Uno-Bericht zum Khashoggi-Mord "Ist das Opfertier eingetroffen?"

Die Uno-Expertin Agnès Callamard fordert Ermittlungen gegen den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. In ihrem Untersuchungsbericht präsentiert sie grausame Details zum Mord an Jamal Khashoggi.

Gebet für Jamal Khashoggi (im November 2018 in Istanbul): "Wir werden dich betäuben"
REUTERS/Huseyin Aldemir

Gebet für Jamal Khashoggi (im November 2018 in Istanbul): "Wir werden dich betäuben"

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13 Minuten bevor Jamal Khashoggi am 2. Oktober 2018 das saudi-arabische Konsulat in Istanbul betritt, unterhalten sich drinnen zwei Agenten.

"Ist es möglich, den Rumpf in eine Tasche zu packen?"

"Wir durchtrennen die Gelenke. Das ist kein Problem. Am Anfang schneide ich auf dem Boden. Wenn wir Plastikbeutel nehmen und ihn in Stücke schneiden, ist es geschafft. Wir werden jedes Teil einwickeln."

Kurz darauf erkundigt sich der andere Agent. "Ist das Opfertier eingetroffen?"

Um 13.15 Uhr betritt Khashoggi die diplomatische Vertretung seines Landes. Etwa 20 Minuten später ist er tot.

Diese Darstellung ist dem ausführlichen Bericht von Agnès Callamard zu entnehmen, Uno-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche, standrechtliche oder willkürliche Hinrichtungen. Sie hat auf rund hundert Seiten detailliert analysiert und dargelegt, wie der saudi-arabische Journalist zu Tode kam. Sie stützt sich vor allem auf die Tonbänder, die der türkische Geheimdienst in dem Konsulat mitschnitt, der die Vertretung offenbar verwanzt hatte.

Agnès Callamard: "Khashoggis Tötung war eine außergerichtliche Tötung"
FABRICE COFFRINI / AFP

Agnès Callamard: "Khashoggis Tötung war eine außergerichtliche Tötung"

Die Vorbereitung

Die Vorbereitungen für den Mord an Khashoggi begannen demnach vier Tage vorher, am 28. September 2018. An jenem Tag tauchte der 59-Jährige unangemeldet im saudi-arabischen Konsulat auf. Er benötigte ein Dokument, eine Bescheinigung des Königreichs, dass er unverheiratet sei. Khashoggi hatte sich wenige Tage zuvor mit der Türkin Hatice Cengiz verlobt.

An jenem Freitag hielt sich der Journalist rund 45 Minuten im Konsulat auf. Nach Angaben seiner Verlobten sei der Temin ohne Probleme verlaufen, Khashoggi habe nach dem Treffen erleichtert und glücklich gewirkt. Die Mitarbeiter des Konsulats forderten ihn aber auf, am folgenden Dienstag wiederzukommen, um das nötige Dokument abzuholen.

Kurz darauf setzte das saudi-arabische Regime seine Operation gegen Khashoggi in Gang. Das Konsulat informierte noch am selben Tag den Geheimdienstagenten Maher Abdulaziz Mutreb in Riad telefonisch darüber, dass Khashoggi am 2. Oktober in der Vertretung erwartet werde - jenen Agenten, der sich später erkundigen sollte, ob "das Opfertier" eingetroffen sei und sein Rumpf in eine Tasche passe.

Am 29. September, einen Tag nach Khashoggis erstem Besuch im Konsulat, flogen zwei Sicherheitsattachés des Konsulats nach Riad. Am 1. Oktober kehrten sie in die Türkei zurück. Zusammen mit drei Agenten, die später als Mitglieder des 15-köpfigen Teams identifiziert wurden, die am Khashoggi-Mord beteiligt waren. Zwölf weitere Agenten landeten in den frühen Morgenstunden des 2. Oktober in Istanbul.

Die einheimischen Angestellten des Konsulats wurden aufgefordert, an jenem Dienstag nicht zur Arbeit zu erscheinen oder die Vertretung am Mittag zu verlassen.

Der Mord

Khashoggi vor Betreten des Konsulats: Wenige Minuten später ist er tot
REUTERS

Khashoggi vor Betreten des Konsulats: Wenige Minuten später ist er tot

Kurz nachdem Khashoggi das Konsulat betritt, wird er in das Büro des Generalkonsuls im zweiten Stock gebeten.

Schnell kommen die Agenten zur Sache. "Wir werden dich zurückbringen müssen. Es gibt eine Anweisung von Interpol."

