Türkischer Geheimdienstchef Fidan Der Mann, der alles über Khashoggis Sterben weiß

Die Türkei nutzt die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi, um Saudi-Arabien in Bedrängnis zu bringen. Treibende Kraft ist der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan - ein Mann mit guten Kontakten zu Iran.

Hakan Fidan
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Hakan Fidan

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Unter Recep Tayyip Erdogan haben sich die Gewichte in der türkischen Außenpolitik verschoben. Der Präsident legt wenig Wert auf Bündnisse wie die Nato. Er möchte die Türkei als eigenständige Macht etablieren.

In den vergangenen Jahren musste Erdogan mitansehen, wie seine Regierung an Einfluss im Nahen Osten verlor, wie ihr andere Mächte wie Saudi-Arabien, unterstützt von den USA, den Rang abliefen. Umso entschlossener ist er nun, den Fall Jamal Khashoggi für sich zu nutzen.

Seit Wochen treibt Erdogan Saudi-Arabiens Kronprinzen Mohammed bin Salman durch die gezielte Weitergabe von Informationen zum Tode des saudi-arabischen Journalisten im Konsulat seines Landes in Istanbul an die Medien vor sich her. Die Kampagne, so heißt es aus dem Palast in Ankara, werde von Geheimdienstchef Hakan Fidan gesteuert, der Riads Dominanz in der Region brechen wolle. "Fidan ist der Mann hinter den Leaks", sagte ein türkischer Offizieller dem SPIEGEL.

Mohammed bin Salman
REUTERS

Mohammed bin Salman

Erdogan nannte Fidan den "Hüter aller Geheimnisse"

Fidan begann seine Karriere als Offizier im türkischen Militär, diente Erdogan als Sicherheitsberater, bevor dieser ihn 2010 zum Direktor des türkischen Geheimdienstes Milli Istihbarat Teskilati (MIT) beförderte. In der Vergangenheit hatte der türkische Geheimdienst oft gegen Regierungschefs opponiert.

Fidan hat dafür gesorgt, dass die Agenda des MIT identisch ist mit den Wünschen des Präsidenten. Zwar hat sein Ansehen durch das Versagen des Geheimdienstes rund um den Putschversuch 2016 gelitten, doch gerade auf die Außenpolitik übt er nach wie vor großen Einfluss aus. Der Syrienbeauftragte der US-Regierung, James Jeffrey, beschrieb ihn einst als "Gesicht des neuen Nahen Ostens". Und Präsident Erdogan bezeichnete ihn einmal als "Hüter aller Geheimnisse".

Fidan hat dazu beigetragen, dass die Türkei auf Abstand zu Saudi-Arabien und Israel geht und stattdessen, je nach Bedarf, mit Ländern wie Russland oder Iran kooperiert. Er unterhält enge Beziehungen zu Qasem Soleimani, dem Kommandeur der Quds-Division, der Eliteeinheit der Iranischen Revolutionswächter. Die USA warfen Fidan sogar vor, 2010 geheime Informationen der amerikanischen und israelischen Dienste an Teheran weitergegeben zu haben.

Damals, im Mai 2010, stach die sogenannte "Hilfsflotte Mavi Marmara" in See. An Bord: viele türkische Palästina-Aktivisten. Ihr Ziel: der Gazastreifen. Doch dort kamen sie nie an. Die israelische Armee brachte die "Mavi Marmara" in internationalen Gewässern auf. Bei der Militäraktion wurden neun Aktivisten getötet, ein weiterer erlag später seinen Verletzungen.

Ehud Barak warnte vor Fidan

Israels Nachrichtendienste machten kein Geheimnis daraus, wer in ihren Augen die Drahtzieher hinter der Hilfsflotte waren: Der damalige Premierminister Erdogan, sein Außenminister Ahmed Davutoglu - und Fidan, der da gerade erst seinen Posten als MIT-Chef angetreten hatte. Seither haben sich die Beziehungen zwischen seiner Behörde und dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad merklich abgekühlt.

