IS-Terror Therapie aus Deutschland soll traumatisierten Kindern im Irak helfen

Tausende Opfer von IS-Terror und Krieg sind psychisch krank. Ärzte sind überfordert, Psychotherapie ist im Nordirak so gut wie unbekannt. Ein deutscher Trauma-Experte will das nun ändern.
Aus Dohuk berichtet Katharina Adick
IS-Terror: Therapie aus Deutschland soll traumatisierten Kindern im Irak helfen

IS-Terror: Therapie aus Deutschland soll traumatisierten Kindern im Irak helfen

Foto: Katharina Adick

Media sitzt auf einer Matratze im Wohncontainer eines Flüchtlingscamps im Nordirak und hält eine Puppe im Arm. Seit vier Jahren ist Media in Sicherheit. Entführung, Beschuss, Krieg oder Hunger muss die Zehnjährige hier, in der autonomen Region Kurdistan, nicht fürchten.

Sie entkam mit ihrer Familie, als der "Islamische Staat" (IS) im August 2014 ihr Dorf überfiel. Was genau in den darauffolgenden Tagen ihren Schockzustand auslöste, was sie zum ersten Mal einen Krampfanfall erleiden und schließlich immer wieder in Ohnmacht fallen ließ, weiß niemand genau. Aber die Familie floh zehn Tage durchs Gebirge, ohne Wasser und Nahrung und in der Angst, dass ihre Verfolger sie doch noch einholen.

Medias Anfälle halten an - auch Monate nach der Ankunft im Camp. Während die Geschwister draußen spielen, bleibt sie allein. Wenn sie in Stress gerät, wird sie ohnmächtig, hat Krampfanfälle. Das kann zehn Minuten dauern oder eine halbe Stunde. Wenn Media spricht, dann nur noch zu ihrer Puppe.

Therapeut Jan Ilhan Kizilhan mit Media

Therapeut Jan Ilhan Kizilhan mit Media

Foto: Katharina Adick

Ein Arzt in Dohuk diagnostiziert Schizophrenie. Eine Psychologie-Studentin, die Media helfen will, fragt ihren Professor um Rat, und der ist skeptisch: Jan Ilhan Kizilhan lehrt an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen. Von März 2015 bis Januar 2016 holte er mehr als tausend jesidische Frauen und Mädchen, die vom IS verschleppt und brutal misshandelt worden waren, zur Behandlung nach Deutschland.

Kizilhan kennt Anfälle wie diese. Sie sind eine Art Überlebensstrategie: Die Ohnmacht schütze Media davor, sich der Angst zu stellen, die sie in den Bergen erlebt hat, erklärt der Therapeut. Er stellt bei Media eine posttraumatische Belastungsstörung mit dissoziativen Anfällen fest.

Die 22-jährige Yasa Ismail ist angehende Psychotherapeutin

Die 22-jährige Yasa Ismail ist angehende Psychotherapeutin

Foto: Dirk Gilson

Der IS-Terror richtete sich besonders gegen Jesiden, an denen die Miliz einen Völkermord verübte. Während die Männer der religiösen Minderheit bei den Überfällen auf ihre Dörfer an Ort und Stelle ermordet wurden, verschleppten die IS-Terroristen Frauen und Kinder, missbrauchten sie als Sklaven oder Kindersoldaten, vergewaltigten und verkauften sie.

Kinder mussten zusehen, wie Menschen der Kopf abgeschnitten wurde oder wurden selbst zu schrecklichen Gewalttaten gezwungen und lebten in ständiger Angst, wegen einer Kleinigkeit umgebracht zu werden.

Durch den jahrelangen Horror ist die Zahl psychisch Erkrankter gewachsen, in einer Gesellschaft, die bereits seit mehreren Generationen immer wieder unter Krieg und Schrecken leidet.

Der deutsch-kurdische Trauma-Experte Jan Ilhan Kizilhan hat mit Unterstützung aus Deutschland das Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität Dohuk im kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak gegründet. In diesem Herbst sind die ersten 25 Studierenden fertig geworden. Sie sind jetzt ausgebildete Psychotherapeuten, und die meisten von ihnen haben schon gute Jobangebote in der Region erhalten.

Trauma-Experte Jan Ilhan Kizilhan

Trauma-Experte Jan Ilhan Kizilhan

Foto: Dirk Gilson

Kizilhans großes Ziel: Dass die Psychotherapie von Dohuk aus im Nahen Osten Einzug hält. "Wir müssen in der Lage sein, den Menschen hier Know-how zu geben, und zwar kultursensibel - das heißt, dass wir die guten Techniken, die medizinisch therapeutisch überprüft worden sind, dieser Kultur anpassen", sagt Kizilhan.

Immer wieder kämpft er gegen Vorbehalte: "Wenn überhaupt, gehen die Leute zu einem Psychiater - also eher zu einem Arzt als zu einem Therapeuten. Und wenn sie eine psychische Erkrankung haben, soll der ihnen Medikamente geben, die diese schnell verschwinden lässt", so Kizilhan. Hinzu kommt, dass psychische Probleme generell stigmatisiert werden. Für Gewalterfahrungen, insbesondere bei sexueller Gewalt, gilt das besonders.

An der Universität Dohuk lernen die Studierenden in drei Jahren die Grundlagen für eine kognitive Verhaltenstherapie nach deutschem Vorbild. Dazu fliegen Koryphäen aus dem Ausland ein, die für einige Wochen Vorlesungen halten, Prüfungen abnehmen oder die Studierenden bei Diagnosen unterstützen.

