Frauenrechte und #MeToo "In Japan sagt man: Schweigen bedeutet Schönheit"

Fast drei Viertel aller Frauen in Japan wurden schon einmal sexuell belästigt. Doch die Täter müssen selten mit Konsequenzen rechnen. Drei Frauen berichten, wie sie sich zur Wehr setzen.
"Women only": Die Metro in Tokio bietet zu den Stoßzeiten einen Waggon nur für Frauen an

"Women only": Die Metro in Tokio bietet zu den Stoßzeiten einen Waggon nur für Frauen an

Foto: Yuriko Nakao/ REUTERS

Japan gilt als fortschrittliche Nation, seine Bürger als respektvoll, höflich und regeltreu. Doch das Land hat eine dunkle Seite: Mehr als 70 Prozent der Japanerinnen wurden mindestens einmal in ihrem Leben sexuell belästigt. Das Problem ist so groß, dass die Metro in Tokio zu Stoßzeiten einen Waggon nur für Frauen anbietet, um sie vor Übergriffen zu schützen.

Nur selten werden die Täter belangt: Weil die Hürden für einen Strafprozess in Japan hoch sind, landen die wenigsten Fälle vor Gericht. Opfer, die ihre Geschichte öffentlich machen, müssen mit Hass rechnen.

Die Journalistin Shiori Ito versuchte 2015 vergeblich, ihren mutmaßlichen Vergewaltiger zur Rechenschaft zu ziehen. Ito klagte privat gegen den Mann - und wurde so stark angefeindet, dass sie schließlich das Land verlassen musste. (Lesen Sie hier  Shiori Itos Geschichte.)

Drei Japanerinnen erzählen, warum ihre Kultur Frauen benachteiligt - und wie sie versuchen, das zu ändern.

Minori Kitahara, 48 Jahre, Besitzerin eines Sex-Shops für Frauen

Minori Kitahara: "Kleine Schritte, aber es tut sich etwas"

Minori Kitahara: "Kleine Schritte, aber es tut sich etwas"

Foto: privat

"Als ich zehn Jahre alt war, fuhr ich mit meinem Vater in einem Aufzug. Hinter mir stand ein Mann. Als sich die Tür schloss, begann der Fremde, mich von hinten zu berühren. Ich habe nichts gesagt. Ich wollte meinem Vater nicht den Tag verderben.

So werden Mädchen in Japan erzogen: Wir sollen freundlich sein und lieb. Männern wird dagegen beigebracht, dass sie über den Frauen stehen. Diese Diskriminierung hat System. An der medizinischen Hochschule in Tokio wurden zum Beispiel jahrelang Zulassungstests gefälscht, damit dort weniger Frauen studieren.

Ich hatte Glück, dass ich ein Vorbild hatte: Meine Großmutter war eine starke Frau und hat ein eigenes Hotel geführt. Alle im Laden hatten Respekt vor ihr. Je älter ich wurde, desto mehr wollte ich so sein wie sie.

1996 gründete ich meine erste Firma: eine Agentur, die Websites programmierte. Mindestens die Hälfte unserer Aufträge waren damals Pornoseiten. Dabei stieß ich zufällig auf einen feministischen Sexshop in den USA. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Sexualität ist in Japan sehr männlich geprägt: Die Läden sind voller Dinge, die in anderen Ländern verboten sind. Einige Toys erinnern zum Beispiel an die Genitalien von Kindern. Ich wollte etwas anderes schaffen, einen Raum, in dem Frauen sich wohlfühlen.

Seit einigen Jahren betreibe ich in Tokio einen Sexshop für Frauen. Dort gibt es nicht nur Spielzeug, sondern es finden auch Vorträge statt. Zum Beispiel darüber, wie man sich als Frau im Beruf durchsetzt.

Belästigung ist in Japan ein großes Problem - aber es wird nicht darüber gesprochen. Viele trauen sich nicht, den Hashtag #MeToo zu benutzen. Deshalb habe ich im Frühjahr zu einer Demonstration aufgerufen. Es kamen mehrere Hundert Frauen. Seitdem findet die 'Blumen-Demonstration' - sie heißt so, weil jede Frau eine Blume trägt - jeden Monat statt. Wir werden immer mehr. Es sind kleine Schritte, aber es tut sich etwas."

