Milizen-Machtkampf im Jemen Wie den Saudis der Krieg entglitt

Im Jemenkrieg gehen die Verbündeten von Saudi-Arabien und den Emiraten nun aufeinander los. In Aden haben die Separatisten die Macht übernommen, die für einen eigenen Staat im Südjemen kämpfen.

Sein gewaltsamer Tod hat die Kämpfe ausgelöst: Milizenführer Munir al-Jafi wurde bei einem Aufmarsch seiner Truppe durch eine Explosion getötet
REUTERS

Sein gewaltsamer Tod hat die Kämpfe ausgelöst: Milizenführer Munir al-Jafi wurde bei einem Aufmarsch seiner Truppe durch eine Explosion getötet

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Man kann nicht alles kaufen. Auf dieses Resümee lässt sich verdichten, was dieser Tage in Aden, der Hafenmetropole im Südjemen, geschieht. Und was der Untergang des Jemen als Staat bedeuten könnte: Dass es nicht mehr darum geht, wer das ganze Land beherrscht, sondern darum, dass die streitenden Regionen den Staat in einem Verteilungskampf zerreißen werden - munitioniert und ermutigt von den superreichen Golfmonarchien, die sich einen Krieg und einen Sieg kaufen wollten.

Aber der Reihe nach: Seit Mittwochmittag schossen in Aden Truppen aufeinander, die eigentlich Verbündete waren. Die Kämpfer der Miliz "Sicherheitsgürtel" gingen auf die Präsidentengarde los. Beide unterstehen offiziell der "international anerkannten Regierung", wie es stets heißt, von Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi. Der ist in Wirklichkeit auf Gedeih und Verderb von der Koalition aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) abhängig.

Alle Appelle der Schutzmächte in Riad und Abu Dhabi, der Uno, selbst der US-Regierung zur Feuereinstellung verhallten ungehört. Bis am Samstag die Einheiten des "Sicherheitsgürtels" den Präsidentenpalast in Aden überrannten und die Garde sich ergab.

Saudi-Arabiens Kronprinz wollte den Krieg kaufen

Auslöser des jüngsten Gewaltausbruchs war eine Explosion eine Woche zuvor inmitten einer Militärparade des "Sicherheitsgürtels", bei der 35 Menschen starben. Unter ihnen auch Munir al-Jafi, einer der höchsten Kommandeure. Für die Detonation war erst al-Qaida verantwortlich gemacht worden, dann bekannten sich die Huthis dazu: der eigentliche Gegner in diesem seit 2015 andauernden Krieg.

Dieser Krieg hatte damit begonnen, dass diese im Kern schiitische Aufstandsbewegung der Huthis aus dem Nordjemen das Chaos nach der Absetzung von Langzeitdiktator Ali Abdullah Saleh nutzte. Sie nahmen erst die Hauptstadt Sanaa, dann die zweitwichtigste Stadt Aden ein - mit, obgleich verhaltener, Unterstützung Irans, des ewigen Kontrahenten der Saudis um die Vormacht in der Region.

Saudi-Arabiens ebenso unerfahrener wie machtbesessener Kronprinz Mohammed bin Salman sah rot - und befahl den Krieg. Die VAE folgten. Doch so wie sich die beiden Staaten stets ausländische Dienstboten, Bauarbeiter und Verbündete gekauft haben, wollten sie sich auch diesen Krieg kaufen. Saudi-Arabien versuchte vergeblich, die pakistanische und die ägyptische Armee anzumieten, schickte kolumbianische Söldner. Die VAE bauten stattdessen unter Führung eines australischen Ex-Generals ein Netz jemenitischer Milizen auf.

Aufgepumpt mit Geld und Waffen entstanden Kampfverbände mit so illustren Namen wie "Sicherheitsgürtel", "Giganten", "Tihama Resistance Front" und einer als "Gruppe Tareq" firmierenden Einheit unter dem Kommando eines Neffen von Ex-Diktator Saleh. Eigentlich sollten diese und weitere Milizen gegen die Huthis kämpfen. Eigentlich unterstehen sie alle Hadis Regierung. Eigentlich wollen Saudi-Arabien und die VAE den Jemen in eine geeinte und friedliche Zukunft führen. Eigentlich.

"Der Jemen, wie wir ihn kannten, ist Geschichte"

Doch in Wirklichkeit verfolgt jede dieser Milizen ihre ganz eigenen Ziele, allen voran der "Sicherheitsgürtel" unter politischer Führung der südjemenitischen Sezessionisten, die ihre 1990 verlorene Unabhängigkeit wiederhaben wollen. Von diesen einstigen Marxisten der "Volksrepublik Südjemen" wiederum wollen die ebenfalls aus dem Süden stammenden Tihama-Kämpfer unabhängig werden.

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Andere Akteure, wie die von Saudi-Arabien unterstützte Islah-Partei, möchten zwar die Einheit bewahren, aber unter ihrer Kontrolle. Präsident Hadi selbst ist eine Marionette Saudi-Arabiens, der aus seiner Exil-Villa im Königreich nur in den Jemen reisen darf, wenn es seinen Gastgebern passt.

