Internationales Rotes Kreuz "Die Lage im Jemen gerät außer Kontrolle"

Bürgerkrieg, Hungerkatastrophe und die größte Cholera-Epidemie der Geschichte: Der Jemen versinkt im Chaos. Die bevorstehende Regenzeit könnte die Situation noch verschärfen, warnt Alexandre Faite vom IKRK.

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Ein Interview von


Die Lage im Jemen ist katastrophal: Zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht, 80 Prozent der Bevölkerung können nur mit internationaler Hilfe überleben. Zehntausende Zivilisten starben bereits durch Hunger und den brutalen Bürgerkrieg, der zwischen einer Militärallianz unter Führung von Saudi-Arabien und der Huthi-Miliz sowie Unterstützern des geschassten Langzeitpräsidenten Ali Abdullah Saleh an mehreren Fronten tobt.

Inmitten dieser Kriegswirren berichtete die Weltgesundheitsorganisation im Oktober 2016 von den ersten Cholera-Fällen. Seither hat sich die Krankheit in allen Teilen des Landes rasant verbreitet und ist längst zur größten jemals dokumentierten Cholera-Epidemie geworden.

In den vergangenen Wochen sei es zwar gelungen, die Epidemie besser in den Griff zu bekommen, sagt Alexandre Faite im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Angesichts der bevorstehenden Regenzeit will der Belgier, der für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) im Jemen im Einsatz ist, allerdings keine Entwarnung geben - im Gegenteil: "Die könnte die Situation wieder verschlechtern oder neue Krankheiten mit sich bringen." Lesen Sie hier mehr über die Arbeit des IKRK im Jemen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist momentan die Situation im Land?

Faite: Die Lage im Jemen gerät außer Kontrolle. Das gesamte Gesundheitssystem ist kollabiert, die nationalen Blutbank-Reserven sind fast aufgebraucht. Das Besondere an diesem Konflikt ist: Viele Menschen sterben nicht aufgrund direkter Kampfhandlungen, etwa durch ein Bombardement, sondern an den indirekten Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Faite: Der Jemen war vor einigen Jahren ein mehr oder weniger entwickeltes Land. Es gab Städte, eine ordentliche Infrastruktur - anders als etwa in Somalia. Durch den Krieg ist das aber weitgehend zerstört. Beide Konfliktparteien bombardieren gezielt Elektrizitätswerke, Krankenhäuser und Wasserpumpstationen. Viele Menschen haben kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Folge davon ist die Cholera-Epidemie.

Faite: Ja, wir haben bislang 500.000 Verdachtsfälle gezählt, rund 2000 Menschen sind an Cholera gestorben. Dabei lässt sich die Krankheit eigentlich gut behandeln. Es gibt aber kaum noch Medikamente - und wenn, dann nur zu astronomischen Preisen. Die können viele aber nicht bezahlen, da sie kriegsbedingt zum Teil jahrelang kein Gehalt mehr bekommen haben. Es ist ein Teufelskreis. Und leider nicht das einzige Problem.

SPIEGEL ONLINE: Was bereitet Ihnen außerdem Sorgen?

Faite: Unter anderem chronische Krankheiten wie Diabetes, der im Jemen weit verbreitet ist. Auch diese Krankheit ist eigentlich einfach zu behandeln, aber auch in diesem Fall gilt: Wenn sich die Menschen kein Insulin kaufen oder leisten können, können sie am nächsten Tag tot sein.

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Krieg im Jemen: Elend ohne Ende

SPIEGEL ONLINE: Wie versuchen Sie, das Problem in den Griff zu bekommen?

Faite: Auf zwei Wegen: Zum einen, indem wir Arbeiten machen, die wir noch nie gemacht haben. Das IKRK kümmert sich in anderen Konfliktregionen primär um unmittelbare Kriegsfolgen, etwa Schusswunden. Darin liegt unsere jahrzehntelange Expertise. Nun versuchen wir Basisarbeit zu leisten und unterstützen zum Beispiel Dialysezentren. Zum anderen, indem wir Medikamente einfliegen. Aber auch hier stoßen wir an unsere Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Faite: Der Flughafen von Sanaa ist komplett abgeriegelt. Nur das IKRK, Ärzte ohne Grenzen und die Uno fliegen noch in die Hauptstadt. Eine ähnliche Situation existiert in den Hafenstädten Aden und Hudaida. Es gibt so gut wie keine kommerziellen Schifffahrtsunternehmen, die dort vor Anker gehen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie und ihre Organisation wenigstens im ganzen Land ungehindert arbeiten?

Faite: Wir haben mehr oder weniger Zugang zu allen Regionen. Dort, wo wir aus Sicherheitsgründen nicht hingehen können, arbeiten lokale Mitarbeiter des Roten Kreuzes unermüdlich und behandeln Tausende Menschen jeden Tag.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Teil des Landes ist die Lage am schlimmsten?

Faite: Die Situation ist im ganzen Jemen schwierig. Besonders problematisch ist sie aber tatsächlich in den Städten, vor allem in Taiz.

SPIEGEL ONLINE: Dort kämpfen die beiden Kriegsparteien gegeneinander. Was bedeutet das für Zivilisten?

Faite: Man kommt nur über Trampelpfade hinein oder hinaus - und auch das ist schwierig: Eine Jeep-Fahrt hinein in die Stadt dauert mehrere Stunden. Taiz selbst ist durch die Kampfhandlungen großflächig zerstört. Hinzu kommt, dass es keine Stadtreinigung mehr gibt. Überall liegt Müll auf den Straßen. Dadurch konnte sich die Cholera-Epidemie so schnell ausbreiten. Es gibt in dieser Frontstadt eine hohe Zahl direkter und indirekter Opfer zu beklagen.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Ende des Leidens in Sicht?

Faite: Dieser Konflikt hat bereits heute einen unglaublichen Tribut gefordert - und eine politische Lösung ist leider, so scheint es, bislang in weiter Ferne. Nur eine Waffenruhe würde das Leiden beenden. Ohne diese werden die Menschen im Jemen weiter Tag für Tag leise sterben.

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