Rika Shiiki, 21 Jahre, Marketing-Unternehmerin

Rika Shiiki: "Beruflich hat es mir geschadet, dass ich öffentlich gemacht habe, was mir passiert ist"

Rika Shiiki: "Beruflich hat es mir geschadet, dass ich öffentlich gemacht habe, was mir passiert ist"

Foto: privat

"Vor zwei Jahren war ich mit einem Kunden zum Essen verabredet. Er ging an die Bar, um für mich zu bestellen. Ich war damals noch nicht alt genug, um Alkohol trinken zu dürfen, und bat ihn deshalb, mir einen Saft mitzubringen.

Das Getränk, das er mir gab, schmeckte merkwürdig. Etwa eine halbe Stunde später begann sich plötzlich alles zu drehen. Die Umgebung verschwamm vor meinen Augen.

Ich habe Angst bekommen. Ich wollte den Termin abbrechen und nach Hause fahren. Aber mein Kunde sagte immer wieder: Bleib doch noch. Warum willst du schon los?

Ich habe mir trotzdem ein Taxi genommen. Später habe ich meine Symptome gegoogelt und bin auf etwas gestoßen, das online Vergewaltigungsdroge genannt wird. Ich glaube, der Mann hatte mir etwas ins Getränk gekippt, um mich benommen zu machen.

Ich habe auf Twitter über meine Erfahrung geschrieben. Es war mir wichtig, andere Frauen zu warnen. Die Reaktionen waren furchtbar. Ich habe mir Unterstützung erhofft, stattdessen bekam ich Tausende Hasskommentare. Man warf mir vor, ich würde lügen. Noch heute bekomme ich solche Nachrichten.

In Japan sagt man: Schweigen bedeutet Schönheit. Die Männer hier lieben einen bestimmten Typ Frau: leise, freundlich, keine Unabhängigkeit. So soll es bleiben.

Viele Frauen benehmen sich auch genauso, wie die Männer es von ihnen erwarten. Wir haben keine Sisterhood-Kultur, wir unterstützen einander nicht. Ich war enttäuscht und schockiert, dass so wenige Frauen für mich eingestanden sind.

Ich werde heute seltener zu Gesprächen mit Klienten eingeladen. Größere Firmen halten Abstand. Beruflich hat es mir geschadet, dass ich öffentlich gemacht habe, was mir passiert ist.

Aber zumindest gibt es inzwischen eine Debatte über sexuelle Übergriffe. Männer lernen, dass es nicht in Ordnung ist, eine Frau zu belästigen. Das sollte normal sein. Aber in Japan ist es das nicht."

Kanoko Kamata, 41 Jahre, Aktivistin

Kanoko Kamata: "Wir können nicht mehr länger warten"

Kanoko Kamata: "Wir können nicht mehr länger warten"

Foto: privat

"Ich bin unverheiratet und kinderlos. Stattdessen habe ich einen Job. Das ist ungewöhnlich in Japan. Viele Frauen hier träumen davon, früh zu heiraten und ihr eigenes Leben aufzugeben. Sie haben es nicht anders gelernt: Japanerinnen machen es seit Generationen so.

Wer in Japan arbeitet, ist praktisch ein Sklave seiner Firma. Man muss 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr zur Verfügung stehen. Viele Frauen wollen das nicht und werden deshalb lieber Hausfrau. Das ist einerseits verständlich. Andererseits führt es dazu, dass es nur sehr wenige weibliche Führungskräfte gibt.

Diese Hierarchie begünstigt Übergriffe. Hinzu kommt das japanische Frauenbild: Es gilt als unsere Aufgabe, Menschen glücklich zu machen und nicht durch Negatives zu belasten. Selbst in der Arbeitswelt gibt es diese Erwartungshaltung. Ich kenne brillante Frauen, die im Job versuchen, nie aggressiv zu wirken, damit sich ja kein Mann unwohl fühlt. Genauso reagieren sie auch auf Übergriffe: weglächeln, aushalten.

Früher dachte ich auch so. Ich habe Chemie studiert und anschließend im Importgeschäft gearbeitet. Mit Anfang 30 entschied ich mich, nach Harvard zu gehen und einen Politik-Master zu machen. Ich dachte damals: Das ist die letzte Chance, bevor ich heiraten und Kinder bekommen werde. Dann sah ich, dass meine amerikanischen Kommilitoninnen studierten, obwohl sie verheiratet waren und Kinder hatten. Das hat mir die Augen geöffnet.

Heute leite ich Workshops, in denen ich mit Frauen übe, sich zu wehren. Dabei müssen sie einen Tisch umwerfen. Ich will sie ermutigen, selbstbewusst zu sein, ihnen zeigen, dass es in Ordnung ist, auch mal wütend zu werden. Nur wer sich das traut, steht auch für seine Rechte ein. Japan muss sich ändern. Wir können nicht mehr länger warten."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft