Comey vs. Trump Kalter Krieg

Lügen, Leaks und Loyalitätsschwüre: Die neuen Vorwürfe des früheren FBI-Chefs James Comey gegen Donald Trump haben Washingtons Machtapparat erschüttert. Protokoll eines historischen Tages.

James Comey
AFP

James Comey

Von , und Corina Zellweger, Washington


Am Nachmittag sitzt Donald Trump in einem Festsaal des Weißen Hauses, um ihn herum ein paar Gouverneure und Bürgermeister, der Präsident will mit ihnen über die Infrastruktur des Landes sprechen. Ob er denn den Auftritt von James Comey verfolgt habe, wird Trump von einem Reporter gefragt. Der Milliardär presst die Lippen aufeinander und lächelt. Nichts. Nächster Versuch: Ob er glaube, Comey erzähle die Wahrheit. Keine Reaktion.

"Vielen Dank", sagt der Präsident. "Das ist fantastisch hier. Ein bisschen eng, aber das ist schon okay."

Fantastisch ist in seiner Präsidentschaft gerade nichts, schon gar nicht nach diesem Tag der Demütigung. Comey, der ehemalige FBI-Chef, hat vor dem Senat über seine Kontakte mit dem Präsidenten ausgesagt, und zwar in einer so offenen und brutalen Art und Weise, dass nicht ganz klar ist, wie es mit Trumps Präsidentschaft jetzt eigentlich weitergehen soll. Er, der angeblich mächtigste Mann auf diesem Planeten, steht da als jemand, der an der Wahrheit herumschraubt, in juristische Ermittlungen eingreift und Beamte zu Untertanen machen will.

Es ist keine normale Aussage. Es ist eine Abrechnung. Comeys Auftritt ist Teil eines Dramas, in dem die Institutionen sich dagegen wehren, vom Weißen Haus verschluckt zu werden. Kalter Krieg in Washington. Einen solchen Tag hat die Hauptstadt lange nicht mehr erlebt.

7 Uhr, Kapitol

Draußen stehen lange Menschenschlangen, in Saal 216 des Hart Buildings im Senat ist hingegen noch kaum etwas los. Ein paar Fotografen haben sich gute Plätze rund um den Mahagoni-Schreibtisch gesichert, an dem Comey gleich sitzen wird. Ein Mikro, zwei Gläser, mehr nicht. "E pluribus unum", prangt auf dem Siegel an der Marmorwand - aus vielen eines. Ein Motto auch für diese Anhörung: Von den vielen Vorwürfen gegen Trump ist einer für ihn besonders gefährlich, nämlich jener, ob er versuchte, die Ermittlungen in der Russlandaffäre zu behindern. "Das wird verrückt heute", klagt einer der Polizeibeamten.

8 Uhr, Weißes Haus

Das Weiße Haus hat sich verbarrikadiert. Wo Touristen früher bis ganz nah an den Zaun laufen konnten, um für Selfies zu posieren, gähnt jetzt ein Streifen Niemandsland mit Stahlbarrikaden. "Sperrgebiet", steht auf Warnschildern. "Nicht betreten." Als sich ein Schaulustiger trotzdem zu weit wagt, schreit ihn ein Secret-Service-Beamter sofort an: "Zurück auf den Gehweg!"

10.10 Uhr, Hart Building, Saal 216

Comey erscheint, der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch Senatoren, die gar nicht Mitglieder des Geheimdienstausschusses sind, haben hinten Platz genommen. Es ist still. Im ganzen Wahnsinn, in dem Washington in diesen Tagen gefangen ist, ist ausgerechnet diese Anhörung ein Moment der Ruhe. Comey setzt sich an den Schreibtisch - ohne jegliche Notizen. Ein Zeichen, wie sicher er sich fühlt.

10.15 Uhr, Weißes Haus

Trump sitzt mit seinem langjährigen New Yorker Privatanwalt Marc Kasowitz in einem Nebenbüro des Oval Office, um die Anhörung auf einem großen Flatscreen-Fernseher mitzuverfolgen. Trump, so ist zu hören, koche seit Langem vor Wut über Comey und die Russland-Ermittlungen generell, hält sich bei seinem Lieblingsmedium diesmal jedoch auffallend zurück: Sein letzter Tweet war Mittwochfrüh um 8.17 Uhr.

10.20 Uhr, Saal 216

Klar und nüchtern präsentiert Comey seine Erinnerungen an die Gespräche mit Trump und macht sie dadurch umso wirkungsvoller (Lesen Sie hier das Minutenprotokoll der Anhörung nach). Seine Schilderungen gleichen einer fein durchdachten Anklage, vor allem aber einem Angriff auf Trumps Charakter. Comey ist verletzt, klar. Er wirft dem Präsidenten vor, ihn und das ganze FBI diffamiert zu haben. "Das war eine Lüge, ganz einfach." Er wolle aussagen, weil die Begründung Trumps für seinen Rauswurf nicht der Wahrheit entspreche. Comey ist bestens vorbereitet, nach jedem Termin mit dem Präsidenten hatte er eine Notiz angefertigt, häufig noch auf dem Rückweg im Dienstwagen an einem verschlüsselten Laptop. "Ich hatte ehrlich Sorge, dass er über den Inhalt unserer Gespräche lügt." Dagegen habe er sich absichern wollen. Ein Auftakt, der sitzt.

10.30 Uhr, "Shaw's Tavern"

In der Kneipe, die extra früher geöffnet hat, um die Anhörung live zu übertragen, gibt es spontanen Applaus, als Comey Trump zum ersten Mal einen "Lügner" nennt. Hunderte hatten stundenlang Schlange gestanden, um an der Watch-Party teilzunehmen, so etwas habe sie noch nie erlebt, sagt eine Angestellte. Statt des üblichen Sportkanals ESPN flimmert CNN über alle Bildschirme. Dazu gibt es ein "FBI-Frühstück": French Toast zu russischem Wodka.

11 Uhr, Saal 216

Comey ist jetzt beim Kern seiner Aussage angelangt, Trumps Einmischung in der Russlandaffäre. Ob er das Gefühl hatte, der Präsident habe ihn angewiesen, die Ermittlungen gegen Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn fallen zu lassen. "Bei mir ist das so angekommen", sagt Comey. Man merkt: Comey will eine Indizienkette herstellen, die dem Sonderermittler Robert Mueller als Grundlage dafür dient, zu untersuchen, ob der Präsident sich der Behinderung der Justiz schuldig gemacht hat. Erst habe Trump einen Treueschwur verlangt, dann habe er ihn in der Ermittlung bedrängt, und als er merkte, er komme nicht weiter, habe er ihn - Comey - gefeuert. Jetzt liegt der Ball bei Mueller. Apropos: Comey legt offen, dass er dessen Einsetzung als Sonderermittler erzwingen wollte, indem er eine seiner Gesprächsnotizen über einen Freund an die Medien durchstach. Ein heikler Akt. Auf allen großen TV-Kanälen ist das sofort Breaking News.

11.15 Uhr, Saal 216

Die Zuschauer haben ein Problem: Wer auf Toilette muss, verliert seinen Platz. Draußen warten Hunderte Nachrücker. Also bleiben die meisten einfach sitzen. Comey ist Profi, er weiß, wie er Spannung erzeugt. Konspirierte Trump mit Moskau? Dazu dürfe er öffentlich nichts sagen, so Comey. Was ist mit den schmutzigen Details aus dem Report des britischen Geheimdienstlers, wonach Trump vor einigen Jahren in einem Moskauer Hotel eine Sause mit russischen Prostituierten feierte? Auch dazu sage er nur etwas in geheimer Sitzung. Ein paar Senatoren blicken sich an. Ist da möglicherweise etwas dran? Das weiß niemand. Aber der Verdacht bleibt.

11.30 Uhr, Newseum

An der Fassade des Pressemuseums schräg gegenüber des Kongresses sind die Titelseiten von US-Tageszeitungen in Vitrinen ausgehängt. Die Schlagzeilen spiegeln die Stimmung der Nation wieder. "Verhör im Kapitol", schreibt die "Arizona Republic". "Ich erwarte Loyalität" - die angebliche Forderung Trumps an Comey, die dieser in seinem vorab veröffentlichten Senats-Statement beschrieben hatte - steht fett über mehreren Blättern, darunter "Boston Globe", "Star-Ledger" und "St. Louis Post-Dispatch".

12 Uhr, Saal 216

Für die Republikaner ist die Anhörung ein Dilemma. Sie wissen: Je mehr Comey redet, desto unangenehmer wird es für Trump. Aber stoppen oder abwegige Fragen stellen, um Zeit zu schinden? Geht auch nicht. Jedes Wort wird hier im Ausschuss auf seine politische Richtung abgeklopft. Marco Rubio ist an der Reihe, der Senator aus Florida, eigentlich ein Kritiker des Präsidenten. Aber siehe da: Er ist plötzlich Kritiker Comeys. Warum er sich denn mit Trump überhaupt noch getroffen habe, wenn er solch schlechte Gefühle dabei gehabt hätte, fragt er. Und warum er Trump nicht klarer sagte, dass er mit seinen Kommentaren zu den Russland-Ermittlungen eine Grenze überschreitet. Muss der Präsident um die Loyalität seiner Partei fürchten? Aus der Anhörung lässt sich das nicht herauslesen.

