Jemen "Deutschland ist Freundesland"

Seit 28 Jahren regiert er den Jemen, jetzt ist Ali Abdullah Salih für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt worden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 64-Jährige über den Anti-Terror-Kampf seines Landes, die Beziehungen zu Deutschland - und die guten Seiten der Kau-Droge Kat.


SPIEGEL ONLINE: Herr Präsident, seit 28 Jahren regieren Sie den Jemen. Vor wenigen Tagen wurden Sie noch einmal für sieben Jahre in Ihrem Amt bestätigt. Was bleibt Ihnen eigentlich noch zu tun?

Salih: Ich will, wie versprochen, die Armut und die Arbeitslosigkeit bekämpfen und die Korruption auslöschen - in konzertierter Aktion mit unseren arabischen Bruderstaaten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine neue Strategie?

Salih: Ich werde zu allen Mitteln greifen, um zum Erfolg zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Zu den großen Herausforderungen gehört die demokratische Integration des politischen Islam, wie Moslembrüder und Dschihadisten...

Salih: Wir wollen auch die extremistischen Kräfte in die politische Mitte hereinzuholen und appellieren an sie, radikales Gedankengut aus ihren Programmen zu entfernen.

SPIEGEL ONLINE: Das hat nicht gereicht: Erst vor wenigen Tagen konnte ein Terroranschlag auf eine Raffinerie gerade noch vereitelt werden...

Salih: Wir jagen die terroristischen Zellen unnachgiebig: Unmittelbar nach dem Angriff auf die Erdölanlagen in den Regionen Marib und Hadramaut wurden mehrere Attentäter in Feuergefechten mit unseren Sicherheitskräften getötet und einer gefasst. Es waren die Anführer dieser gefährlichen Bande.

SPIEGEL ONLINE: Im Februar sind 23 Männer, die am Attentat auf den US-Zerstörer Cole in Aden beteiligt gewesen sein sollen, aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen. Wie konnte das geschehen?

Salih: Die hatten einen Tunnel gegraben und entwischten. Die Wächter hatten das nicht bemerkt. Ähnliches passierte auch in Afghanistan, in Saudi-Arabien und im Irak. Immerhin haben wir elf der Ausbrecher wieder gefasst und den anderen sind wir auf der Spur. Nach all den Festnahmen, Tötungen und Selbstmordattentaten bleiben eh nur noch acht übrig - und denen sind wir auf der Spur.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Regierung arbeitet eng mit den USA zusammen. Bei der Bevölkerung des Jemen ist Amerika zurzeit aber sehr unbeliebt...

Salih: ...der Terrorismus ist ein Übel, das wir grundsätzlich beseitigen müssen. Da arbeiten wir mit allen Staaten und Regierungen zusammen - unabhängig davon, welche Politik dieser oder jener Staat im Einzelnen verfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Traditionell gut sind Jemens Beziehungen zu Deutschland. Haben Sie Reisepläne nach Berlin?

Salih: Ich unternehme jährlich eine Routinereise, um mich medizinisch untersuchen zu lassen; wenn ich kann, verbinde ich solche Privatreisen auch mit politischen Terminen. Bei meinem nächsten Besuch würde ich gerne Bundeskanzlerin Merkel kennen lernen. Für den Jemen gilt: Deutschland ist Freundesland. Und wir hoffen natürlich, dass Berlin sich auch auf der in London geplanten Konferenz der Geberländer erneut für uns einsetzen wird.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Deutsche ist der Jemen ein Land von großer Kultur und landschaftlicher Schönheit, aber jeder denkt beim Jemen auch an die Kaudroge Kat. Verbraucht der Kat-Anbau nicht zu viel kostbares Wasser und entzieht der Volkswirtschaft erhebliche Finanzressourcen?

Salih: Kat ist kein Rauschgift. Es ist eher, wie wenn Sie Tee trinken: Man kaut den Kat, besonders wenn man mit Literaten und Künstlern zusammensitzt. Kat hat auch einen Nutzeffekt: Junge Leute, die Kat kauen, nehmen keine harten Drogen.

SPIEGEL ONLINE: Erneut sind in den letzten Monaten ausländische Touristen im Jemen entführt worden, darunter der ehemalige deutsche Diplomat Jürgen Chrobog. Warum kriegen Sie diese Plage nicht in den Griff?

Salih: Herrn Chrobogs Entführer haben wir gefasst, sie werden jetzt vor Gericht gestellt. Bei diesen Entführungen handelt es sich nicht um ein politisches Problem, sondern darum, dass bestimmte Leute nicht verstehen, was staatliche Ordnung bedeutet. Aber wir sind dabei, die staatliche Ordnung durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Gefahr wirklich gebannt? Wir wollen morgen in den Südosten des Landes. Sollen wir den Landweg nehmen oder fliegen?

Salih: Um ganz sicher zu gehen, nehmen Sie lieber das Flugzeug.

Das Interview führten Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand



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