegten, dass die Zahl der abgeholzten Flächen im Vergleich zum Vorjahr um ein Vierfaches gestiegen ist. Der Direktor des Instituts musste gehen, Bolsonaro bezeichnete den Befund der Wissenschaftler als manipuliert.

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Brände in Brasilien: Apokalypse am Amazonas

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In der Region entlang der Bundesstraße 163, die eine der konfliktreichsten am südlichen Rand des Amazonas ist, hatte sich die Katastrophe sogar angekündigt. Verschiedene Großgrundbesitzer hatten in einer lokalen Zeitschrift den 10. August öffentlich zu einem "Tag des Feuers" ausgerufen, um neue Weideflächen zu erschließen. Eine der Anführerinnen erklärte dieser Tage der Zeitung "Folha de São Paulo", dass sie sich durch die Reden des Präsidenten ermuntert fühlen würden. Satellitenbilder des Weltraumforschungsinstituts belegen, dass an jenem 10. August die Zahl der Feuer tatsächlich um 300 Prozent in die Höhe schoss.

Bolsonaro flüchtet sich in Verschwörungstheorien

Als Bolsonaro an diesem Donnerstag vor die Kameras trat, um seine Sicht auf die Dinge kundzutun, trug er eine Verschwörungstheorie vor. Schuld an den Bränden, erklärte er, seien die internationalen NGOs. Sie würden die Feuer legen, um ihn aus dem Amt zu drängen.

Bolsonaro sagte, dass er zwar keine Beweise habe für seine Theorie, aber in seinen Augen gibt es einen plausiblen Verdacht. Seit Deutschland und Norwegen vor einigen Tagen staatliche Hilfsgelder für eine nachhaltige Entwicklung des Amazonas eingefroren haben, meint er, kämpften viele dieser Organisationen ums finanzielle Überleben. Es ist Unsinn, aber es passt in das Weltbild eines Mannes, der auch daran glaubt, dass ein sinnvoller Beitrag zum Umweltschutz darin bestehe, nur noch jeden zweiten Tag aufs Klo zu gehen.

Dennoch mehren sich auch unter seinen Unterstützern langsam die kritischen Stimmen. Blairo Maggi, der Landwirtschaftsminister unter Dilma Rousseff war und als größter Soja-Exporteur Brasiliens von Greenpeace einmal eine "Goldene Kettensäge" verliehen bekam, äußerte die Befürchtung, dass Europa brasilianische Produkte künftig boykottieren könnte. Abgesehen davon, glaubt Maggi, könnte Bolsonaros "aggressiver Diskurs" auch das erst im Juni beschlossene Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den südamerikanischen Staaten des Mercosur gefährden. Die Europäer hatten angekündigt, weder Fleisch noch Soja zu importieren, das auf abgeholzten Regenwaldflächen produziert wurde.

Der Bundesstaat Amazonas hat inzwischen einen Krisenstab eingerichtet. In Acre überlegt der Gouverneur, den Umweltnotstand auszurufen, weil die Feuerwehr mit den Löscharbeiten nicht mehr nachkommt. Tausende Menschen wurden seit Jahresbeginn wegen Atemwegsbeschwerden behandelt. Richtig schlimm, befürchten viele, werde es aber wohl erst, wenn im September offiziell die Trockenzeit beginnt.

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