Klimaschutzpolitik Juncker warnt vor Vertreibung der Industrie aus Europa

Die EU setzt sich ehrgeizige Ziele beim Klimaschutz. Im SPIEGEL-Gespräch mahnt der scheidende Kommissionschef Juncker, das dürfe nicht zu Lasten der klassischen Industrie in Europa gehen.

Jean-Claude Juncker: "Ich mag sehr, dass junge Menschen sich engagieren, ich bin aber nicht naiv"
Vincent Kessler/REUTERS

Jean-Claude Juncker: "Ich mag sehr, dass junge Menschen sich engagieren, ich bin aber nicht naiv"


Jean-Claude Juncker warnt die EU-Mitglieder, bei ihrem Einsatz für den Klimaschutz die Belange der Industrie nicht zu vergessen. "Klassische Industrie muss in Europa auch künftig ein Zuhause haben", sagt der scheidende Chef der EU-Kommission dem SPIEGEL. "Ich mag sehr, dass junge Menschen sich engagieren, ich bin aber nicht naiv: Vieles von dem, was da sentimental vorgetragen wird, ist in der Realität gar nicht so einfach zu erreichen."

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Heft 45/2019
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Mit der klimapolitischen Bilanz seiner eigenen Kommission sei er zufrieden, sagt Juncker. "Ich neige wirklich nicht zur Selbstzufriedenheit, aber wir haben als EU massiv dazu beigetragen, dass das Pariser Klimaabkommen zustande gekommen ist." Man habe Zwischenziele für das Jahr 2030 festgelegt und strebe Klimaneutralität bis 2050 an. "Aber ich sage auch: Wer nun so tut, als erforderte all das keine besonderen Anstrengungen, nur weil es jetzt bei jungen Menschen eine Bewegung in diese Richtung gibt, der irrt sich gewaltig", sagt Juncker.

Im Gespräch mit dem SPIEGEL bedauert Juncker, dass er 2016 vor dem Brexit-Referendum nicht selbst eingegriffen habe. "Ich hatte viele Einladungen, aber Cameron hat deutlich gemacht, dass er mich nicht gebrauchen könne. Die EU-Kommission sei in Großbritannien noch unbeliebter als auf dem Kontinent", sagt Juncker über den damaligen britischen Premierminister David Cameron. "Ich habe daraufhin beschlossen, mich nicht einzubringen. Heute halte ich das für einen großen Fehler. Es wurden so viele Lügen erzählt - auch vom jetzigen Premierminister Boris Johnson - dass es eine Gegenstimme gebraucht hätte."

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mp/mbe/sby



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
rolforolfo 01.11.2019
1. Herr Juncker
Ihre Kommission hat sich dafür eingesetzt, dass CO2-Grenzwerte und allgemein Luftgrenzwerte derart gestaltet sind, dass Autobauer demnächst keine Autos mehr mit Verbrennungsmotoren verkaufen können, bzw. dass diese PKWs unverhältnismäßig teuer werden. Aus unerfindlichen Gründen werden dabei Elektroautos als solche mit "Null Emissionen" behandelt - das ist ein ungerechtfertigter Handelsvorteil, ein mittelalterlicher Ablass, eine Unwahrheit. Der ADAC hat gezeigt, dass ein Erdgas-Golf einem Strom-Golf AUTOLEBENSLANG betreffs der CO2-Emissionen überlegen ist. Es ist also Ideologie und sehr wohl eine Zerstörung der Industrie. Nebenbei eine unbegründbare Verteuerung der PKWs insbesondere für Otto Normal und Otto Klein.
etischler 01.11.2019
2. Wir sind doch schon längst dabei
uns zu deindustralieren. Der angebliche Dieselskanal erweist sich als Chimäre, weil ohne Diesel viel mehr CO2 in die Luft gelassen wird, wie gestern berichtet wurde. Der übereilte Atomausstieg vernichtet Spitzen- KnowHow, denn unsere Kernkrafttechnik war weltweit führend. Der KOhleausstieg war zwar richtig, hat aber ebenfalls zu wenig Nachlauf. Die Firmen werden gegängelt und mit Vorgaben überschüttet, so daß sie kaum mehr ertragreich sind. Wo allerdings nichts gemacht wurde, ist der Geldsektor. Die Banken zocken noch immer weiter wie schon zuvor.
zausi 01.11.2019
3. Recht hat er..
Die Industrie und der ganze Zweig von Profitgierigen wird alles unternehmen um den Gewinn zu retten, obwohl von ihren Konten Generationen leben können. Ihnen ist der Normale Kostenfaktor schnurz egal, und das Klima, die Natur erst Recht solange sich kein Profit daraus schlagen lassen kann...
aggro_aggro 01.11.2019
4. Genau das soll passieren
Natürlich soll Industrie verschwinden, und natürlich soll auch der (Konsum-) Lebensstandard sinken. Das ist der ganze Sinn des Umbaus. Dafür werden neue Industrien und Lebensentwürfe entstehen und Konsum wird durch Freizeit und Schönheit ersetzt. Bestes Beispiel ist die Plastikverschmutzung der Ozeane. Rund 50% des Kunststoffmülls sind Fischernetze. Das wird nie thematisiert aber auf Plastiktüten zu verzichten und den Müll zu trennen wird das Problem nicht lösen. Wir müssen die Fischerei von wild lebenden Fischen quasi komplett abschaffen. Millionen Arbeiter der Fischerei werden abgeschafft werden müssen. Wir werden nicht mehr weltweit in jedem Supermarkt an 365 Tagen im Jahr Hochseefisch kaufen können. Wenn wir dieses Problem lösen wollen wird also eine Industrie verschwinden und unser Lebensstandard Alaska-Seelachs im Aldi kaufen zu können auch. Und so ist das mit ziemlich jedem Aspekt des Klima- und Umweltschutzes.
zudummzumzum 01.11.2019
5. Was ist denn "klassische Industrie"
In welches Horn möchte Juncker denn zum Abschied noch tuten? Es gibt keine "klassische Industrie", die es zu bewahren gilt. Auch die Stahlproduktion des Jahres 2019 hat nichts mehr mit der der Jahre 1980, 1940 oder 1900 gemein und woanders sind die Umbrüche noch dramatischer. Sicherlich hat Juncker insofern im Kern recht, als dass wir viel mehr für das produzierende Gewerbe tun müssen. Die Dienstleistungsgesellschaft funktioniert eben nicht, weil wir unseren Wohlstand nicht dadurch halten werden, dass wir uns gegenseitig pflegen, erziehen, die Steuern erklären oder dergleichen. Irgendjemand wird den Kram, den wir brauchen, auch herstellen und transportieren müssen. Also wird es Zeit für eine große Steuerreform, die die Unternehmen (nicht die Unternehmer) drastisch entlastet. Lass doch den Unternehmen ihre Profite und besteuert sie erst, wenn sie aus dem Unternehmen rausgeschafft werden (egal, ob über Gewinne, Löhne oder Vorstandsbezüge). Damit werden insbesondere die Unternehmen bevorzugt, die noch nennenswerte Werte an Produktionsmitteln (Grund und Boden, Maschinen, Patente, ...) brauchen. Wenn er das mit "klassischer Industrie" meint, hätte er doch noch ein paar Gläser Rotwein zwecks Verbesserung der Aussprache zu sich nehmen sollen.
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