Juncker auf Malta Brexit? Die EU-Bürger haben andere Sorgen

Jean-Claude Junckers erster Auftritt nach dem Brexit-Brief ist eine Bürgersprechstunde auf Malta. Die Menschen nehmen den Abschied der Briten gelassen zur Kenntnis - lieber formulieren sie ihre Wünsche an die EU.

Jean-Claude Juncker auf Malta
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Jean-Claude Juncker auf Malta

Aus Valletta berichtet


Sein erster Termin, seit der Brexit amtlich ist, führt Jean-Claude Juncker ausgerechnet in ein Museum, in dem es viele Ruinen zu sehen gibt. Der EU-Kommissionschef trifft sich mit Bürgern im Archäologischen Museum von Malta, einem etwas heruntergekommenen Barock-Palast im Herzen Vallettas. "The Future of Europe" steht in großen Lettern auf einer Leinwand neben seinem Sessel, das Museum allerdings widmet sich auf mehreren Etagen der Vergangenheit der Mittelmeerinsel, Werkzeuge aus prähistorischer Zeit sind eine Spezialität des Hauses.

Es ist ein historischer Tag, die Briten packen ihre Koffer, und Juncker sagt, nachdem er gut eine Stunde lang Fragen von Alt und Jung beantwortet hat: "Ich fühle mich gut, wir sprechen über die europäische Zukunft an diesem Abend, darüber, dass Europa der beste Platz der Welt ist."

Ausgerechnet in einem Museum mit Artefakten aus der Urzeit beschwört der EU-Kommissionspräsident die Zukunft, doch Juncker kann sich von den Fragern bestätigt fühlen. Natürlich, der Brexit, der Austritt Großbritanniens aus der EU, schwingt überall mit an diesem Abend. Doch die Bürger auf Malta haben ihre eigenen Sorgen - und die drehen sich längst nicht nur um den Abschied der Briten.

Kummerkasten EU

"Viele junge Leute haben das Gefühl, Europa bietet ihnen nichts", sagt ein junger Mann. "Was sagen Sie ihnen?"

Wie es sein könne, dass so wenige junge Frauen in den höheren Reihen der EU Dienst tun, empört sich eine Studentin wenig später.

Es geht um zu niedrige Pensionen und Bildungsprobleme, um die Frage, was Europa für die Flüchtlinge in Afrika tun kann, manches Mal scheint es, als wäre die EU trotz aller Rückschläge weiterhin ein Briefkasten, in dem jeder seine Wünsche einwerfen muss, eine Zauberkiste, die die Wünsche ihrer Bürger Wirklichkeit werden lässt, Brexit hin oder her.

Früh kommt das Gespräch auf die Migranten, natürlich, hier in Malta, mitten im Mittelmeer haben sie Angst vor hohen Zahlen Schutzbedürftiger, wie man sie aus Griechenland und Italien kennt. "Skandalös" sei es, dass es noch immer EU-Mitglieder gebe, die sich nicht an den Umsiedlungsprogrammen ("Relocation") der EU beteiligen, sagt Juncker. "Das ist ein europäisches Problem."

Der Nächste fragt zu Afrika, wie man den Menschen helfen kann, in ihrer Heimat zu bleiben. Und Juncker, das muss man ihm lassen, versucht gar nicht, die Versäumnisse der Europäer im Umgang mit ihrem Nachbarkontinent schönzureden. "Wenn es um Afrika geht, sind wir schuldig. Wir sind der reichste Kontinent der Welt, und wir machen in Afrika nicht das, was wir müssten."

Ein Europa, das sie vor den Zumutungen der Globalisierung schützt, so hätten es die Menschen an diesem Abend gern. Zurück in die Vergangenheit, immerhin: Der Ort passt. Juncker spricht in einem herrschaftlichen Saal im Archäologiemuseum, die Europafahne steht neben dem Malteserkreuz, abgetretene Holzböden, bröckelnder Stuck, eine Kastendecke mit Kratzern, helle Scheinwerfer leuchten die Halle mit morbidem Charme aus.

Europas Konservative planen Brexit-Strategie

Juncker ist auf Malta, weil hier die Europäische Volkspartei tagt, zu der auch CDU und CSU gehören. Am Donnerstagvormittag wird Kanzlerin Angela Merkel erwartet. Merkel wird kurz sprechen, später ziehen sich die konservativen Staats- und Regierungschefs zur Klausur zurück, es geht darum, Einheit zu bewahren, da die Brexit-Verhandlungen tatsächlich starten.

Eine Studentin fragt, ob es eine Möglichkeit gebe, dass die Briten, die gegen den Brexit waren, nach dem Ausscheiden Großbritanniens irgendwie ihre Bürgerrechte in der EU behalten könnten. Im EU-Parlament wird eine entsprechende Idee diskutiert, doch Juncker schüttelt den Kopf. Die EU habe in der Frage der Bürgerrechte immer einen fairen Deal angestrebt, sagt er. "Das Problem ist nur, dass es den Menschen, als sie beim Referendum abstimmten, egal war."

Wie gut, dass es einen gemeinsamen Feind gibt: Donald Trump, den neuen amerikanischen Präsidenten. Eine der Fragen an Juncker hat die Klimapolitik zum Thema, und der Kommissionschef lässt es an deutlichen Worten nicht fehlen. "Präsident Trump zieht sich zurück. Ich denke, das ist eine Katastrophe, nicht nur für die USA, das führt zu globalem Desaster", sagt der Kommissionschef. "Wir werden die Anwälte für das Pariser Abkommen sein."

Ein junger Mann meldet sich, er lobt die Arbeit von - ja: Großeltern. Der Fragesteller fordert einen Ehrentag für Großeltern, noch so eine europäische Sozialverheißung, Juncker schüttelt etwas belustigt den Kopf. Er hat jetzt keinen Sinn für so was, er sagt: "Ich habe den Brexit."



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