SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. November 2004, 12:18 Uhr

Jassir Arafat

Der Traum ist aus

Von Henryk M. Broder

Um Jassir Arafat ranken sich Mythen und Legenden - sein Tod war so widersprüchlich wie sein ganzes Leben. Fast vier Jahrzehnte stand er an der Spitze seines Volkes, das ihm viel zu lange blind vertraute. Wer führt die Palästinenser nun aus der Irre?

Arafat: Wie der Todeskampf so war auch sein Leben
AFP

Arafat: Wie der Todeskampf so war auch sein Leben

Berlin - Arafat ist tot. Aber hundertprozentig sicher ist das nicht. Vielleicht gehört auch diese Meldung zum Programm der Desinformation, das wir in den letzten Tagen erlebt haben. Arafat ist hirntot. Er ist nicht hirntot. Arafat ist im Koma. Er ist aus dem Koma aufgewacht und hat mit seinen Ärzten kommuniziert. Arafat ist in ein noch viel tieferes Koma gefallen. Die lebenswichtigen Organe funktionieren. Außer den Apparaten, an denen er hängt, funktioniert nichts mehr.

Arafats Todeskampf war so wie sein ganzes Leben. Voller Widersprüche, Unklarheiten, Zweideutigkeiten. Sich nicht festzulegen, klare Aussagen zu vermeiden, das war seine Spezialität, das Geheimnis seiner "Longevity". Bei seinem ersten großen Auftritt vor der UNO im November 1974 winkte er mit dem Ölzweig und trug einen Revolver am Gürtel. Er verurteilte den Terror seiner eigenen Jugend-Brigaden, ließ sie aber gewähren. Die Interviews und die Erklärungen, die er auf Englisch gab, klangen ganz anders als die Ansprachen und Appelle, die er in Arabisch hielt.

Kein anderer Politiker ist so oft vom Papst empfangen und gesegnet worden wie Arafat - während seine Märtyrer sich in israelischen Bussen in die Luft sprengten. Er regierte, sowohl als PLO-Chef wie auch als "Präsident" der Autonomie-Behörde, ohne ein Mandat, die letzten Wahlen zum PLO-Council fanden vor über 20 Jahren statt und auch seine Zeit als gewählter Präsident der Autonomie-Behörde war abgelaufen. Die zweite Intifada, deren Führung er schnell übernahm, war auch ein Mittel, Wahlen zu vermeiden. Dabei sprach er immer von der "Demokratie", die er etablieren wollte. Arafats Reich war ein Privatbetrieb, er war einer der letzten großen Alleinherrscher, nach seinem Tod bleiben nur noch Muammar Gaddafi, Fidel Castro und Kim Jong Il übrig.

Und er war, gleich nach der israelischen Besatzung, das größte Unglück, das den Palästinensern passieren konnte. Arafat war weder ein Taktiker, noch ein Stratege, er hat jede Situation falsch eingeschätzt: Den 6-Tage-Krieg 1967, den Jom-Kippur-Krieg 1973, die Friedensabkommen zwischen Israel, Ägypten und Jordanien, den ersten Golfkrieg, bei dem er sich mit Saddam solidarisierte, sogar die Konsequenzen des Oslo-Abkommens, für das er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seine größte Leistung bestand darin, trotz aller Fehler und Fehleinschätzungen an der Macht zu bleiben. Er schaffte es, nicht weil er so genial, sondern weil er skrupellos und weil ihm nichts peinlich war.

Wut und Verzweiflung: Arafat im Juni 2002 vor den Trümmern seines von den Israelis zerstörten Amtssitzes in Ramallah
AFP

Wut und Verzweiflung: Arafat im Juni 2002 vor den Trümmern seines von den Israelis zerstörten Amtssitzes in Ramallah

Unvergessen sein Auftritt bei der Unterzeichnung des Oslo-2-Abkommens in Kairo im September 1995. Während die Festreden schon gehalten wurden, stand er auf der Bühne und weigerte sich im letzten Moment, die Papiere zu unterzeichnen, bis Ägyptens Präsident Mubarak an ihn herantrat und ihm befahl: "Unterschreib endlich, du Hund!", denn Mubarak war der Gastgeber der Feier und wäre für immer und ewig blamiert gewesen, wenn sie wegen Arafat geplatzt wäre. Arafat konnte seinen Amtssitz in Ramallah nicht mal verlassen, aber er spielte Herr über Leben und Tod, indem er Urteile gegen "Verräter" und "Kollaborateure" unterschrieb, die von Schnellgerichten zum Tode verurteilt worden waren. Die Verurteilten wurden dann öffentlich exekutiert, sehr zum Vergnügen der zahlreichen Zuschauer.

