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Juristischer Erfolg für Shiori Ito Das Wunder von Tokio

Eine Japanerin wirft einem Mann Vergewaltigung vor, fordert Schadensersatz - und bekommt recht, zumindest vorläufig. Das Urteil ist ein Meilenstein für die von Männern dominierte Gesellschaft.

Im Augenblick ihres Sieges schwelgte Shiori Ito, 30, nicht im Triumph. Die Journalistin, die mit ihrer Vergewaltigungsklage in Japan ein Tabu gebrochen hatte , kämpfte vor laufenden TV-Kameras mit den Tränen. Es ließ sich nur erahnen, welch seelische Leiden sie in den vergangenen vier Jahren ausgestanden haben muss. Bisweilen schien es, als könne sie ihren juristischen Sieg selbst noch nicht fassen.

Tatsächlich mutet das Urteil, das am Mittwoch in Tokio verkündet wurde, wie ein Wunder an: In dem Zivilverfahren sprach ein Gericht Ito 3,3 Millionen Yen (umgerechnet 27.000 Euro) Schadensersatz zu. Das war zwar nur ein Bruchteil der elf Millionen Yen, die sie gefordert hatte. Gleichwohl ist der Richterspruch eine Sensation für Japan. Denn zuvor war die Frau mit dem Bemühen gescheitert, den Fall in einem Strafverfahren vor Gericht zu bringen. Die Staatsanwaltschaft weigerte sich, überhaupt Anklage zu erheben.

Dass es nun zu der überraschenden Wende kam, hat Ito vor allem ihrem Mut zu verdanken: Als erste Japanerin wagte sie es, ihren mutmaßlichen Vergewaltiger öffentlich anzuprangern. Der Beschuldigte ist der prominente Fernsehjournalist Noriyuki Yamaguchi, ein mächtiger Gegner. Ihm werden enge Beziehungen zu Premier Shinzo Abe nachgesagt.

Noriyuki Yamaguchi: Enge Verbindungen zum Premierminister?

Noriyuki Yamaguchi: Enge Verbindungen zum Premierminister?

Foto: FRANCK ROBICHON/EPA-EFE/REX

Ito und Yamaguchi hatten sich im April 2015 in einem Restaurant in Tokio verabredet, um über berufliche Themen zu sprechen. Stunden später wachte die junge Frau benommen in einem Hotelzimmer auf; sie spürte Schmerzen im Unterleib, der Kollege lag nackt auf ihr. Ito sagt, Yamaguchi habe sie mit Drogen betäubt und dann vergewaltigt. Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe und verklagte Ito seinerseits wegen Ehrverletzung. Gegen das jüngste Urteil will er Berufung einlegen.

Eine Gesellschaft, geprägt von Scham und Tabus

Ganz gleich wie das Verfahren in letzter Instanz ausgeht: Schon jetzt hat Ito für Japan viel erreicht und Frauen Mut gemacht. Denn für Vergewaltigungsopfer war es in Japan bislang oft aussichtslos, recht zu bekommen. Nur vier Prozent der Betroffenen erstatten Anzeige bei der Polizei, wie aus einem Bericht der Regierung hervorgeht. Damit die Justiz Vergewaltigungen verfolgt, müssen Frauen nachweisen, dass sie mit Gewalt bedroht oder eingeschüchtert wurden oder nicht in der Lage waren, sich zu wehren.

Jenseits der juristischen Schwierigkeiten gibt es noch eine andere Hürde für betroffene Frauen: Sie müssen sich in einer traditionellen Gesellschaft rechtfertigen, die nach wie vor von Männern dominiert ist. Diese Gesellschaft ist von Scham und Tabus geprägt und legt hohen Wert auf Harmonie. Frauen wie Männer werden von klein auf zur Anpassung erzogen. Für Opfer von Vergewaltigungen heißt dies meist, dass sie sich still und heimlich in ihr Leid zu fügen haben.