Der jemenitische Analyst Farea Al-Muslimi, derzeit am Chatham House in London, hat seit Langem vor dieser Entwicklung gewarnt. Er hatte schon Anfang 2018, nachdem dieselben Fraktionen in Aden bereits einmal aufeinander losgegangen waren, gesagt: "Der Jemen, wie wir ihn kannten, ist Geschichte."

So brach in Aden nun abermals die Schlacht unter Verbündeten los. Sie begann auf der Beerdigung von Kommandeur Jafi. Seine Sezessionisten glaubten nicht, dass die Huthis ihn umgebracht hatten. Kader der Islah-Partei hätten Hadis Palastgarde unterwandert, die in Aden dessen leer stehenden Dienstsitz bewacht. Hani Ali bin Brik, Vizepräsident der südjemenitischen Führung, rief auf zum Kampf: "Menschen des Südens und des Widerstands! Marschiert zum Palast und stürzt die Regierung des Terrors und der Korruption!" Er sprach da über seine eigene Regierung.

Die VAE sind kriegsmüde

Beide Seiten erklärten anschließend, weiterhin die von Saudi-Arabien geführte Koalition zu unterstützen. Die Führung in Riad mahnte lediglich dazu, Ruhe zu bewahren, ohne Unterstützung für die eine oder andere Seite zu erwähnen. Nach dem Untergang der letzten Bastion ihres Marionetten-Präsidenten Hadi lud Saudi-Arabien "alle beteiligten Konfliktparteien" zu Gesprächen nach Riad ein.

Saudi-Arabien würde den Krieg gegen die Huthis gerne weiterführen, aber kann es nicht allein. Die VAE wiederum wollen nicht mehr. Sie könnten auch mit einem unabhängigen Südjemen leben, dessen sämtliche Häfen sie bereits kontrollieren, und haben ihr Interesse an diesem Krieg verloren, den auch nach Zehntausenden Toten und einer grassierenden Hungersnot im Huthi-Gebiet keine Seite gewinnen kann. Außerdem überwiegt die Angst vor einer Eskalation im Golf zwischen USA und Iran, woraufhin die Emirate ihre Truppen in den vergangenen Monaten weitgehend aus dem Jemen abgezogen haben.

Aber die Milizen, die sie geschaffen haben, sind noch da, Zehntausende Mann stark und nun in Eile, ihre eigentlichen Ziele zu erreichen.

Man kann eben nicht alles kaufen.

insgesamt 9 Beiträge
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legeips62 13.08.2019
1. Die Waffenlieferungen sind bis
September ausgesetzt, aber dann wird wieder Geld verdient. Die Frage ist nur, wieso funktionieren diese Waffen im Ausland und bei uns ist alles Schrott? Liegt wohl am TÜV. https://www.tagesschau.de/inland/saudi-arabien-ruestung-101.html... https://www.spiegel.de/politik/ausland/waffenlieferungen-berlin-genehmigt-waffenlieferungen-fuer-eine-milliarde-an-jemen-kriegsparteien-a-1272658.html...
optimist2030 13.08.2019
2.
Erstaunlicher Artikel in dem dem IRAN mal nicht alles in die Schuhe geschoben wurde. Aber ansonsten gut aufgezeigt, um was es eigentlich geht. Mein Respekt. Machtgelüste einzelner, die sich nicht für die Menschen interessieren. Die Saudis versuchen halt mal es dem großen Bruder nachzumachen. Hat halt nicht funktioniert. Ein Land lässt sich von niemanden besiegen, wenn die Bevölkerung nicht dafür ist.
hamburgwolfgang 13.08.2019
3. Das sieht Donald Trump ganz anders.
Er sieht doch nur den Iran als Schuldigen am Krieg dort. Das weil er eben ein Nobody in Politik ist und keine Ahnung von den Verhältnissen dort hat. Kriegslüstern sind nur die Saudis, und das nicht mal mit ihren eigenen Soldaten, nein da müssen Söldner her, die man kaufen kann, was aber hier auch nicht funktioniert hat.
Referendumm 13.08.2019
4. und warum
wird das so verklausuliert erwähnt? Der Council on Foreign Relations (CFR) ist eine der größten, wichtigsten und einflussreichsten Denkfabriken der Welt. Sein Einfluss nicht nur auf die Washingtoner Politik ist mannigfaltig ... Dabei ist der CFR tatsächlich nur ein weiterer Zweig einer viel älteren und weit unbekannteren Organisation: dem Royal Institute of International Affairs (RIIA). ... *Für das RIIA wird gerne das Synonym Chatham House*, dem Sitz des RIAA am St. James Square, London, verwendet. Es wird von der Vielzahl an Experten in der Außenpolitik als die einflussreichste Denkfabrik der Welt bezeichnet. (https://www.konjunktion.info/2019/01/im-rampenlicht-die-koepfe-des-globalismus-das-royal-institute-of-international-affairs/)
zadar 13.08.2019
5. @2
In der Tat ist nicht einfach jemanden zu besiegen, wenn es keinen zentralen Kopf gibt der eine Kapitulation unterschreiben kann. Viel problematischer in vielen Teilen der Welt sind jedoch Paramilitärische Verbände. Man kann ihnen Geld und Waffen geben und erhält dadurch die Illusion von Kontrolle. In der Praxis führen diese jedoch ein Eigenleben und handeln nur opportun.
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