12.30 Uhr, Omni Shoreham Hotel

Trump hat sich in das Hotel im Nordwesten Washingtons fahren lassen. Hier tagt die christlich-konservative Faith and Freedom Coalition, Trump nutzt die Gelegenheit, sich von der Basis feiern zu lassen. Artig zitiert er die Bibel, beklagt den "Belagerungszustand", in dem sich religiöse Amerikaner befänden, beschwört seinen Wahlsieg. Die "etablierten Interessen" Washingtons täten "alles in ihrer Macht, uns von unserem rechtschaffenen Anliegen abzubringen: Sie lügen, sie blockieren, sie verbreiten ihren Hass und ihre Vorurteile." Doch er werde nie aufhören, für "die Wahrheit" zu kämpfen. Diese Passage ist die einzige, die man indirekt auf Comey und das FBI beziehen könnte - ansonsten ignoriert Trump die Anhörung.

13.30 Uhr, Saal 216

Comey wird von Kameras verfolgt, als er nach einer kurzen Pause in den Senatssaal zurückkehrt. Er soll den Senatoren nun weiter Rede und Antwort stehen, doch jetzt hinter verschlossenen Türen, denn bei vielen sensiblen Fragen hat er die öffentliche Aussage verweigert. Ausschusschef Burr bemüht sich auf einem Flur derweil um Kontext: Hier gehe es nicht nur um die Treffen Comeys mit Trump, sagt er einem CNN-Reporter, sondern um die gesamte, ausladende Russlandaffäre. "Dies ist bei Weitem nicht das Ende unserer Ermittlungen."

14.00 Uhr, National Press Club

Trumps Anwalt Kasowitz tritt zwei Ecken vom Weißen Haus entfernt vor die Reporter. Er soll schon am Vorabend mit Zigarren gefeiert haben: "Wir haben gewonnen, Trump ist im Reinen." Jetzt liest er eine Erklärung vom Blatt, erlaubt aber keine Fragen von Journalisten. "Der Präsident fühlt sich völlig entlastet", sagt er. Comey habe bestätigt, dass Trump "kein Gegenstand von Ermittlungen war" (aufmerksame Zuhörer vermerken die vorsichtige Vergangenheitsform). Trump habe die Ermittlungen nie zu stoppen versucht (eine fragliche Interpretation der Aussage). Trump habe ihm nie einen Loyalitätsschwur abverlangt (ein klarer Widerspruch zu Comey). Stattdessen sei es Comey, der sich womöglich strafbar gemacht habe, indem er den Inhalt seiner Gespräche mit Trump an die Medien durchgestochen habe - auch das eine umstrittene Einschätzung.

15 Uhr, auf den Fluren des US-Senats

John McCain taucht auf. Der republikanische Senator sieht übernächtigt aus, er hat in der Nacht lange im Fernsehen Sport geschaut. Was er zum Auftritt Comeys sage, wird er gefragt. McCain winkt ab. "Jeden Tag gibt es eine neue Enthüllung. Das ist eine echter Skandal." Dann verabschiedet er sich und verschwindet in den Weiten des Senatsgebäudes.


Im Video: Das waren die wichtigsten Punkte der Anhörung

SPIEGEL ONLINE
insgesamt 153 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MatthiasSchweiz 09.06.2017
1.
Egal wie man jetzt zu Trump steht: Comey hat nichts wirklich Substantielles vorgebracht, dazu noch seine Glaubwürdigkeit angekratzt, indem er zugab, Dokumente der Presse zugespielt zu haben. Bei der Untersuchung der Clinton-Mails hat er auch keinen guten Eindruck hinterlassen.
Gruuber 09.06.2017
2. Es ist wirklich erstaunlich
wieso den FBI- und CIA-Bossen und ihrem sonstigen Führungspersonal nicht sofort die Hand abfällt, wenn sie auf die Bibel schwören, dass sie nur die reine Wahrheit sagen. Insbesondere denn, wenn es um Aussagen über ihre Tätigkeit in der Innen- und Außenpolitik geht! Aber es dürften ja auch die EU-Kommission und das EU-Parlament kein Ahnung haben, was der FBI und CIA immer so treiben. Zumindest tun sie immer so unwissend. Wie auch jetzt.
rkinfo 09.06.2017
3. D. Trump hat doch vor Wochen schon sich per Twitter selbst belastet ?!
Der Präsident hat bereits nach der Entlassung von Comey per Twitter übel nachgetreten. Die davor liegenden 'erfolglosen' Einladungen an Comey sind politische Fallstricke genug. Ob diese Affäre noch abzubügeln ist wird die Präsidentschaft, aber auch die Wahlchancen der Republikaner 2018 nun stark beeinflussen.
kwoik 09.06.2017
4. Sicherer Auftritt
Ich glaube ihm. Sein Auftritt war souverän. Ganz im Gegenteil wie sich nun die Trump Clique Verhält.
Dark Agenda 09.06.2017
5. Traurig aber wahr
Solange die rep. Partei hinter dem Präsidenten steht wackelt da gar nichts. Mit diesem Satz könnte man eigentlich jeden Tag die unzähligen Artikel über Trump in der Presse ohne Informationsverlust zusammenfassen. Und nach einer Wahlniederlage 2018 (Kongress/Senat) sieht es auch nicht aus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.