Wer sich aber wie Ito öffentlich auflehnt, erlebt Repressalien: Vor Anfeindungen und Hasstiraden floh die Klägerin zwischenzeitlich nach Großbritannien. Dass sie weiterkämpfte und nun zumindest einen juristischen Etappensieg errang, dürfte auch daran liegen, dass internationale Medien ungewöhnlich intensiv über ihren Fall berichteten. In japanischen Redaktionen geben dagegen überwiegend Männer den Ton an, Frauen werden oft in die Rolle nickender Statistinnen gedrängt.

Da verwundert es nicht, dass sich gerade diese Branche schwertut, sexuelle Gewalt zu thematisieren. Als im vergangenen Jahr beispielsweise eine TV-Journalistin den damaligen Vizefinanzminister anhand einer Tonbandaufnahme der sexuellen Belästigung beschuldigte, zog sie es vor, anonym zu bleiben. Der Mann wies die Vorwürfe zurück. Und als er zurücktrat, geschah dies nicht aus Reue, sondern wegen der Unannehmlichkeiten, die er seinem Ministerium zugefügt hatte.

Von einer #MeToo-Bewegung, wie sie in westlichen Ländern aufkam, ist Japan um Jahre entfernt. Im globalen Ranking zur Gleichheit der Geschlechter - Anfang dieser Woche vom Weltwirtschaftsforum veröffentlicht - rutschte das Land auf Platz 121 ab, hinter Angola, Benin und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zum Vergleich: Deutschland belegt Platz zehn. (Mehr zum Thema Geschlechtergerechtigkeit lesen Sie hier.)

Der konservative Premier propagiert "eine Gesellschaft, in der Frauen leuchten"

Bedrückender als abstrakte Zahlen ist für viele Japanerinnen indes die konkrete alltägliche Diskriminierung. Um Pendlerinnen in der Rushhour vor Grapschereien zu schützen, reservieren S- und U-Bahnen in Tokio spezielle Waggons nur für Frauen. Unlängst kam heraus, dass Hochschulen viele Frauen bei Aufnahmeprüfungen jahrelang durchfallen ließen, selbst wenn sie gleiche oder bessere Leistungen als Männer erbrachten. Als inoffizielle Begründung hieß es oft, die Studentinnen würden später ohnehin heiraten.

Eine derartige Benachteiligung von Frauen kann sich Japan auf Dauer aber nicht leisten. Kaum eine führende Industrienation altert so schnell. Prognosen zufolge dürfte die 125-Millionen-Nation bis 2060 ein Drittel ihrer Einwohner verlieren. Und hier liegt die Hoffnung für Japans Frauen - so zynisch das klingt. Um den Personalmangel zu lindern, bleibt Japan nichts anderes übrig, als Frauen aus ihrem Schattendasein zu befreien. Ausgerechnet der konservative Premier Abe propagiert "eine Gesellschaft, in der Frauen leuchten".

Tatsächlich steigt die Zahl arbeitender Japanerinnen. Doch über die Hälfte von ihnen jobbt in Teilzeit oder in sogenannter unregulärer Beschäftigung, ohne festen Arbeitsvertrag. Der Anteil dieser schlecht bezahlten Tätigkeiten ist bei Frauen mehr als doppelt so hoch wie bei männlichen Arbeitnehmern.

Gleichwohl bewegt sich etwas in Japan. In einigen Städten demonstrierten in diesem Jahr Frauen gegen diskriminierende Vorschriften am Arbeitsplatz, etwa, dass ihre Bosse sie zum Tragen hochhackiger Schuhe zwingen. Auch gegen Brillenverbote für Frauen in Unternehmen regte sich Widerstand. Und nach zähen Protesten rangen sich Abes regierende Liberaldemokraten dazu durch, Steuererleichterungen für alleinerziehende Mütter zu prüfen. Unter Verweis auf die Tradition hatten sie lange darauf beharrt, nur Familien solche Erleichterungen zu gewähren.

Das von Shiori Ito erstrittene Urteil fügt sich in diesen Trend. Es ist ein Hoffnungszeichen - aber auch nicht mehr. "Damit ist die Sache nicht zu Ende", sagte die Klägerin. Vor den japanischen Frauen liegt noch ein zäher Kampf.