Khashoggi antwortet: "Es gibt keinen Fall gegen mich. Ich habe einige Leute draußen informiert, die warten auf mich." Die Agenten fordern Khashoggi auf, eine SMS an seinen Sohn zu schreiben. "Was soll ich meinem Sohn denn sagen? Bis bald? Ich kann ja nicht von Kidnapping schreiben." "Mach es kurz", wird Khashoggi mehrfach angeherrscht. Er weigert sich.

Um 13.33 Uhr ist zu hören, wie Khashoggi sagt: "Hier ist ein Handtuch. Gebt ihr mir Drogen?"

Die Antwort: "Wir werden dich betäuben."

Anschließend sind auf den Tonbändern Kampfgeräusche zu hören und Sätze wie: "Er hebt seinen Kopf" und "Drück weiter."

Um 13.39 ist ein Geräusch zu hören, das der türkische Geheimdienst als Sägegeräusch identifiziert hat. Die Uno-Sonderberichterstatterin Callamard wollte sich diese Einschätzung nicht zu eigen machen.

Die Flucht

Um 15 Uhr verlassen ein Van und ein weiteres Fahrzeug die Garage des Konsulats. Zwei Minuten später treffen sie an der Residenz des Generalkonsuls ein. Überwachungskameras zeigen, wie drei Männer die Residenz mit Plastikmüllsäcken und mindestens einem Rollkoffer betreten.

Um 15.53 Uhr verlassen die Agenten Saif Saad Alqahtani und Mustafa Mohammed Almadani das Konsulat durch die Hintertür. Almadani trägt Khashoggis Kleidung. Per Taxi fahren die beiden zur Blauen Moschee. Dort zieht sich Almadani wieder um.

Khashoggi (l.), Almadani und Alaqahtani (r.): Umziehen in der Blauen Moschee
Reuters TV/via REUTERS

Khashoggi (l.), Almadani und Alaqahtani (r.): Umziehen in der Blauen Moschee

Um 16.41 informiert Khashoggis Verlobte, die die ganze Zeit vor dem Konsulat ausgeharrt hatte, Yasin Aktai. Aktai ist Berater der türkischen Regierungspartei AKP. Auf diesem Wege wird Staatschef Recep Tayyip Erdogan rasch nach Khashoggis Verschwinden informiert. Aktai ruft außerdem den saudi-arabischen Botschafter in Ankara an. Der Diplomat verspricht, dem Fall nachzugehen und binnen zehn Minuten zurückzurufen. Das hat er nie getan.

Um 17.15 Uhr landet eine leere Privatmaschine aus Riad in Istanbul. Um 18.30 fliegen in diesem Jet sechs Mitglieder des Agententeams nach Kairo. Am Tag darauf fliegt der Jet weiter nach Riad. Ob die Agenten beim Weiterflug aus Kairo noch an Bord sind, ist unklar.

Um 22.54 Uhr fliegen sieben weitere Agenten in einem Privatflugzeug von Istanbul nach Dubai. Am Abend des 3. Oktober fliegt die Maschine weiter nach Riad. Ob die Agenten beim Weiterflug aus Kairo noch an Bord sind, ist unklar.

Die beiden Agenten Alqahtani und Almadani verlassen die Türkei in der Nacht in einer Linienmaschine in Richtung Riad.

Die Vertuschung

Am 3. Oktober wird das Konsulat gründlich gereinigt. Zwischen 16 und 21 Uhr brennt in einem Fass im Innenhof ein Feuer. Am selben Tag behauptet das saudi-arabische Regime in einer Mitteilung, dass Khashoggi das Konsulat lebend verlassen habe.

Am 4. Oktober werden im Innenhof des Konsulats erneut Papiere verbrannt.

Am 5. Oktober um 9.41 Uhr fährt ein Konsulatsmitarbeiter das Fahrzeug, in dem mutmaßlich Khashoggis leibliche Überreste transportiert wurden, in eine Waschanlage. In einem Interview beteuert der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman erneut, dass Khashoggi das Konsulat verlassen habe.

Am 6. Oktober führt Saudi-Arabiens Generalkonsul Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters durch das Konsulat, um zu beweisen, dass Khashoggi dort nicht festgehalten werde. Der Diplomat behauptet, dass die Überwachungskameras im Gebäude am Tag von Khashoggis Verschwinden ausgefallen seien.

In den folgenden Tagen treffen mehrfach Delegationen der saudi-arabischen Geheimpolizei im Konsulat ein. Was sie dort zwischen dem 6. und 15. Oktober taten, ist bis heute ein Rätsel

Es dauert bis zum 19. Oktober, bis Saudi-Arabien einräumt, dass Khashoggi in dem Konsulat getötet wurde. Das Regime spricht von einem Streit und einem Faustkampf, der zum Tode des Journalisten geführt habe.

Am 15. November verkündet die Justiz in Riad, dass 21 Personen im Zusammenhang mit Khashoggis Tod festgenommen worden seien. Elf Verdächtige habe man bereits angeklagt, gegen fünf von ihnen habe die Staatsanwaltschaft die Todesstrafe beantragt.

Saudi-Arabiens stellvertretender Generalstaatsanwalt Shaalan al-Shaalan: Prozess in Riad
AFP PHOTO / SBA

Saudi-Arabiens stellvertretender Generalstaatsanwalt Shaalan al-Shaalan: Prozess in Riad

Der Prozess

Am 3. Januar 2019 meldete die staatliche saudi-arabische Nachrichtenagentur, dass die erste Anhörung der Beschuldigten vor dem Kriminalgericht in Riad stattgefunden habe. Nach Angaben von Uno-Sonderberichterstatterin Callamard waren Vertreter der USA, Großbritanniens, Frankreich, Russlands, Chinas und der Türkei bei den Anhörungen anwesend - unter der Bedingung, dass sie Stillschweigen bewahrten.

Trotzdem gibt der Uno-Bericht erstmals Auskunft über den Prozess. Bei einer zweiten Anhörung am 31. Januar machten die Angeklagten geltend, dass sie auf Befehl von Vorgesetzten handelten. Sie stellten den Tod als Unfall dar: Khashoggi habe geschrien, sie hätten ihm den Mund zugedrückt, dabei sei er gestorben. Ahmad al-Asiri, früherer Vizechef des Geheimdienstes, räumte ein, dass er dem Agententeam befohlen habe, Khashoggi nach Saudi-Arabien zurückzubringen. Von Gewaltanwendung sei jedoch nie die Rede gewesen.

Callamards Bericht legt erstmals die Identität der Personen offen, die Saudi-Arabien wegen des Mordes exekutieren will. Darunter sind die beiden Agenten, die sich über die Beseitigung des Leichnams unterhalten hatten, bevor Khashoggi ins Konsulat kam. Der mutmaßliche Chef-Planer Asiri steht zwar vor Gericht, die Todesstrafe droht ihm bislang aber nicht.

Die Einschätzung der Uno

Die Uno-Berichterstatterin lässt in ihrem Report keinen Zweifel daran, dass sie den Prozess in Saudi-Arabien für eine Farce hält. Callamard fordert die Einstellung des Verfahrens, weil das Vorgehen der saudi-arabischen Justiz Rechtsgrundsätze verletze und eher einer Behinderung der Justiz gleichkomme. Schon die Prämisse Riads, dass Khashoggis Tod die Folge einer aus dem Ruder gelaufenen Operation von Geheimdienstlern gewesen sei, die auf eigene Faust gehandelt hätten, sei unhaltbar, so Callamard.

Mohammed bin Salman und Donald Trump: Peinlich für den US-Präsidenten
DPA

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"Khashoggis Tötung war eine außergerichtliche Tötung, für die Saudi-Arabien verantwortlich ist", schreibt die französische Menschenrechtsexpertin gleich zu Beginn ihres Berichts. Es gebe "glaubhafte Beweise" dafür, dass Kronprinz MBS verantwortlich sei. Das müsse dringend weiter untersucht werden, so Callamard. Dabei gehe es weniger darum, eine "smoking gun" zu finden, einen belastbaren Beweis, also einen direkten Befehl des Thronfolgers zur Tötung Khashoggis. Es gehe auch darum, jene Amtsträger zu identifizieren, die ihre Machtstellung entweder missbraucht oder ihre Verantwortung vernachlässigt hätten und so Khashoggis Tod entweder billigten oder duldeten.

Nun müsse Uno-Generalsekretär António Guterres dafür sorgen, dass der Mordfall weiter von internationalen Experten untersucht und möglicherweise sogar vor einem Tribunal aufgearbeitet werde. Ausdrücklich empfiehlt Callamard auch persönliche Sanktionen gegen den Kronprinzen.

Für US-Präsident Donald Trump, der MBS zu seinem wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt erkoren hat, aber auch für Angela Merkel, die in Saudi-Arabien noch immer einen Stabilitätsanker im Nahen Osten sieht, ist der Bericht vor allem eines: peinlich.

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