Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Der Terror in unseren Städten

Israel ist die erste Demokratie, die Bekanntschaft mit dem islamistischen Terror gemacht hat. Bislang konnten wir Europäer dem Judenstaat bequem gute Ratschläge geben. Jetzt müssen wir beweisen, wie mutig wir selbst sind.
Anschlagsziel in Kopenhagen: Der Feind lebt in unserer Mitte

Anschlagsziel in Kopenhagen: Der Feind lebt in unserer Mitte

Foto: MATHIAS OEGENDAL/ AFP

Ein "Betonmonster" hat der neue griechische Finanzminister die Mauer einmal genannt, die Israel an der Grenze zum Westjordanland gezogen hat, um seine Bürger vor Terroranschlägen zu schützen. Wenn die Kritiker des jüdischen Staates Anklage gegen die israelische Politik erheben, sind die Sperranlagen immer ein Thema.

Von der Empörung über die Mauer zum Verständnis für den Terror ist es dabei nur ein kleiner Schritt. Man dürfe sich nicht wundern, wenn sich der Palästinenser einen Sprengstoffgürtel umschnalle, erklärte der linke Superstar Giannis Varoufakis 2005 in einem Radiokommentar. Wie man eben so redet, wenn der einzige Terror, dem man selber ausgesetzt ist, der Ärger mit der Ehefrau ist.

Vielleicht sehen wir in Europa die Dinge bald schon mit anderen Augen. Bislang lebten wir in dem Gefühl, dass der Dschihad das Problem von Nationen sei, die im Umgang mit ihren muslimischen Minderheiten weniger rücksichtsvoll oder entgegenkommend sind. Jetzt ist der Krieg auch endgültig in unseren Städten angekommen.

Die Schüsse in Kopenhagen liefern die traurige Bestätigung, dass die Anschläge von Paris erst der Anfang von dem sind, was uns erwartet. Wie wir bald erkennen werden, macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man das religiöse Attentat nur aus den Nachrichten kennt oder ob man damit rechnen muss, selber zum Opfer zu werden - weil man die falsche Veranstaltung besucht hat oder im falschen Café saß.

Der Feind lebt in unserer Mitte

Es war immer die Frage, wie sich die europäischen Demokratien unter einer Bedrohung bewähren würden, wie sie in der israelischen Gesellschaft, die als erste Bekanntschaft mit dem islamistischen Terror machte, an der Tagesordnung ist.

In den beiden Jahren vor Errichtung der umstrittenen Grenzanlagen zählten die israelischen Behörden 89 Anschläge mit 305 Toten und 4942 Verletzten. Das entspricht umgerechnet auf die deutsche Bevölkerungszahl einer Stadt in der Größe von Baden-Baden. Erst mit dem Bau der Mauer ist die Opferzahl deutlich gesunken - ein Erfolg, der außerhalb des bedrängten Landes nie richtig zählte.

Wir werden keine Mauer durch deutsche Großstädte ziehen können, um uns zu schützen. Der Feind, mit dem wir es zu tun haben, lebt nicht auf der anderen Seite der Wüste, sondern in unserer Mitte. Wir müssen auf den Scharfsinn derer vertrauen, die dafür ausgebildet sind, dass sie dem Bösen auf die Spur kommen, bevor es zu spät ist. Leider sind wir auch dafür denkbar schlecht gerüstet.

Der Verfassungsschutz, auf dem in Deutschland die Hauptlast der Aufklärungsarbeit liegt, ist in einem beklagenswerten Zustand. Jeder, der dort Verantwortung trägt, kann einem das bestätigen. Nur mit Mühe sind die Mitarbeiter überhaupt in der Lage, den Dschihadisten nachzustellen, die aus den Kriegsgebieten heimkehren. Wenn es gelingt, einen der Kämpfer unschädlich zu machen, bevor er seine Waffen zur Hand nimmt, um den heiligen Krieg nach Pforzheim oder Dinslaken zu tragen, ist das eher einer Verkettung glücklicher Umstände als planvollem Handeln geschuldet.

"Wenn wir Polizei, Verfassungsschutz und Nachrichtendienste zu den letzten Trotteln machen, vor denen wir immer nur Angst haben müssen, dass sie unsere Rechte untergraben, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn sie uns im Zweifel nicht so schützen können, wie sie uns schützen müssen, damit unsere Freiheit wirklich gewährleistet ist", hat Wolfgang Schäuble vor ein paar Wochen gesagt.

Der Satz sei hier noch einmal in Erinnerung gerufen, weil kaum jemand so gut wie der ehemalige Innenminister weiß, was die dauerhafte Demoralisierung bei einem Dienst anrichten kann. Was glauben wir, wie gut eine Behörde ihre Arbeit verrichtet, deren Mitarbeiter ständig angefeindet und verspottet werden? Nur wer anderswo keine Möglichkeit zum beruflichen Aufstieg sieht, wird sich heute beim Verfassungsschutz oder dem BND bewerben. Dabei bräuchte man dort die Klügsten und Fähigsten.

Der Wert, den ein Staat seinen Institutionen beimisst, zeigt sich nicht zuletzt in dem Etat, den er ihnen bewilligt. Was dem Verfassungsschutz heute an Geld für Personal und elektronische Aufklärungsmittel fehlt, haben die Unterhändler bei den Koalitionsverhandlungen für Mütterrente und Betreuungsgeld vorgesehen. Es spricht für die pazifistische Gesinnung einer Gesellschaft, wenn ihr das Wohlergehen einer Gruppe von Senioren mehr wert ist als der Schutz vor Verfassungsfeinden. Hoffen wir, dass dies nicht ein Luxus ist, den wir schon bald sehr bereuen werden.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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