Irgendwann, wenn die Palästinenser endlich ihre eigenen Staat haben und nicht mehr gegen die Besatzung kämpfen müssen, werden sie in der Lage sein, Bilanz zu ziehen - wie die Russen nach dem Tode Stalins und die Spanier nach dem Tode Francos. Und sie werden feststellen, dass ihr geliebter Führer alles getan hat, um ihr Schicksal zu zementieren, dass er für nicht weniger palästinensische Opfer verantwortlich ist als die israelischen Besatzer, dass er nicht nur die Israelis, sondern auch sein Volk terrorisiert hat. Um etwa vier Millionen Palästinenser zu kontrollieren, hat er 12 verschiedene Geheimdienste etabliert, die nur seinem Kommando unterstanden und die auch von den finanziellen EU-Subventionen mitgetragen wurden, während das palästinensische Volk vom warmen Brüsseler Geldregen nicht viel hatte.

Nirgendwo in der Welt gibt es mehr Agenten bezogen auf die Zahl der Einwohner. Arafat investierte nicht in Wirtschaft, Erziehung und Gesundheit - das überließ er Hilfsorganisationen - er investierte in seine eigene Sicherheit. Auch als bekannt wurde, dass er im Laufe der Jahre bis zu 900 Millionen Dollar aus dem Haushalt der Autonomie-Behörde auf eigene Konten umgeleitet hatte, dass er seine in Paris lebende Frau mit 100.000 Dollar monatlich subventionierte, schaffte er es, seine Kritiker mit ein paar symbolischen Zugeständnissen und Versprechen schnell zu beruhigen. Die Palästinenser reagierten wie Kinder, die gegen den autoritären Vater rebellieren, wenn er ihnen das Rauchen verbietet, gleichzeitig aber seine starke Hand nicht missen wollen.

Sie glaubten, dass Arafat sie zurück in ihre Häuser nach Akko, Ramle und Ashdot führen wird, nur eines konnten sie sich nicht vorstellen: dass er eines Tages sterben und sie allein lassen würde. Aber die Zeit arbeitet nicht für, sondern gegen die Palästinenser, obwohl Israel der Buhmann der ganzen Welt ist. Um einen Aufstand zu inszenieren, braucht man ein paar Märtyrer und ein paar selbst gebastelte Raketen. Um einen Staat führen zu können, muss man zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterscheiden können. Und genau das hat Arafat mit seinem revolutionären Gehabe verhindert. Er hat die Palästinenser in die Irre geführt, die Grundlage seiner Macht waren Gewalt, Korruption und - Illusion.

Erstaunlich dabei ist, dass noch niemand - nicht einmal die Giganten unter den Verschwörungstheoretikern - auf die Idee gekommen ist, dass Arafat ein Agent der Israelis gewesen sein könnte. Es waren die Israelis, die Arafat 1993 aus dem Exil in Tunis holten und ihm die Legitimation als Verhandlungspartner verliehen. Eine Weile hatte er nicht nur israelische Berater, er hatte auch israelische Security-Leute, die ihn vor Gefahren aus den eigenen Reihen schützten. Dann freilich machte sich Arafat selbständig, indem er sich verweigerte. Aber auch so war er genau das, was die nationalistische israelische Rechte brauchte, um ihre irrsinnige Politik weiter führen zu können. Gelegentliche Drohungen Arafat auszuweisen oder umzubringen, waren seinem Ansehen nur förderlich. Es gab eine informelle und unheimliche aber sehr effektive Kooperation zwischen Arafat auf der einen und den nationalistischen Israelis auf der anderen Seite. Alles, war er tat, bestärkte sie in der Überzeugung, dass es keinen Sinn hat, mit den Palästinensern zu reden, alles, was sie taten, diente Arafat als Alibi, dass Gewalt ein legitimes Mittel im Umgang mit den Israelis ist. Und jetzt sind nicht nur die Palästinenser ratlos, die israelische Regierung ist es auch. Ihr ist ein guter, alter Verbündeter abhanden gekommen. Möge er in Frieden ruhen und mögen die Israelis und die Palästinenser endlich einen Weg aus dem Reich der Träume in die Welt der Wirklichkeit finden.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung