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14. Januar 2010, 10:07 Uhr

Jemen

"Wir müssen die Terroristen in die Knie zwingen"

Mit massivem Militäreinsatz bekämpft Jemens Regierung al-Qaida und Rebellen im Norden des Landes. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Religionsminister Hammud al-Hitar über die Resozialisierung von Dschihadisten, den Aufstand der Rebellen und das Schicksal der deutschen Geiseln.

SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, US-Präsident Obama, der deutsche Außenminister Westerwelle und andere internationale Politiker dringen auf mehr Engagement Ihres Landes im Kampf gegen al-Qaida.

Hitar: Und das ist richtig so. Wir müssen diese gnadenlosen Terroristen in die Knie zwingen. Die wenden sich gegen jeden, der ihre zerstörerische Ideologie nicht teilt. Die sind aus der Wirklichkeit abgetaucht. Das macht sie so gefährlich, selbst wenn die Zahl ihrer Kämpfer eher niedrig ist.

SPIEGEL ONLINE: Reicht es denn da aus, die vermuteten Qaida-Stellungen mit Bombenteppichen zu belegen?

Hitar: Dass man zunächst ihre militärische Schlagkraft brechen muss, steht außer Frage. Genau das tun ja auch die Amerikaner in Afghanistan, wo sie die Taliban, unter deren Augen Osama Bin Laden seine Terrortruppe aufbaute, mit schweren Waffen zu bezwingen versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Also kämpfen bis zum Sieg?

Hitar: Nein, denn das beste Mittel, die Gefahr durch die Qaida-Dschihadisten zu bannen oder zumindest einzudämmen, ist der Dialog. Mit Pistolen und Knüppeln sind religiöse Ansichten nicht zu bekämpfen.

"Man kann nicht alle Dschihadisten über einen Kamm scheren"

SPIEGEL ONLINE: Lassen sich ideologisch Verrannte denn wirklich auf einen Dialog ein? Sie halten sich doch für die Auserwählten, die im Auftrag Allahs handeln und glauben, den Islam besser zu verstehen als alle anderen.

Hitar: So ist es, und das macht es ja auch so schwer, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber wir müssen es tun, sonst erfasst ihr Gift immer mehr Jugendliche.

SPIEGEL ONLINE: Sie wissen, wovon Sie sprechen, denn 2004 haben Sie im Regierungsauftrag ein Rehabilitationsprogramm für Dschihadisten gegründet.

Hitar: Wir haben unter anderem gelernt, dass man nicht alle Dschihadisten über einen Kamm scheren kann. Ganz Hartgesottene sind die Ausnahme. Wir haben es meistens mit Leuten zu tun, die vor vielen Jahren von ihren Regierungen unter Beifall der Amerikaner nach Afghanistan geschickt wurden, um die sowjetischen Besatzer aus dem islamischen Land zu vertreiben. Das gelang auch. Doch dann veränderte sich die Weltlage: Die Sowjetunion verschwand, die Mudschahidin wurden nicht mehr gebraucht. Einige blieben daher in Afghanistan und in der pakistanischen Grenzregion, andere wagten die Rückkehr in ihre Heimatländer, wo sie mit den sich verwestlichenden Gesellschaften nicht mehr klar kamen und im Gefängnis landeten.

SPIEGEL ONLINE: Viele gingen in den Jemen, wo sie nun der Regierung das Leben schwer machen.

Hitar: Ja, und mit denen, die wir verhaften konnten, begannen wir dann den Dialog. Sie wollten erst nicht. Als wir ihnen erklärten, dass wichtige islamische Gelehrte mit ihnen diskutieren wollten, lachten sie uns aus und sagten: "Die gibt es im Jemen doch gar nicht". Bei sehr vielen ließ sich die Gehirnwäsche aber doch rückgängig machen. Es war richtig, dass wir dabei auf die Kraft islamischer Argumente setzten. Manchmal dauerte der Prozess wenige Wochen, bei manchen aber auch fast fünf Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten aber auch Fehlschläge, einige der vermeintlich Geläuterten kehrten zu ihrer radikalen Kampfphase zurück.

Hitar: Man kann die Seelen nicht ergründen, aber der Dialog war dennoch rundum ein Erfolg. Unsere besten Waffen waren Koran und Sunna. Wir überzeugten sogar enge Kampfgefährten Osama Bin Ladens. Die meisten wurden freigelassen. Wir halfen ihnen auch mit einem beruflichen Neuanfang.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele haben Sie bekehrt?

