Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal "Wer zahlt, Sie oder ich?"

Brüssel ist das neue Rom: Außer Sonne, Sklaven und dem Kolosseum gibt es hier alles, was es im alten Imperium auch gab. Die gelegentlichen Hungeraufstände in den Provinzen betrachtet man mit freundlicher Herablassung.
EU-Politiker Schulz: Früher Bürgermeister von Würselen, jetzt Parlamentspräsident

EU-Politiker Schulz: Früher Bürgermeister von Würselen, jetzt Parlamentspräsident

Foto: Caroline Blumberg/ picture alliance / dpa

Mit welcher Frage startet in Brüssel ein Mittagessen mit einem EU-Parlamentarier? Ganz einfach: "Wer übernimmt die Rechnung, Sie oder ich?" Unnötig zu sagen, dass es ein schlimmer Fauxpas wäre, wenn man in diesem Moment nicht sofort anbieten würde, für alles aufzukommen. Wer im europäischen Parlament arbeitet, ist so daran gewöhnt, andere für sich zahlen zu lassen, dass er gar nicht auf den Gedanken käme, selber die Rechnung zu übernehmen. Viele Abgeordnete haben angeblich gar kein Portemonnaie mehr dabei, wenn sie sich mit Leuten von außerhalb zum Essen verabreden.

Ein Besuch in Brüssel ist immer lehrreich. Das beginnt mit dem Flug. Als ich mich am Dienstag aufmachte, saß ein paar Sitze vor mir der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Früher war Schulz Bürgermeister in Würselen, jetzt ist er ein mächtiger Mann. Wie ich in Henryk M. Broders unentbehrlichem Brüssel-Führer "Die letzten Tage Europas" gelesen habe, besteht sein "Kabinett" aus fast 40 Mitarbeitern, einem Chef des Kabinetts und einem Stellvertretenden Chef des Kabinetts, die ihrerseits über acht Assistenten und Berater verfügen. Hinzu kommen fünf Berater und Assistenten, die für das Protokoll und den Terminkalender des Präsidenten zuständig sind, fünf Assistenten und Berater in der Abteilung "Innere" und sechs in der Abteilung "Äußere Angelegenheiten". Außerdem hat Broder noch "zwei Kammerdiener oder Zeremonienmeister" gezählt, je nachdem wie man "Usher" übersetzt, einen Fahrer und einen "Clerical Assistant".

Nicht schlecht für den Vorsitzenden eines Parlaments, das die einzige Volksvertretung in der westlichen Welt ist, die kein Recht hat, Gesetze vorzuschlagen.

Brüssel ist das neue Rom

Wie mächtig Schulz ist, wurde uns anderen Reisenden deutlich, als es ans Aussteigen ging. Der Flughafen in Brüssel ist eine schreckliche Heimsuchung. Bevor man im Freien steht, muss man sich eine halbe Stunde durch eine Abfolge schlecht belüfteter Gänge quälen. Schulz zeigte uns, wie es auch anders geht. Als wir landeten, tat sich links neben der Maschine eine kleine Tür auf, dahinter standen zwei Herren, die ihm die Tasche abnahmen. Dann schloss sich die Tür wieder. Beeindruckend. Die Kanzlerin überlegt angeblich, Schulz an die Stelle von Kommissionspräsident José Manuel Barroso zu setzen. Dann öffnet sich im Dach des Fliegers demnächst vermutlich eine Luke, um ihn auf dem schnellsten Weg zu seinem Arbeitsplatz zu bringen. Oder er bekommt gleich einen Privatflieger.

Brüssel ist das neue Rom, minus Sonne, Sklaven und Kolosseum. Alles andere ist so, wie man es aus dem Film kennt: das satte Machtgefühl einer Elite, die mit einem Fingerzeig über das Schicksal von Millionen von Menschen entscheidet; die lächelnde Herablassung für die Provinzen, aus denen das Geld kommt, das man dann im Zentrum des Imperiums in Ströme von Gold verwandelt.

Gespräche bei sizilianischem Weißwein und irischem Rind

Von Brüssel aus gesehen, ist die Krise, von der überall die Rede ist, eine Wolke am Himmel. Allen, die am Euro zweifeln, kann man nur empfehlen, hier ein paar Tage zu verbringen - sie finden zu ihrem Glauben zurück. Früher hätte man im Süden die Währung abgewertet, um mit dem Norden mithalten zu können, jetzt werden eben die Löhne und Renten gekürzt, erklärte mir ein hochrangiger Parlamentarier beim Mittagessen. Und wenn die Leute nicht mehr mitmachen und ihre Wut auf die Straße tragen? Dann demonstrieren sie halt, antwortete er achselzuckend. Sollen sie doch Revolution machen: Alle fünf Jahre gibt es einen Schuldenschnitt. Solche Gespräche führt man am besten bei sizilianischem Weißwein und irischem Rind.

Die EU zeigt, dass es sehr gut ohne Kontakt zum Wähler oder überhaupt Wahrnehmung durch den Souverän geht. Man kann das auch eine entwickelte Demokratie nennen. Dass man alle fünf Jahren Wahlen abhält, ist eine nette Tradition, an der man eher aus Sentimentalität festhält. Dass die wichtigsten Institutionen der EU in einem Land angesiedelt sind, das ständig am Rande der Selbstauflösung dahintaumelt, ist irgendwie passend. Oder wie Broder schreibt: "Das Rollenmodell für die EU ist Belgien, ein "failed state" mitten in Europa, der für seine Pommes frites und seine pädophile Subkultur weltberühmt ist, und in dem außer Pralinés und Dienstleistungen fast nichts mehr produziert wird."

Ich kann Broders Buch nur allen empfehlen, die immer noch denken, dass es bei der europäischen Idee darum geht, den Frieden zu sichern. Man muss lediglich das Kapitel über den Förderwahnsinn lesen, um zu begreifen, dass jede Idee monströs wird, selbst die beste, wenn man sie mit 120 Milliarden Euro im Jahr füttert. Wussten Sie, dass man sich inzwischen zum "EU-Fundraiser" ausbilden lassen kann? "In der Qualifizierung zum EU-Fundraiser lernen Sie die aktuelle EU-Förderlandschaft kennen, EU-Anträge erfolgreich zu stellen und Ihr Wissen gezielt und effektiv in Ihrem Arbeitsbereich anzuwenden", heißt es auf der Webseite einer Berliner Firma, die eine entsprechende Fortbildung anbietet. "Erfolgreiche EU-Antragstellung ist erlernbar!"

Die beste Art, sich mit Dingen abzufinden, die man nicht ändern kann, ist es, ihnen mit Humor zu begegnen. So wie man auch schlechtes Wetter, verspätete Flüge und Warteschleifen am Telefon am besten erträgt, wenn man solche Misslichkeiten nicht zu ernst nimmt. Was die meisten Menschen allerdings schwer ertragen, ist, wenn sie auch noch verspottet werden. Wer 25 Minuten am Telefon hängt, will nicht von einer Stimme auf Band gesagt bekommen, dass die Kundenzufriedenheit das höchste Gut des Unternehmens sei, das er gerade verzweifelt zu erreichen versucht.

Genauso möchte der Bürger auch nicht ständig hören, wie wichtig der Aufbau des europäischen Haus für Frieden und Völkerverständigung sei, wenn es tatsächlich nur darum geht, Rom am Laufen zu halten.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.