Getöteter Journalist Saudische Herrscher kondolieren Khashoggis Sohn

Saudi-Arabien hat die Tötung des Regimekritikers Khashoggi in Istanbul eingeräumt. Nun sollen sich König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman telefonisch bei der Familie gemeldet haben.

REUTERS

Während in Deutschland über einen Stopp von Waffenexporten an das Königreich Saudi-Arabien als Folge der mutmaßlichen Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi diskutiert wird, hat sich die saudische Herrscherfamilie nun offenbar persönlich an den Sohn des in Istanbul getöteten Regimegegners gewandt.

Nach dem Tod Khashoggis habe sowohl der König Saudi-Arabiens als auch sein Thronfolger der Familie des Getöteten kondoliert, teilte die amtliche Nachrichtenagentur Spa mit.

König Salman habe mit Mitgliedern der Familie Khashoggi telefoniert. Auch Kronprinz Mohammed bin Salman habe den Hinterbliebenen telefonisch sein Beileid ausgedrückt. Saleh Khashoggi, Sohn des getöteten Journalisten, soll sich laut dem Bericht der staatlichen Agentur für die Anteilnahme bedankt haben. Über den weiteren Inhalt der Gespräche lagen keine Angaben vor.

Neue Version des Königshauses: Khashoggi aus Versehen gestorben

Die saudische Führung hatte nach massivem internationalen Druck erst in der Nacht zum Samstag die Tötung Khashoggis vor zwei Wochen im Konsulat in Istanbul eingeräumt. Nach der offiziellen Darstellung, die von westlichen Politikern als wenig glaubwürdig eingestuft wird, war es zwischen Khashoggi und mehreren Personen zu einer Schlägerei gekommen.

In deren Folge sei Khashoggi in einem Würgegriff gehalten worden und so gestorben. Der Leichnam sei dann in einen Teppich eingerollt in einem Auto der diplomatischen Vertretung abtransportiert worden. Die Führung Saudi-Arabiens weiß nach den Worten ihres Außenministers Adel al-Dschubair derzeit nichts über den Verbleib der Leiche. Es werde versucht herauszufinden, wo sie von lokalen Helfern in der Türkei entsorgt worden sei.

Türkische Ermittler gehen nach Medienberichten hingegen davon aus, dass Khashoggi von einem aus Saudi-Arabien angereisten 15-köpfigen Einsatzkommando im Konsulat gefoltert, ermordet und zerstückelt wurde. Die türkischen Behörden suchen unter anderem in einem Waldstück bei Istanbul nach den sterblichen Überresten.

Saudi-Arabien hatte am Samstag mitgeteilt, wegen der Tötung Khashoggis in dem Konsulat seien 18 mutmaßliche Beteiligte festgenommen worden, zudem seien zwei Berater des Kronprinzen Salman entlassen worden.

Saudi-Arabien ist zweitgrößter Kunde deutscher Waffenfirmen

In Deutschland wird seit Sonntag darum intensiv über Konsequenzen diskutiert, vor allem über die Rüstungsgeschäfte mit dem in den Jemen-Krieg verstrickten Königreich. Saudi-Arabien ist in diesem Jahr bisher nach Algerien der zweitgrößte Kunde der deutschen Rüstungsindustrie: Bis zum 30. September erteilte die Regierung Exportgenehmigungen im Wert von 416,4 Millionen Euro.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Sonntagabend, Rüstungsexporte seien wegen Khashoggis Tod derzeit nicht mehr vorstellbar. Ähnlich hatte sich bereits am Samstag Außenminister Heiko Maas (SPD) geäußert.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter wurde deutlicher und hat nach dem Tod des Dissidenten einen "Politikwechsel in der Rüstungsexportpolitik" gefordert. Hofreiter sagte, es brauche "einen dauerhaften Stopp deutscher Rüstungsexporte in Konfliktgebiete und an autoritäre Staaten".

Hiervor warnt jedoch EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU), der den Fall Khashoggi erst aufgeklärt sehen will. Zwar könnten Entscheidungen über "einzelne Rüstungsexporte" zurückgestellt werden, sagte Oettinger den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Eine grundsätzliche Entscheidung sollte man aber erst treffen, wenn eine umfassende Aufklärung geschehen ist - oder wenn man Vertuschung bei den Saudis vermuten muss."

cht/dpa/AFP

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ullr 22.10.2018
1. Barbaren Clan
Schämen sich die Saudis nicht? Nicht den Hauch von Schamgefühl für diesen brutalen, alle Völkerreregeln brechenden Mord? Schämen sich diese Leute nicht, telefonisch den trauernden Hinterbliebenen zu "kondolieren"? Diese können das nur als eine extrem zynische Handlung begreifen. Als eine zusätzliche schmutzige Verhöhnung. Und wir, unser Staat unterstützt diesen Verbrecher-Clan weiter? Weshalb werden nicht all saudi-arabischen Diplomaten aus Deutschland (besser wäre noch aus der EU) ausgewiesen, bis dieser Mord aufgeklärt ist und die Drahtzieher verhaftet sind? Christian Nentwig
isa56 22.10.2018
2. Keine Waffen an Menschenschinder
Wie lange wollen wir noch despotische, autoritäre und menschenverachtende Regime mit deutschen Waffen "beglücken", ohne unsere Selbstachtung zu verlieren? Was man mir als Kind beigebracht hat: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu". Bin privat und beruflich immer sehr gut gefahren mit diesem Lebensmotto!
meresi 22.10.2018
3. Was
sagen die div. Staatenlenker dazu ? ist das jetzt ein Freibrief für Jedermann oder nur für die Eliten ? würd mich interessieren. Aber auf Grund von Erfahrungen gehe ich davon aus, das ist nur machbar für die ganz Oben, nicht wahr ? heißt ja nicht umsonst: die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen...
Stäffelesrutscher 22.10.2018
4.
Nehmen wir für einen Moment mal an, diese irrwitzige Erzählung über den Ablauf würde stimmen. Dann hieße das, dass S-A einen Bürger, der nur ein paar Papiere braucht, aus Nordamerika nach Istanbul bestellt, den türkischen Konsulatskräften freigibt, die Kameras ausschaltet, ein 18-köpfiges Kommando einfliegt, das Schrankkoffer besorgt - um bitte was zu machen? Und was bedeutet das für Behörden westlicher Staaten, die Flüchtlinge und Migranten bisher immer noch auffordern, diplomatische Vertretungen ihrer Herkunftsländer aufzusuchen, um irgendwelche Papiere beizubringen? Denen müsste man ja nun eigentlich Bodyguards stellen.
Coppet 22.10.2018
5. Oettinger...
...zeigt mit seiner Aussage Aussage, dass man nur sehr sehr ungern auf Geschäfte mit diesem reichen Schurkenstaat verzichtet. Und dann nur, wenn es sich absolut nicht mehr rechtfertigen lässt, ohne selbst als skrupellose Geschäftemacher dazustehen. So moralisch sind sie, die Politiker. Diese Affäre kommt allen Handelspartnern, die viel viel Geld mit den Saudis verdienen offensichtlich äusserst ungelegen.
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