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22. August 2014, 20:23 Uhr

Ermordeter US-Journalist

Wie James Foleys Befreiung scheiterte

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Fast zwei Jahre bangten Freunde und Familie um James Foley. Im November 2012 wurde der Journalist verschleppt - angeblich von Assad-treuen Milizen. Wie gelangte der Fotograf in die Hände des IS? Warum scheiterte die Befreiung? Versuch einer Rekonstruktion.

Hamburg - Die Spur des James "Jim" Foley verliert sich vor einem Internetcafé im Norden Syriens. Am 22. November 2012 wurde der Fotoreporter in der Stadt Binnisch von bewaffneten Männern entführt. Foley hatte sich gerade auf den Weg zur nahegelegenen türkischen Grenze gemacht. Sein Übersetzer wurde ebenfalls verschleppt, aber kurze Zeit später freigelassen. Wer Foley damals in seine Gewalt brachte, ist bis heute unklar. Das FBI macht eine "organisierte Gang" für die Geiselnahme verantwortlich.

Fünf Monate nach der Verschleppung meldete sich der Chef der Onlineplattform GlobalPost, für die Foley gearbeitet hatte, zu Wort: "Wir glauben mit sehr hoher Gewissheit, dass Jim von einer regimetreuen Miliz verschleppt und anschließend den Regierungstruppen übergeben wurde", sagte GlobalPost-Chef Philip Balboni im Mai 2013.

Mehrere seriöse Quellen hätten bestätigt, dass Foley in einem Gefangenenlager im Umland von Damaskus festgehalten werde. "Wir glauben, dass die Anlage dem Geheimdienst der syrischen Luftwaffe unterstellt ist", sagte Balboni weiter. Man gehe davon aus, dass Foley zusammen mit einem oder mehreren westlichen Journalisten festgehalten werde - darunter mindestens ein Amerikaner. Das syrische Regime behauptete damals, keine Informationen über Foleys Schicksal zu besitzen.

US-Militäroperation am 4. Juli

Bislang ist noch unklar, ob die Information, dass der Journalist von Assads Schergen festgehalten wurde, falsch ist. Oder ob das Regime in Damaskus Foley an die Terroristen vom "Islamischen Staat" auslieferte. Spätestens ab September 2013 muss sich der Reporter in der Gewalt der Dschihadisten befunden haben: Nach Foleys Ermordung sagte der französische Journalist Nicolas Henin, er sei sieben Monate lang zusammen mit dem US-Kollegen festgehalten worden. Im April 2014 ließen die Entführer Henin frei. Die französische Regierung soll den Geiselnehmern ein Lösegeld in Millionenhöhe übergeben haben - die US-Regierung lehnt Verhandlungen mit den Terroristen dagegen kategorisch ab.

Offenbar wurden die Geiseln in der Nähe der syrischen Stadt Rakka festgehalten, der inoffiziellen Hauptstadt des "IS-Kalifats". Die US-Regierung hat nach Foleys Ermordung eingeräumt, dass sie in diesem Sommer einen Befreiungsversuch unternommen hatte, um das Leben der Verschleppten zu retten. Nach Informationen des britischen "Telegraph" fand diese Geheimoperation einer US-Spezialeinheit am 4. Juli dieses Jahres statt.

Die Zeitung beruft sich auf den Augenzeugenbericht eines Syrers, der sich Ibrahim al-Rakkawi nennt. Der Mann veröffentlichte an jenem Tag eine Schilderung auf Facebook, die jedoch nach wenigen Stunden von den Administratoren entfernt wurde. Nach Angaben des "Telegraph" existiert jedoch ein Screenshot des Eintrags, der Rakkawis Behauptung stützt.

Demnach spielte sich die US-Operation so ab: Um kurz nach Mitternacht bombardierten Kampfflugzeuge ein IS-Hauptquartier, das von den Dschihadisten "Osama Bin Laden Camp" genannt wird. Dabei handelt es sich um die ehemalige Militärbasis Akarschi, die von den Extremisten erobert worden war. Bewohner der Gegend bestätigten gegenüber der "Financial Times", dass das Gelände in der Nacht zum 4. Juli beschossen wurde.

Zur gleichen Zeit sollen US-Spezialkräfte mit Fallschirmen auf dem Gelände einer Ölraffinerie südöstlich von Rakka gelandet sein. Offenbar vermuteten die Amerikaner, dass die Geiseln dort festgehalten wurden. Der Augenzeuge Rakkawi beruft sich dabei auf einen befreundeten Bauern aus der Gegend. Die US-Soldaten sollen mehrere IS-Kämpfer getötet haben, die Geiseln seien jedoch wenige Stunden zuvor an einen anderen Ort gebracht worden.

Jordanische Soldaten sollen am Einsatz beteiligt gewesen sein

Im Anschluss sollen die Spezialeinheiten die Häuser in der Ortschaft Akarschi durchsucht haben, unter anderem auch das Haus des Augenzeugen Rakkawi. Mehrere Augenzeugen berichteten dem "Telegraph" und der "FT" übereinstimmend, dass dabei neben US-Truppen auch jordanische Soldaten beteiligt gewesen seien. Mindestens ein Jordanier sei bei dem Gefecht mit IS-Kämpfern getötet worden, möglichweise auch ein US-Soldat. Die Kämpfe zwischen den Kommandoeinheiten und den Dschihadisten sollen drei Stunden gedauert haben.

Für IS soll die Schießerei sehr verlustreich gewesen sein. Die Dschihadisten in Akarschi warteten vergeblich auf Verstärkung aus Rakka. Nach Angaben von Rakkawi sollen US-Soldaten die Verbindungsstraße abgeriegelt haben. Andere Augenzeugen berichteten hingegen, dass sich IS-Kommandeure geweigert hätten, zusätzliche Kämpfer zu schicken - aus Angst, noch mehr Männer zu verlieren.

Die riskante Operation der Amerikaner endete als Fehlschlag: Die Spezialkräfte konnten das Leben Foleys und der anderen Geiseln nicht retten. Gut sechs Wochen später hat ein IS-Terrorist den Reporter getötet. Wenige Tage zuvor hatten sie den Mord an ihrer Geisel in einer E-Mail an die Eltern angekündigt.

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