Japan-Gipfel Sarkozy fordert Aufnahme von Schwellenländern in G8

Kurz vor Beginn des G-8-Gipfels in Japan hat Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy das Treffen in seiner jetzigen Form in Frage gestellt. Ohne Schwellenländer wie China und Indien solle man die Lösung globaler Probleme gar nicht erst angehen.


Paris - Es sei nicht sinnvoll, die sieben führenden Industrienationen und Russland (G8) ohne wichtige Schwellenländer wie China und Indien zu versammeln, sagte Sarkozy am Samstag bei einer Parteiveranstaltung in Paris. Es sei nicht angemessen, die großen Probleme der Welt ohne diese beiden Staaten lösen zu wollen. Bei dem am Montag beginnenden Gipfel in Japan stehen vor allem der Klimaschutz, die Weltwirtschaft und die Lebensmittelkrise auf der Tagesordnung.

Nicolas Sarkozy: Aus der G-8-Gruppe eine G10 oder G11 machen
AFP

Nicolas Sarkozy: Aus der G-8-Gruppe eine G10 oder G11 machen

In letzter Zeit haben immer mehr Experten eine Öffnung der G8 gegenüber den Schwellenländern angemahnt - und das mit gutem Grund. China etwa übertrifft an wirtschaftlicher Größe die Hälfte der G-8-Mitglieder. Auch Brasiliens Bruttosozialprodukt ist immerhin größer als das von Russland. Neben China, Indien und Brasilien werden in diesem Zusammenhang oft auch Mexiko und Südafrika genannt.

"Wann bewegen wir uns von einer G8 zu einer G-13", fragte etwa Lael Brainard von der renommierten Brookings Institution in Washington. Keines der großen Probleme der Welt könne ohne die Mitwirkung dieser Länder oder gar gegen sie gelöst werden.

G8 haben an Dominanz verloren

Tatsächlich sind die G8 nicht mehr so dominant wie früher. Im vergangenen Jahr waren sie für 58 Prozent der globalen Wirtschaftskraft verantwortlich, 1997 waren es noch 65 Prozent. Angesichts der enormen Wachstumsraten in den Schwellenländern dürfte sich an diesem Trend in absehbarer Zeit wenig ändern. China etwa liegt inzwischen auf Platz vier der Wirtschaftsmächte, nur knapp hinter dem Drittplatzierten Deutschland. Brasilien besitzt die zehntgrößte Wirtschaft und liegt damit bereits vor den Russen - und die haben bereits Indien auf den Fersen.

Zudem ist Wirtschaft nicht alles: Die fünf Nationen, die Brainard gern in einer neuen G13 sehen würde, verfügen auch über große Armeen und vor allem über enorme Bevölkerungszahlen. China und Indien sind die zahlenmäßig größten Völker der Welt. Die Kehrseite der Entwicklung: Inzwischen liegt China auch in Sachen Kohlendioxid-Ausstoß auf Platz eins in der Welt, nachdem es kürzlich die USA überholt hat - auch wenn die Amerikaner beim Pro-Kopf-Ausstoß des Treibhausgases weiterhin einsam vorn liegen.

"Die Welt hat sich dramatisch verändert", sagt Robert Hormats, Vize-Vorsitzender des Bankhauses Goldman Sachs. "Die neue globale Machtstruktur ist nicht mehr, was sie einmal war." Und es wäre nicht das erste Mal, dass die G-8 ihre Mitgliederstruktur ändert. Beim ersten Gipfel im Jahr 1975 gab es lediglich sechs Mitglieder: Die USA, Großbritannien, Frankreich, Westdeutschland, Italien und das damals eben erst aufstrebende Japan. Kanada trat dem exklusiven Club ein Jahr später bei, Russland erst 1997.

22 Staats- und Regierungschefs in Toyako

Im japanischen Toyako werden freilich nicht nur acht, sondern 22 Staats- und Regierungschefs mit von der Partie sein - darunter allein sieben aus Afrika. Damit ist der diesjährige Gipfel nach Angaben der japanischen Regierung der größte der Geschichte.

Ob und wie schnell aber neue Mitglieder in den Top-Wirtschaftsklub eingelassen werden, ist offen. Sarkozy denkt bereits seit längerem in diese Richtung, und auch der britische Premierminister Gordon Brown ist für eine Erweiterung. "Ich denke, dass es unvorsichtig wäre, Länder wie China, Indien, Brasilien, Südafrika und Mexiko nur am dritten Tag zum Mittagessen einzuladen", sagte Sarkozy bereits im November 2007. "Es ist in unserem eigenen Interesse, sich mit ihnen an den Verhandlungstisch zu setzen, sie wie Partner zu behandeln und sie mit ihren Pflichten zu konfrontieren."

Andere G-8-Staaten sind sich weniger sicher. Japan etwa, bisher das einzige asiatische Land in der G-8, will von einer Erweiterung wenig wissen. "Wenn man die Anführer von, sagen wir, 40 Staaten zwei Tage lang einlädt, würde das für jeden Einzelnen eine Einschränkung der Redegelegenheiten bedeuten."

Und dann gibt es noch einen weiteren, ebenfalls nicht in erster Linie ökonomischen Aspekt: den der Demokratie. Laut John Kirton, Direktor der G-8-Forschungsgruppe an der University of Toronto, gehörte es stets zu den Prinzipien der G-8-Gipfel, offen die Verbreitung der Demokratie zu betreiben. So habe die Organisation eine wichtige Rolle beim Wandel im Spanien der siebziger Jahre und in der Sowjetunion der neunziger Jahre gespielt. Unter diesem Gesichtspunkt erfülle China nicht die Voraussetzungen einer Mitgliedschaft.

Auch hält er die G8 nach wie vor für machtvoll. "Ich glaube nicht, dass die G8 zu wenig Mitglieder oder keine relevanten Fähigkeiten mehr hat", sagte Kirton. "Die Mitgliedschaft allein ist eine extrem große Sache."

mbe/Reuters/AP



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