Malkurse der Organisation "Springs of Hope" sind im Camp oft der erste Schritt für eine Therapie. Die NGO bezahlt auch die Therapeuten

Malkurse der Organisation "Springs of Hope" sind im Camp oft der erste Schritt für eine Therapie. Die NGO bezahlt auch die Therapeuten

Foto: Katharina Adick

Für den Masterstudiengang gibt es ein aufwendiges Bewerbungsverfahren, dessen zentrales Element ein Motivationsschreiben ist. Vor allem ihre persönliche Eignung müssen die jungen Männer und Frauen unter Beweis stellen. Nicht jeder ist in der Lage, jeden Tag Beschreibungen von Gräueltaten zu ertragen. Auch oder gerade, weil die meisten der Studienbewerber aus der Region persönliche Erfahrungen mit Krieg und Gewalt haben.

Media ist eine der ersten, die von der Arbeit des Instituts profitiert: Mit einer der Studentinnen ergeben sich nach einiger Zeit über gemeinsames Malen Gespräche, die sich langsam zu einer Therapie entwickeln.

Media braucht lange, um Vertrauen zu fassen. Aber als Kizilhan sie ein paar Monate später besucht, findet er ein gut gelauntes, aufgeschlossenes Mädchen vor. Medias Anfälle sind selten geworden, sie hat Freundinnen gefunden, mit denen sie sich im Camp zum Spielen trifft, und sie zählt sogar zu den Besten ihrer Klasse.

Suad mit ihren Kindern: Nichts ist, wie es war

Suad mit ihren Kindern: Nichts ist, wie es war

Foto: Katharina Adick

Von Anfang an arbeiten Kizilhans Studenten mit Patienten und stoßen dabei auch an ihre Grenzen. Der 29-jährige Noori betreut im Herbst 2018 eine junge Mutter: Suad lebt mit ihrem Mann und drei ihrer Kinder im Camp Sharia bei Dohuk. Ihre beiden älteren Töchter sind verschleppt worden. Seit mehr als vier Jahren schon quält sie die Ungewissheit - seit der Terror frühmorgens in ihr Dorf kam.

"Als der IS kam, sind wir morgens um acht Uhr aus dem Haus geflohen", erzählt sie. "Meine Töchter, meine Onkel, insgesamt sieben Familienmitglieder wurden gefangen genommen. Seit vier Jahren sind wir hier in Kurdistan und wissen nichts über die verschollenen Familienmitglieder. Gar nichts."

Suad hofft auf Nooris Hilfe - zu oft, sagt sie, leiden ihre anderen drei Kinder, weil sie ihnen gegenüber aggressiv ist. Noori versucht, ihr Techniken beizubringen, wie sie besser mit ihren Gefühlen klarkommt. Aber an der schrecklichen Grundsituation kann der Student nichts ändern.

Hadia (l.) war fünf Jahre in IS-Gefangenschaft

Hadia (l.) war fünf Jahre in IS-Gefangenschaft

Foto: Katharina Adick

Im April 2019 erhält Suad abends einen Anruf auf ihrem Handy. Ihre Tochter Hadia sei in Syrien befreit worden, und sie werde sie schon bald sehen können. "Ich habe vor Freude geweint. Ich habe es nicht geglaubt. Wir konnten dann mit ihr per Videochat sprechen. Als ich sie gesehen und gehört habe, habe ich so laut geschrien, dass alle Nachbarn zu mir gekommen sind", erzählt die Mutter. Einen Monat später kommt auch Hadias ältere Schwester Kristina zurück.

Vier und sieben Jahre alt waren die beiden Mädchen, als sie verschleppt wurden. Jetzt, fünf Jahre später, sitzen sie vor einem Zelt, mit Geschwistern, die sie erst kennenlernen müssen. Beide Kinder zeigen Spuren von Misshandlungen. Noori will die beiden im Auge behalten. "Kristina ist sehr ruhig und in sich gekehrt. Sie ist sehr, sehr traurig. Hadia wiederum ist aggressiv, gereizt und streitsüchtig."

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Irak: Dem IS entflohen, im Trauma gefangen

Foto: Dirk Gilson

Suad bittet Hadia, ihren Zopf aufzumachen und den Kopf nach vorn zu beugen. An ihrem Hinterkopf wird eine Stelle sichtbar, an der keine Haare mehr wachsen. Dorthin wurde Hadia immer wieder geschlagen. Hadia und ihre Schwester werden Hilfe bekommen, wenn sie sie brauchen.

Doch viele andere können nicht behandelt werden - es sind schlicht zu viele. Schon jetzt ist die Suizidrate im Irak extrem hoch. Kizilhan sieht in einigen Unbehandelten auch ein Gefahrenpotenzial - etwa bei ehemaligen Kindersoldaten, die mit hohem Aggressionspotenzial und Impulskontrollstörungen zurückkommen.

"Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass wir schon jetzt die nächste Generation von Terroristen heranzüchten, die irgendwann diese Gesellschaft in Unheil versetzen werden", sagt er.

Seit dem Einmarsch der Türkei in Nordsyrien im Oktober 2019 sind mehr als 12.000 weitere Flüchtlinge im Nordirak angekommen. "Die Freilassung von IS-Kämpfern führt zu verstärkten Ängsten und Albträumen", berichtet Kizilhan von einigen Patienten in den Camps. Die Sorge, dass der IS wieder stärker wird und das Morden weitergeht, ist groß.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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