Hitar: Über 400, von etwa 600, die das Programm bis heute durchliefen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch lief das Dialog-Programm aus…

Hitar: Er wird bald weitergehen.

"Der Staat muss sich gegen die Rebellen wehren"

SPIEGEL ONLINE: Rabiate Dschihadisten halten Sie, nicht zuletzt wegen dieser Arbeit, für einen Feind. Haben Sie keine Angst?

Hitar: Durchaus, auch viele meiner Kollegen. Aber wir glauben an unsere Mission, wir haben keine Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Außer gegen den Terror kämpft Ihr Land an zwei weiteren Fronten. Im Norden eskaliert ein blutiger Krieg zwischen schiitischen Rebellen und Regierungstruppen. Woran ist der religiöse Frieden im Jemen zerbrochen?

Hitar: Der Eindruck täuscht, er ist nicht zerbrochen. Seit Jahrhunderten leben im Jemen verschiedene Glaubensgemeinschaften friedlich zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch sterben in diesem Konflikt seit Jahren Tausende Ihrer Bürger…

Hitar: Im Grunde dürfte es den Konflikt gar nicht geben. Die Anhänger des Huthi-Clans sind Fünfer-Schiiten, also Zaiditen, ebenso wie der Staatspräsident, zahlreiche Entscheidungsträger und Millionen von Jemeniten. Doch leider scheren die Huthis gezielt aus der Tradition aus, gründen etwa Schulen, die nur für ihre Anhänger bestimmt sind. Sie schüren einen bislang unbekannten Konfessionalismus. Dabei beten bei uns schiitische Zaiditen und sunnitische Muslime sogar in denselben Moscheen. Und nachdem die Huthis bei den Parlamentswahlen die großen Verlierer waren, griffen sie zu den Waffen. Die Rebellen haben ganze Landstriche verwüstet, weswegen Tausende aus ihren Dörfern und Kleinstädten geflüchtet sind. Der Staat muss sich dagegen wehren.

SPIEGEL ONLINE: Die Rebellen machen dagegen geltend, dass der Staat sie diskriminiere und vernachlässige.

Hitar: Unser Staat hat wenig Geld, und die Erdöleinnahmen sinken. Darunter leiden alle Landesteile. Die Klage der Huthis ist nicht glaubwürdig. Bei ihnen selbst ist es so, dass die großzügigen Spenden aus dem Ausland allein den Clan-Mitgliedern zugute kommen.

"Ich wünschte, die Kriegsparteien würden Verhandlungen den Vorrang geben"

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung bekämpft den Aufstand massiv. Bei Luftangriffen im Norden kamen viele Unschuldige ums Leben, auch Frauen und Kinder.

Hitar: Das ist furchtbar. Ich erwarte, dass die Entscheidungsträger strikte Anweisungen erteilen, einen Angriff lieber auszusetzen, denn Menschenleben müssen Priorität haben. Ich wünschte, die Kriegsparteien würden Verhandlungen den Vorrang geben. Das Angebot der Regierung, einen Waffenstillstand auszurufen, wäre ein guter Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Im Nordjemen wurden im Sommer vergangenen Jahres ein britischer Ingenieur und eine deutsche Familie verschleppt. Wer steckt Ihrer Ansicht nach dahinter?

Hitar: Sie wurden in einem Gebiet entführt, in dem die Huthi-Rebellen das Sagen haben. Aber weil sich dort auch Qaida-Zellen befinden, weiß ich nicht, wer die Hauptverantwortung trägt. Eins steht fest: Wer immer die Gruppe in seine Gewalt gebracht hat - einige Geiseln aus der Gruppe wurden ja bereits ermordet -, verstößt gegen Islam und Koran.

SPIEGEL ONLINE: Vermuten Sie eine Allianz zwischen den Huthis und der Qaida?

Hitar: Zumindest muss es begrenzte Absprachen geben, Hinweise gibt es genug. Doch ich bin kein Experte.

SPIEGEL ONLINE: Al-Qaida ist extrem anti-schiitisch.

Hitar: Im Prinzip trifft das zu. Aber dass al-Qaida sich nicht scheut, pragmatische Abmachungen zu treffen, weiß man aus dem Irak.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr in Sanaa

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