Recep Tayyip Erdogan
AP

Recep Tayyip Erdogan

Nicht nur die USA, auch Israel hegt seit Langem den Verdacht, dass Fidan Geheiminformationen an Iran weitergibt. Wenige Monate nach dem "Mavi Marmara"-Zwischenfall warnte etwa der damalige Verteidigungsminister Ehud Barak in einem Hintergrundgespräch vor Fidan. Die Aussagen wurden öffentlich. Die Folge: Die türkische Regierung berief den damaligen israelischen Botschafter ein, um sich darüber zu beschweren. Mit dem Fall Khashoggi dürften die Beziehungen endgültig am Tiefpunkt angekommen sein.

"Man wünscht sich, die Türken würden beim Sammeln von Informationen über die Hamas und hochrangige Vertreter in ihrem Land die gleiche Entschlossenheit an den Tag legen, wie im Falle des ermordeten saudi-arabischen Journalisten", zitierte der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman von der Tageszeitung "Jediot Achronot" unlängst einen nicht näher genannten hochrangigen israelischen Geheimdienstmitarbeiter. Er spielte damit unter anderem auf Saleh al-Arouri an, der seit 2017 Hamas-Vizechef ist - und in der Türkei lebt.

Israel will verhindern, dass Saudi-Arabien geschwächt wird

Ankaras enge Kontakte zu der palästinensischen Terrororganisation, zu Iran sowie die guten Beziehungen zum Emirat Katar, das die Muslimbrüder unterstützt, machen Israel Sorgen. Das Gleiche gilt für Saudi-Arabien, das Iran und Katar als ärgste Rivalen in der Region betrachtet und zudem von Erdogans Anspruch, die Führungsfigur der sunnitischen Staaten zu werden, herausgefordert wird.

Die politischen Interessen von Israelis und Saudis sind hingegen nahezu deckungsgleich. Beide Länder sehen Irans Machtzuwachs im Nahen Osten mit großen Bedenken, das gilt besonders für Syrien. Hingegen kann sich Erdogan inzwischen offenbar mit der dauerhaften Präsenz iranischer Milizen in dem Bürgerkriegsland arrangieren, schließlich bedrohen sie zwar Israel, aber keine türkischen Interessen.

Noch vor etwa zehn Jahren war die Türkei Israels wichtigster Verbündeter in der Region, nun ist Saudi-Arabien an Ankaras Stelle getreten. Die Regierung in Jerusalem hat deshalb kein Interesse daran, dass Saudi-Arabiens Kronprinz durch die Khashoggi-Affäre geschwächt wird.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu brauchte fast einen Monat, um sich zum gewaltsamen Tod des Journalisten zu äußern. "Was im Istanbuler Konsulat geschehen ist, ist fürchterlich, und damit sollte gebührend umgegangen werden", sagte er. Klar sei aber auch, dass es "sehr wichtig für die Stabilität in der Region ist, dass Saudi-Arabien stabil bleibt".

Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Türkei einseitig auf die Seite Irans schlägt. Erdogan möchte aber seinen Einfluss in der Region weiter ausbauen. Und sein Chefspion soll ihm dabei helfen.

