Jean-Claude Duvalier Haitis Ex-Diktator spielt sich als Wohltäter auf

Er hat Haiti um zig Millionen Dollar betrogen. Nun gibt "Baby Doc" Duvalier im Pariser Exil die Rolle des Retters. Der Ex-Diktator will dem Land einen Teil des Geldes spenden, das er ihm einst geklaut hat. Aber er hat gar keinen Zugriff mehr darauf: Der einstige Lebemann wohnt in einem Armenviertel.

Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier: Erst Luxus-Resident, dann Ex-Diktator ohne festen Wohnsitz
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Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier: Erst Luxus-Resident, dann Ex-Diktator ohne festen Wohnsitz

Von , Paris


30 Jahre lang hat der Duvalier-Clan Haiti geschröpft. Erst "Papa Doc", dann "Baby Doc". Als der Sohn, Jean-Claude Duvalier, 1986 ins Exil flüchtete, hat er ein gigantisches Vermögen auf die Seite gebracht: 120 Millionen Dollar - manche Schätzungen gehen sogar davon aus, dass der Liebhaber schneller Autos 800-900 Millionen Dollar auf Schweizer Banken gebunkert hätte.

Und nun will sich der einstige Tyrann als generöser elder statesman präsentieren. Fünf Millionen Dollar wolle er seinem geschundenen Volk spenden, sagte Duvalier französischen Zeitungen zufolge. Dabei gehört ihm längst nichts mehr. Seine Millionen sind zum Teil verpulvert, zum Teil auf Schweizer Konten eingefroren.

Der 58-Jährige hat ein Leben wie aus dem Bilderbuch eines Mafioso geführt: Als sein Vater, Haitis berüchtigter Diktator "Papa Doc" Duvalier im April 1971 stirbt, übernimmt der einzige Sprössling die vorbestimmte Nachfolge. Und weil Jean-Claude mit gerade mal 19 Jahren noch nicht das rechtlich vorgeschriebene Alter erreicht hat, wird rasch die Verfassung korrigiert. "Baby Doc", der damals jüngste Staatschef der Welt, setzt auf Entspannung und demokratische Gesten. Doch schon Ende der siebziger Jahre ist die "politische Revolution" zu Ende, der Junior kehrt zu den Brachialmethoden seines Vaters zurück - Knebelung der Presse, drakonische Verfolgung der Opposition, politischer Mord.

Angesichts eines wahren Volksaufstandes und verlassen von seinen internationalen Freunden, setzt er sich im Februar 1986 an Bord eines US-Militärjets ins Ausland ab. Mit seiner Frau und den zwei Kindern findet er in Frankreich Zuflucht. Ohne Asyl, aber mit viel Geld.

Konten besaß "Baby Doc" in der Schweiz, in Steueroasen wie Luxemburg, den britischen Inseln sowie in den USA. Daneben war das Privatvermögen der Duvaliers in exklusiven Immobilien angelegt: Ein Appartement an der Pariser Nobelmeile Avenue Foch, Wohnungen in Neuilly und dem vornehmen 16. Arrondissement der französischen Hauptstadt, eine Wohnung im New Yorker Trump-Tower wie an der Fifth Avenue und eine Luxus-Yacht in Miami.

Auch in Frankreich schätzen die Flüchtlinge, die keine Aufenthaltsgenehmigung besitzen, einen gepflegten Lebensstil: Erst angewiesen, im Departement Alpes-Maritimes seinen Wohnsitz zu wählen, sucht "Baby Doc" sich bald einen Landsitz bei Saint Vallier-de-Thiey, einer idyllischen Gemeinde unweit der Riviera. Hier bewohnt die Familie eine Zehn-Zimmer Villa mit Tennisplatz und Swimmingpool, bevor Duvalier Junior im Promi-Ort Mougins in der Villa Mohamedia standesgemäß Unterschlupf findet - sie gehört dem Saudi-Milliardär Adnan Kaschoggi.

Mit den Superreichen am Mittelmeer

An der Mittelmeerküste fällt das Paar mit seinen Sausen selbst unter den Reichen und Superreichen auf, doch bald wird Gattin Michelle von Langeweile geplagt. Zwei Mal die Woche ihrem Mann die Finger zu maniküren ("Er hat so schöne Hände")genügt bald nicht mehr. Und 1992, nach der Scheidung, die einen saftigen Anteil des Vermögens beansprucht, gerät der Lebemann in finanzielle Schwierigkeiten. Frankreich beschlagnahmt 120 Millionen Dollar, selbst vom Schloss von Théméricourt im Val d'Oise muss sich der Ex-Präsident trennen.

Duvalier entlässt sein Personal, prellt Restaurant-Rechnungen und kann nicht einmal mehr seine Miete zahlen. Im November 1995 wohnt er im "Eden Bleu", einem bescheidenen 2-Sterne-Hotel in Mougins, von wo er angeblich verschwindet, ohne die Rechnung zu bezahlen. Schließlich kommt er bei seinem Sohn unter, seinerzeit Student in Paris. Im Februar 2009 ein neuer Schlag: Nach langem Rechtsstreit überweist die Schweiz von Duvaliers Konten 7,6 Millionen Franken an die Regierung von Haiti.

Ein halbes Jahr später bestätigt das Bundesstrafgericht den Entscheid. Die Begründung: Duvalier und seine damalige Regierung müssten auch nach Schweizer Recht als kriminelle Organisation bewertet werden. Sie hätten unter Ausnutzung ihrer Macht in einem Klima des Schreckens systematisch die Staatskasse geplündert. Eine liechtensteinische Stiftung der Familie hat dieses Urteil jedoch angefochten - und aus diesem Topf wollte Duvalier nun fünf Millionen Euro an die Erdbebenopfer zahlen. Doch dass Duvalier jemals wieder an dieses Geld herankommt, gilt als unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass es direkt nach Haiti zurückfließt.

Der heute 58-jährige Duvalier, der in TV-Botschaften an seine "geliebten Landsleute" noch immer so agiert, als habe er eine politische Zukunft, soll nach Angaben des französischen Fernsehens mittlerweile eine kleine Bleibe im Pariser Osten bewohnen - unweit der "Porte de Bagnolet", dem traditionellen Arbeiterviertel der schwarzen Immigranten im 20. Arrondissement. Ein Ex-Diktator ohne Papiere.

insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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