Japans Politikaufsteiger Shinjiro Koizumi Land of the rising son

Sein Urgroßvater war Mitglied einer kriminellen Bande, der Vater Premierminister: Shinjiro Koizumi ist Japans neuer Politikstar - und wird als möglicher Nachfolger von Regierungschef Shinzo Abe gehandelt.

Shinjiro Koizumi wird in Tokio von Reportern umringt
Getty Images/ The Asahi Shimbun

Shinjiro Koizumi wird in Tokio von Reportern umringt

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Shinjiro Koizumi gehört zu den Jungen in einem Land, das unter Überalterung leidet. Doch der 38-Jährige kann sich darüber nicht freuen. Das zumindest sagte Japans neuer Politikstar der "Financial Times" vor wenigen Monaten: "Ich möchte alt werden."

Koizumi kann es offenbar nicht schnell genug gehen. Dabei könnte er sich schon bald echte Hoffnungen auf das Amt machen, auf das ihn sein Vater schon lange vorbereitet: Premierminister. Umfragen zufolge trauen ihm das immer mehr Japaner zu.

Koizumi ist zwar Abgeordneter, hat bislang aber weder ein Ministerium noch eine Fraktion geleitet. Er studierte an der US-amerikanischen Columbia Universität und arbeitete anschließend kurz beim Zentrum für internationale und strategische Studien (CSIS), ein Thinktank in Washington. In seinem heutigen Büro sollen Bilder von John F. Kennedy hängen, seinem Idol, das mit nur 43 Jahren zum Präsidenten der USA gewählt worden war. Wobei Koizumi mehr noch dem ehemaligen Premier Japans nacheifert: seinem Vater Junichiro Koizumi. Dieser war Regierungschef zwischen 2001 und 2006 und wurde wegen seiner Frisur auch der "Richard Gere der japanischen Politik" genannt.

Junichiro Koizumi bei einem Spiel der New York Yankees (Archivbild von 2004)
picture-alliance / dpa/dpaweb

Junichiro Koizumi bei einem Spiel der New York Yankees (Archivbild von 2004)

Die Familie Koizumi ist als Politdynastie bekannt, dem 38-jährigen Shinjiro Koizumi nützt diese Herkunft. Seinen Sitz im Abgeordnetenhaus übernahm er 2009 von seinem Vater als sich dieser aus der aktiven Politik zurückzog. Heute gilt der zweite Sohn des ehemaligen Premiers als potenzieller Nachfolger von Regierungschef Shinzo Abe, der wie Koizumi der Liberaldemokratischen Partei (LDP) angehört und voraussichtlich 2021 abtreten wird.

Schon Koizumis Großvater Matajiro Koizumi hatte den Weg seiner Familie vorgezeichnet. Er leitete zwischen 1929 und 1931 das Postministerium des Landes. Sein politisches Ziel, die Privatisierung der Post, konnte er zu Lebzeiten zwar nicht erreichen, sein Enkel Junichiro setzte es schließlich doch noch durch. Doch Matajiro Koizumi war nicht nur wegen seiner Politikkarriere berühmt: Er war zuvor Mitglied der Yakuza, einer berüchtigten japanischen kriminellen Vereinigung, dessen Mitglieder großflächige Tätowierungen tragen. Matajiro Koizumi bekam später deshalb den Spitznamen "tätowierter Minister".

"Japan kann sich ändern!"

Urenkel Shinjiro gibt sich heute deutlich angepasster. In einer Rede im Mai erzählte er, dass er als Schüler Profibaseballer werden wollte, der Lieblingssport seines Vaters. Der hatte ihm außerdem immer geraten, sich Japan von außerhalb anzuschauen und in den USA zu studieren. "Ich bin stolz auf das, was ich bin und woher ich komme", sagt Koizumi.

Die Zeit in den USA hat offenbar auch seine außenpolitische Linie geprägt. Die drei wichtigsten Ziele seiner Politik legte er im Mai dar:

  • Den Austausch mit dem Bündnispartner USA wolle er noch weiter intensivieren. Diese Allianz sei ein Schlüsselelement, damit Japan seine Rolle in der Weltordnung stärken könne. Hintergrund: Premier Abe hatte mit der Absage der US-Regierung an das Freihandelsabkommen TPP einen herben Rückschlag einstecken müssen.
  • Die Zusammenarbeit mit anderen Demokratien soll ausgebaut werden - allen voran mit Indien und Indonesien. Damit solle die japanische Regierung auf die veränderten Machtverhältnisse in der Region reagieren, die vor allem durch den Aufstieg Chinas gekennzeichnet ist.
  • Außerdem solle sich die japanische Regierung mehr bemühen, eine Lösung für das Problem der alternden Gesellschaft zu finden. "Wir sind nicht die einzigen, die sich fragen, wie sie damit umgehen sollen - aber Japan muss eine Antwort darauf geben", sagte Koizumi.

Seine wichtigste politische Botschaft lautet: "Japan kann sich ändern!". Auf Wahlkampfpostern ermutigt Koizumi Eltern, ihre Kinder zu seinen Veranstaltungen mitzunehmen. Das kann von älteren Japanern noch als unhöflich angesehen werden, da die Kinder schreien könnten.

Über eine Familienepisode spricht der Politnewcomer hingegen nicht: Die Scheidung seiner Eltern. Junichiro Koizumi hatte sich nach vier Jahren Ehe von seiner Frau Kayoko Miyamoto getrennt, die damals von ihm schwanger war. Geteiltes Sorgerecht war seinerzeit in Japan unüblich. So wurden dem Vater die beiden bereits geborenen Söhne zugesprochen, der dritte Sohn wuchs bei der Mutter auf. Seitdem gab es keinen Kontakt mehr zwischen den beiden Teilen der Familie, Shinjiro und sein älterer Bruder wuchsen hauptsächlich bei einer Tante auf und sahen ihre Mutter nie wieder, obwohl diese öffentlich darum gebeten hatte.

Der verstoßene Sohn von Junichiro Koizumi, Yoshinaga Miyamoto, hatte mit einem Interview an dieses dunkle Kapitel der Familie erinnert: Darin hatte er für seinen Vater, den ehemaligen Premier, trotz allem nur gute Worte übrig. Er sei eine Inspiration für ihn, sein Bestes zu geben. Bei einer Politikveranstaltung mit seinem Vater habe er sich einmal sogar in der Zuschauermenge aufgehalten, habe sich aber nicht getraut, seine Identität offenzulegen. Als Kind verfolgte er Wahlkampfauftritte seines Vaters vor dem Fernseher, erzählte seine Mutter der "Washington Post". Als Yoshinaga rief: "Komm schon Papa, das packst du!", habe sie nicht mehr aufhören können zu weinen.

Die Privilegien der Dynastie hat Yoshinaga Miyamoto nie genossen - anders als sein Bruder. Dieser wird wohl weiter versuchen, schwierige Themen zu umgehen. So hatte er es vor wenigen Tagen auch bei einem Termin in Fukushima gehalten: Die Atomkatastrophe von 2011 dort sprach er lieber gar nicht erst an.

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Seite 1
nelchen 20.07.2019
1.
Das politische Problem in Japan sind doch eigentlich genau Leute wie Koizumi. In Japan werden nur die Politiker, deren Väter und Großväter zuvor schon Politiker waren. So werden die gleichen politischen Ansichten und konservativen Herangehensweisen von einer Politikergeneration zur nächsten vererbt. Man sagte mir mal, dass den Japanern oft sogar erklärt werden würde, dass nur Sprösslinge aus Politikerfamilien auch das Potential hätten, Politiker zu werden.
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