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Tmebonn 11.11.2018
1. Wieso die Türkei?
Nicht die Türkei bringt Saudi-Arabien in Bedrängnis. Das machen diese mit dem Mord an dem Journalisten schon selbst. Der Täter ist der Böse, nicht der Bote.
alois.busch 11.11.2018
2. Macht und Macht
In der heutigen Zeit ist es egal, wie viele Menschen jeman tötet. Zur Rechenschaft gezogen werden nur die Menschen ohne Macht. Die Zeiten haben sich geändert, heute gibt es unantastbare Götter und dies sehen sich auch so. Es gibt keine Instanz auf dieser Welt die sich dagegen auflehnt.
martin_feyerabend 11.11.2018
3. Türkei und Saudi Arabien
Der Artikel ist verräterisch: Es wird ein abscheulicher Mord im saudischen Konsulat als Aufhänger genommen, um gegen die Nahostpolitik der Türkei Stimmung zu machen. Grundtenor: Die Türkei instrumentalisiere diesen Mord, um Saudi Arabien unter Druck zu bringen. Der Verfasser des Artikels macht das Gleiche -allerdings mit schlechteren Argumenten - im Gegensinne. Die Türkei hat die Wahrheit ans Licht gebracht. Die Saudis sind im Gegensatz zur Türkei eine Kopf-ab-Diktatur im Sinne der Schariah und sind daher die natürlichen Gegner einer zvivilisierten Weltordnung. Nur weil sie reich sind, schleimt man sich ein, biedert sich an, liefert ihnen Waffen, und will nun diesen MORD nicht so hochgehängt sehen? Der Iran ist bei allen Bedenken die man aus unserer Sicht gegen eine religiöse Diktatur haben muss, dem gegenüber ein Waisenknabe: In den letzten 300 Jahren ging kein einziger Krieg von ihm aus, jedoch ständig versuchen die USA an seine Rohstoffe heranzukommen, mehrfach bedrohten sie ihn mit Krieg und haben den Angriff des Irak darin massiv unterstützt mit hundertausenden Toten. Die laizistische Republik Iran wurde nach dem 2. Weltkrieg nach "demokratischen" Wahlen mit Unterstützung der CIA aus dem Amt geputscht, regime change war angesagt, weil sie die Rohstoffbasen verstaatlichen wollten. Dann wurde der unsägliche Schah installiert, der zu Recht vom Volk verjagt wurde, leider zu Gunsten eines Gottesstaates, mit dem wir nichts anfangen können. Wir haben dennoch kein Recht, unsere Maßstäbe für völkerrechtswidrige Kriege auch Sanktionen heranzuziehen, solange der Westen im Nahen und mittleren 'Osten eigentlich nur Millionen Tote und Chaos angerichtet hat. Nun wird wieder ein regime change im Iran vorbereitet, obwohl dieser nachweislich auf die Entwicklung von Atomwaffen verzichtet hat. Besser hätte er das nicht getan. Nun wird er trotzdem zum Schurkenstaat erklärt, wider alle rationalen Argumente, durch Sanktionen soll er politisch destabilisiert werden und dann folgt die Stunde von CIA und Militärs. Wenn der geplante Putsch nicht gelingt, wird man wieder irgendwelche Bösartigkeiten der Mullahs provozieren oder inszenieren, Giftgaseinsätze gegen die eigene 'Bevölkerung, geheime Atompläne, ... da wird sich schon was finden, um das westliche Publikum in Kriegsstimmung zu versetzen. Das hat ja in der Vergangenheit immer geklappt. Die Außenpolitik der Türkei, wie sie im Artikel beschrieben wird, ist m.E. verständlich. Die expliziten oder auch unterschwelligen Argumente des Artikels sind gefährlich: Unterstützung der Saudis um jeden Preis, Fortsetzung der Destabilisierung des Nahen Ostens, antirussische Vorurteile, weshalb Beziehungen zu Rußland bedenklich, zu Saudiarabien aber unbedenklich sind, usw. Eine Destabilisierung des Iran muß unbedingt verhindert werden. Der Artikel ist an Einseitigkeit nicht zu übertreffen und wird weiter den Eindruck verstärken , dass wir hier eine transatlantisch gesteuerte Lückenpresse haben, die den Verstand des Bürgers beleidigt.
Hoberg 11.11.2018
4. Fidan hat vom Putsch nichts gewusst
und ist deshalb in Ungnade gefallen? Was sind denn das für Fake-News. Wenn das so wäre, wäre er auch um Gefängnis gelandet, wie tausende andere. Er war der Drahtzieher dieses Propagandaveranstaltung und zumindest der, der alle Gegner Erdogans entfernte.
rosskal 11.11.2018
5. Was wissen unsere Politiker?
Warum schweigen sie über ihr Wissen um den Mord. Wir alle haben ein Recht zu erfahren, was geschah! Sind die Saudis nun immer noch unsere "Partner" und "interessen-Brüder"? Es wird höchste Zeit, uns nach saubereren und ehrlicheren Bündnispartnern umzusehen! Das gilt auch für die USA! (Appell auch an Hern Merz mit "e"!)
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